Im Westen von Oppeln bei Neustadt schloss die Rote Armee am 18. März 1945 den Kessel, somit war für die deutschen Truppen der Fluchtweg in Richtung Westen versperrt. Die deutschen Truppen lieferten sich erbitterte Kämpfe. Nach sowjetischen Angaben fielen zwischen Oder und Glatzer Neiße mehr als 40.000 deutsche Soldaten, weitere 14.000 gerieten in Gefangenschaft. Am 17. und 18. März 1945 erreichte die Rote Armee Lamsdorf, und die wenigen Kriegsgefangenen im Stalag 344/Lamsdorf erlangten ihre Freiheit wieder.
Zwischen Goldmoor und Szydlow: Das Ende des Krieges
Am 8. Mai 1945 war der schreckliche Krieg endlich zu Ende. Das Leiden der schlesischen Zivilbevölkerung nahm jetzt erst seinen Lauf. Die materielle Situation war dramatisch. Ein Verfall sittlicher Normen als Folge des Krieges begünstigte die Entstehung von Räuberbanden, die durch die Lande zogen und ihr Unwesen trieben.
Unsere Familie zog dann in das vier Kilometer entfernte Dorf Goldmoor um. Das kleine, etwa 800 Einwohner zählende Dorf hatte in kurzer Zeit drei Ortsnamen: bis 1936 Schiedlow, von 1936 bis 1945 Goldmoor und ab 1945 Szydlow.
In der abgelegenen Försterei im Wald wurde es für uns dann zu gefährlich. Zunächst zogen wir in Goldmoor in eine Baracke ein, in der noch vor kurzem ein Kindergarten gewesen war – im Schrank fand ich sogar ein Glas Honig. Hier lebten wir einige Wochen. Unsere neuen Nachbarn rieten uns allerdings, in das gegenüberliegende leerstehende Haus zu ziehen, da es im Winter in der Holzbaracke zu kalt werden würde. Damals waren die Winter noch sehr streng.
Mein Großvater wollte dies zunächst nicht, da uns das Haus ja nicht gehörte. Die Nachbarn versuchten ihn jedoch zu überreden, da der Hausbesitzer noch rechtzeitig geflüchtet sei. Er sei ein Nazi gewesen und würde wahrscheinlich nicht mehr zurückkommen. Mutter und Tante drängten meinen Großvater zum Umzug, und nach langem Hin und Her ließ er sich schließlich überzeugen, sodass wir in das leerstehende Haus umzogen.
Nach und nach richteten wir uns im neuen Zuhause ein und gruben die im Wald in Eleonorensgrün vergrabenen Sachen wieder aus. Einen Teil der Gegenstände brachte Großvater nach Goldmoor, einen anderen Teil zu Bekannten nach Frühauf zur Aufbewahrung, da er noch abwarten wollte, wie sich die Lage in nächster Zeit entwickeln würde.
Ein chaotisches Zusammenleben und das Verbot der Muttersprache
Mitte Juni 1945 kamen die ersten polnischen Familien ins Dorf und besetzten die leerstehenden Häuser. Schließlich waren bis zu 40 Prozent der Einwohner Polen. Ab Mitte April 1945 übernahm die polnische Verwaltung nach und nach die Macht im Landkreis Falkenberg, jetzt Niemodlin.
Die Polen kamen aus dem Gebiet Wolhynien, das bis zum Kriegsende polnisches Gebiet war und heute im westlichen Teil der Ukraine liegt. Was wir damals nicht wussten, war, dass die Polen in ihrer alten Heimat viel Leid ertragen hatten. Vom 9. Februar 1943 bis zum Kriegsende wurden Massaker an der polnischen Zivilbevölkerung durch die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und ihren militärischen Arm, die UPA, mit dem Ziel ethnischer Säuberungen durchgeführt. Annähernd 100.000 Polen wurden auf brutale Weise von ukrainischen Nationalisten ermordet.

Quelle: privat
Das Zusammenleben mit den zugezogenen Polen war in dieser Zeit sehr chaotisch. Die Polen sprachen kein Deutsch und die Deutschen kein Polnisch. Zudem war es verboten, Deutsch zu sprechen. Wer dagegen verstieß, musste mit einer Strafandrohung oder Bestrafung rechnen.
Im ersten Nachkriegsjahr wurde in der Schule in Szydlow ein Polnischkurs für Erwachsene eingerichtet. Meine Mutter und meine Tante nahmen ebenfalls daran teil. In der Schule schrieben sie polnische Vokabeln in ihre Hefte, um sie anschließend zu Hause zu lernen. Da man damals nicht an einen dauerhaften Zustand glaubte, fehlte die Motivation, Polnisch zu lernen, obwohl das Sprechen der deutschen Sprache bestraft wurde.
Die deutsche Zivilbevölkerung wurde für die Verbrechen im Namen des Dritten Reiches verantwortlich gemacht, die mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 begonnen hatten. Der Hass auf die Deutschen war überall gegenwärtig.
In Goldmoor/Szydlow musste auch die Totenruhe darunter leiden. Auf dem Friedhof wurden Gräber geschändet, Denkmäler aus ihrer Verankerung gerissen und umgeworfen. Bei den Denkmälern, die stabil geblieben waren, wurden die deutschen Inschriften mit Zement zugeschmiert. Diese Ereignisse waren für die Integration der Polen nicht gerade förderlich.
Der Weg ins Lager Lamsdorf
General Alexander Zawadzki erließ als Wojewode am 18. Juni 1945 den Befehl, die deutsche Zivilbevölkerung aus ihren Wohnungen zu vertreiben und in Internierungslager zu überführen.
Mit dem Beschluss der Kreisverwaltung Niemodlin (bis Kriegsende Falkenberg) entstand im Juli 1945 das Arbeitslager Lamsdorf/Lambinowice, polnische Bezeichnung: „Obóz pracy w Lambinowicach 1945/46“. In dem Lager wurde die deutsche Zivilbevölkerung interniert, mit dem Ziel, sie in den Westen Deutschlands zu verbringen, was dann auch teilweise geschah.
In das Lager gerieten Menschen aus etwa 150 Ortschaften aus ganz Schlesien. Die grundlegende und zahlenmäßig größte Gruppe der Inhaftierten bildeten die Bewohner von über 39 umliegenden Dörfern sowie aus den Städten Falkenberg, Neustadt/Prudnik und Oppeln/Opole.

Quelle: privat
Fast alle Bewohner unseres Dorfes Szydlow/Goldmoor kamen am 18. Oktober ins Lager Lamsdorf. Es muss wohl in den Morgenstunden gewesen sein, als fremde Männer in unsere Küche kamen. Unsere Familie, insgesamt fünf Personen, wurde aufgefordert, unser Haus zu verlassen und uns zum Sammelplatz zu begeben.
Eilig packten wir noch unsere Taschen. Als wir auf der Kirchstraße ankamen, sahen wir bereits kleine Menschengruppen mit Gepäck. Als wir an einem Hofeingang vorbeigingen, sahen wir eine große Gruppe polnischer Menschen vor dem Hoftor stehen, auch Kinder waren dabei. Es gab Beifall, Gelächter und Zurufe, die wir nicht verstanden.
Als wir diese Menschenansammlung passiert hatten, schaute ich mich noch einmal um und sah einen etwas älteren Jungen auf mich zukommen. Plötzlich gab er mir einen kräftigen Tritt in den Hintern. Es tat noch lange weh. Den Namen des Jungen möchte ich hier nicht nennen.
Der Sammelplatz befand sich an der Ecke Oppelner Straße/Abzweigung zum Bahnübergang auf einer Wiese. Viele Familien saßen in kleinen Gruppen auf dem Rasen und warteten auf den Abtransport ins Lager Lamsdorf.
Dann sprach sich herum, dass diejenigen, die die polnische Sprache beherrschten, sich beim Kommandanten melden konnten. Dieser schickte anschließend die Familien wieder nach Hause. Meine Großeltern konnten Polnisch, nur hatten sie sich zunächst nicht getraut, sich zu melden.
Mutter und Tante drängten meinen Großvater schließlich dazu, sich doch zu melden, was er dann auch tat. Er kam erfreut zurück und sagte, dass wir wieder nach Hause gehen dürften. Das taten wir dann auch sofort.
Kurz nach Verlassen des Platzes in Richtung Dorfmitte kamen zwei Männer aus einem Gehöft auf die Straße. Der eine hieß Sepp und sagte: „Wohin, Kawalek?“ Der Großvater antwortete, dass der Kommandant uns erlaubt hätte, nach Hause zu gehen. Darauf antwortete Sepp: „Zurück, Partei.“
Also mussten wir wieder zurück auf die Wiese und wurden später mit einem Lkw nach Lamsdorf gebracht.
Die Fahrt auf dem Lkw ist mir bis heute gut in Erinnerung geblieben. Damals war ich viereinhalb Jahre alt. Sepp heißt auf Polnisch Jerzy. Er war ein polnischer Zwangsarbeiter bei einem deutschen Bauern in unserem Dorf. Das Kuriose ist, dass dieser Sepp später eine deutsche Frau heiratete und in den sechziger Jahren nach Deutschland umsiedelte.
Mein Großvater war nicht in der Partei, sonst hätte er das Lager wahrscheinlich nicht lebend verlassen. Im Lager wurden wir in einer Holzbaracke untergebracht, die in Stuben eingeteilt war.

Foto: Klaus Kawalek
In unserer Stube waren vier Familien mit Kindern aus Goldmoor, unter anderem auch die Familie Englisch. Meine Tante, meine Mutter und ich bekamen ein Stockbett neben der Tür zum Korridor zugewiesen. Links an der Außenwand beim Fenster befand sich die Familie Englisch (die Mutter mit vier Kindern).
Ella, meine heutige Frau, war damals eineinhalb Jahr alt. Sie war das jüngste Familienmitglied. Mein Großvater kam in die Männerbaracke und meine Großmutter in die Frauenbaracke.
Hunger, Entbehrung und der Tod der Großmutter
An das Lagerleben haben sich mir einige Erinnerungen eingebrannt. In der Mitte des Zimmers stand ein runder Eisenofen (ein sogenannter Kanonenofen). Meine Mutter und meine Tante arbeiteten in der Küche. Manchmal brachten sie Kartoffelschalen mit. Diese klebte ich dann an den Ofen, um sie anzubraten – daraus wurden meine Pommes.
Morgens gab es eine dünne Suppe, die mit einem Löffel (aus einer Blechkonserve) ausgelöffelt wurde, und abends zwei bis drei Pellkartoffeln, mit Salz bestreut. Wir hatten alle ständig Hunger.
An einem sonnigen Tag versuchten wir Kinder einmal, hinter dem Drahtzaun Wasserrüben zu erreichen. Plötzlich holte uns eine Frau von dort weg. Sie sagte, dass wir sofort verschwinden sollten, weil der Posten im Überwachungsturm dort stand und uns bereits gewarnt hatte, dass er schießen würde. So mussten wir Kinder leider ohne Rüben zurückgehen.
Eines Morgens, als ich aus der Baracke auf das Hofgelände kam, standen Männer in einer Reihe und liefen auf der Stelle. Ob man das als Morgengymnastik bezeichnen kann, weiß ich nicht. Allerdings erkannte ich an der linken Seite der Reihe meinen Opa und lief zu ihm hinüber. Er wies mich jedoch zurück und sagte, dass ich hier nicht sein dürfe, und schickte mich auf mein Zimmer.
Das Leben im Lager war für uns Kinder von Hunger und Langeweile geprägt. Ein anderes Mal, bei schlechtem Wetter, hielten wir Kinder uns im Barackenkorridor auf. Wahrscheinlich waren wir zu laut, jedenfalls forderten uns ältere Frauen auf, auf den Hof oder in unsere Zimmer zu gehen.
Nachmittags, wenn meine Mutter von der Arbeit kam, suchte sie mich oft nach Läusen und Nissen ab, denn ich hatte ständig starken Juckreiz.

Quelle: privat
Manchmal kamen fremde Personen in unser Zimmer und verteilten sogenannte Liebesgaben (so wurden diese damals genannt). Im Nu bildete sich um die Person eine Menschentraube. Auch alle Kinder hielten ihre Hände hoch, um etwas zu bekommen, leider vergebens. Vermutlich waren die mitgebrachten Lebensmittel nur für die eigene Verwandtschaft bestimmt.
Unweit unserer Baracke befand sich ein Toilettenhäuschen aus Holz mit mehreren Kabinen, ein sogenanntes Plumpsklo. Mit anderen Kindern versuchte ich einmal, leere Konservendosen durch die Öffnung des Plumpsklos mit einem langen Drahtgestänge herauszufischen. Die Dosen schwammen in der Jauche, in der es von weißen Würmern wimmelte.
Das Herausangeln der Dosen gelang uns leider nicht. Warum wir Kinder nach den leeren Dosen suchten, weiß ich nicht. Auch weiß ich nicht, warum sich überhaupt Dosen im Plumpsklo befanden. Aus heutiger Sicht kann ich mir nur vorstellen, dass die Absicht, eine zweite Dose zu besitzen, darin bestand, mehr Suppe zu bekommen, da der Hunger groß war.
Schon nach fünf Wochen wurden wir freigelassen. Der Grund war wahrscheinlich, dass mein Großvater Polnisch sprechen konnte. Die Familie Englisch war etwas besser gestellt, da Herr Paul Englisch (Ellas Vater) nicht im Lager war. Er war Eisenbahner und mit anderen Männern aus Szydlow am Bahnhof von Szydlow interniert. Sie wurden für die Aufrechterhaltung des Zugverkehrs gebraucht.
Als Ellas Vater wieder frei war, fuhr er zum Betteln in die Dörfer des Oppelner Kreises. Die erbettelten Lebensmittel brachte er anschließend nach Lamsdorf zu seiner Familie ins Lager.
Die Deutschen im Oppelner Kreis blieben verschont, da sie zweisprachig waren und in ihrer Heimat verbleiben konnten. Die Familie Englisch wurde erst am 27. Mai 1946 entlassen.

Foto: Klaus Kawalek
Das Lager wurde im Oktober 1946 aufgelöst. Aufgrund der unmenschlichen Bedingungen und Folterungen starben von den etwa 9.000 internierten Deutschen zwischen 1.000 und 1.500 Menschen im Lager. Auch meine Großmutter starb dort und wurde in einem Massengrab beigesetzt.
Die Geschichte des unrühmlichen Lagers Lamsdorf reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. In den Jahren 1870 und 1871 fand der Preußisch-Französische Krieg statt. Hier wurde ein Truppenübungsplatz eingerichtet, und französische Kriegsgefangene kamen in das angeschlossene Lager.
Im Ersten Weltkrieg wurden Kriegsgefangene vieler anderer Nationalitäten hier inhaftiert. Im Zweiten Weltkrieg vergrößerten die Nationalsozialisten das Lager. Hierher kamen etwa 300.000 Kriegsgefangene verschiedener Nationalitäten. Rund 40.000 sowjetische Kriegsgefangene verloren hier ihr Leben und wurden in Massengräbern verscharrt.
Rückkehr in die Trümmer und ein schwerer Abschied
Nach der Entlassung aus dem Lager kehrte unsere Familie ohne meine Großmutter in das Haus nach Szydlow zurück.
Alle Türen standen zur Begrüßung offen. Alles war durcheinander, verdreckt und geplündert. Es gab nichts zu essen. Ich war stark geschwächt und konnte nur noch langsam seitwärts gehen.
Daraufhin brachte man mich zu Verwandten meiner Großmutter nach Ochotz. Sie hatten einen kleinen Bauernhof, und dort wurde ich wieder aufgepäppelt. Nach einigen Monaten kehrte ich zurück.
Im Dorf Ochotz blieben alle deutschen Bewohner in ihren Häusern. Es gab keinen Leerstand, daher konnten sich dort keine Polen ansiedeln. Ein weiterer Grund war, dass die Einwohner des Kreises Oppeln zweisprachig waren.
Das Schicksal traf mich schwer, denn am 21. Februar 1948 starb meine Mutter nach schwerer Krankheit viel zu früh. Nun war ich Vollwaise. Die Obhut über mich übernahmen meine Tante Elisabeth und mein Großvater.
Eines Tages sagte unser Nachbar zu meinem Großvater:
„Der Klaus soll im Herbst eingeschult werden, und er kann kein Polnisch sprechen.“
Fortsetzung folgt
Klaus Kawalek