Die Gedanken sind frei

Ein Sommer des verwaisten Gedenkens

19 August 2026, 05:00 Kolumne , Politik

„Die Menschen ernährten sich von alten Kartoffeln, die irgendwo in Kellern gelegen hatten, oder von gefangenen Tauben. Auf Nachfragen antworteten die Milizposten, dass die Deutschen sich selbst um Essen kümmern müssten, so wie die Polen während der deutschen Besatzung hatten tun müssen. Doch wie sie das angesichts des Verbots, das Ghetto zu verlassen, und des Fehlens eines Arbeitsausweises bewerkstelligen sollten, darüber verloren sie kein Wort. (…) Die hiesigen Deutschen bestanden größtenteils aus alten Leuten, die nicht mehr in der Lage gewesen waren, vor dem Krieg zu fliehen, oder die zurückgekehrt waren.

Die Enge der Unterkünfte zehrte an den Nerven der Menschen. (…) Der Sommer war heiß und trocken, waschen konnte man sich nur im Fluss, und die in primitiven Aborten gesammelten Exkremente wurden irgendwo am Fluss vergraben oder einfach in ihn geleert. Infolgedessen gab es Schwärme dicker Fliegen; Flöhe, Läuse und Ratten vermehrten sich. (…) Die Zahl der Menschen, die gezwungen waren, in zwei Straßen zu wohnen, war immerhin auf mehrere Tausend angestiegen.*“

Dieses Fragment stammt aus dem Buch „Sommer der toten Träume“ von Harry Thürk und beschreibt nicht die Kriegszeit, sondern den ersten Nachkriegssommer in Neustadt/Prudnik, den der in Zülz/Biała geborene Autor dort persönlich erlebte. Die Deutschen im Roman sind die dem Autor aus der Vorkriegszeit bekannten Bewohner von Neustadt. Einer von ihnen war der Kaufmann Preiss, der aus seinem Haus vertrieben und von Milizionären mehrfach geschlagen wurde. Er wurde ins Ghetto gebracht, wo man ihn eines Morgens „mit alten polnischen Zeitungen bedeckt vor einem der Häuser in der Königin-Hedwig-Straße fand. Jemand hatte ihm die Augen geschlossen. Wahrscheinlich dieselbe Person, die ihm die Schuhe ausgezogen hatte. (…) Das Ausheben einzelner Gräber war nicht mehr möglich. (…) Deshalb entschied man sich für das Ausheben von Massengräbern.“

Also ein Monopol auf das Opfersein, die Ablehnung selbst des Eindrucks eines Schuldgefühls – und Anstand gilt nur gegenüber Polen. Eine solchermaßen verstandene Moral ist Lichtjahre entfernt von den Worten der polnischen Bischöfe.

Warum führe ich im Sommer 2026 dieses Fragment über die Nachkriegsgräuel an, die einfache, alte Menschen – oberschlesische Deutsche – in ihrer Stadt Neustadt, dem Nachkriegs-Prudnik, trafen? Gräuel seitens der Behörden: zunächst der sowjetischen, dann der nicht minder schlimmen polnischen.

Nun, im Juli dieses Jahres lehnte der Neustädter Gemeinderat bei einer Stimmenthaltung die Initiative des Kreisvorstands des Landkreises Neustadt ab, an dieses tragische Schicksal mehrerer tausend Neustädter Deutscher in den Jahren 1945–1946 zu erinnern und es damit auch bekannt zu machen. Der Kreisvorstand hatte gemeinsam mit dem Neustädter Landesmuseum für solides historisches Wissen zu diesem Thema gesorgt. Der Kreisrat hatte sich damit vertraut gemacht, aber die Stadtverordneten befanden, dass sie es nicht brauchten, was bedeutet, dass ihre Entscheidung auf einer von vornherein feststehenden Annahme beruhte. Vermutlich waren sie der Ansicht, dass die fachliche Präsentation durch einen Historiker es ihnen nur erschwert hätte, nach der negativen Beurteilung des Antrags ihr Gesicht zu wahren. Diese Annahme formulierte ein Neustädter Ratsmitglied in einem kuriosen Statement, das Radio Opole am 16. Juli 2026 zitierte: „Das ist einfach Anstand uns Polen gegenüber. Wir waren die Opfer dieses Krieges. (…) Wir sollten nicht den Eindruck erwecken, dass wir ein Schuldgefühl gegenüber diesen Menschen haben, die von hier vertrieben wurden.“

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Also ein Monopol auf das Opfersein, die Ablehnung selbst des Eindrucks eines Schuldgefühls – und Anstand gilt nur gegenüber Polen. Eine solchermaßen verstandene Moral ist Lichtjahre entfernt von den Worten der polnischen Bischöfe: „Wir vergeben und bitten um Vergebung.“ Sie braucht tatsächlich kein historisches Wissen. Diese Schwarz-Weiß-Moral erinnert an Kali aus „In der Wüste und im Urwald“, aber auch an eine Szene aus dem von mir zitierten Roman Thürks: Um einem Deutschen auf der Straße die Jacke zu stehlen, zerschmettert ein junger Pole ihm mit einem Knüppel den Schädel. Als eine Milizpatrouille eintrifft und nach dem Grund des Mordes fragt, hört sie die Worte: „Was wollt ihr? Wir sind Polen!“. Kein Schuldgefühl.

Aber es sind 80 Jahre vergangen, die Worte der Bischöfe fielen vor 61 Jahren, und vor 35 Jahren schlossen Polen und Deutschland einen Vertrag über gute Nachbarschaft. Dabei haben die Worte, die in Neustadt im Sommer 1945 und im Sommer 2026 fallen, dieselbe Grundstruktur, die in der polnischen Erinnerungskultur nach wie vor gut gedeiht. In der Folge ist eine Erinnerung, die sich damit einverstanden erklärt, jedes Leids und jedes Opfers zu gedenken, unabhängig von Nationalität oder Tätern, heimatlos und unerwünscht.

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