Nachbarschaft verpflichtet

Das Berghaus in Kreisau – mehr als eine neue Ausstellung

24 August 2026, 05:00 Geschichte , Kolumne

Das Berghaus in Kreisau blickt auf eine bewegte Geschichte zurück – vom Witwenhaus der Familie von Moltke über einen Treffpunkt des Kreisauer Kreises bis hin zum Zentrum internationaler Begegnungen. Nach dreijähriger Renovierung eröffnet die neue Ausstellung Perspektiven auf diesen besonderen Ort und zeigt, wie sich seine Geschichte auch nach 1945 fortsetzte.

Auf dem Hof des Schlosskomplexes in Kreisau herrschte reger Betrieb. Hochsommer, strahlender Sonnenschein… Auf dem Rasen spielten junge Leute Fußball, andere probten für das Abendkonzert. Von verschiedenen Seiten drangen Gesprächsfetzen in mehreren Sprachen herüber. Mein Ziel war jedoch nicht der einstige repräsentative Sitz der Familie von Moltke, sondern das Berghaus, das ich seit dem Abschluss seiner Renovierung zum ersten Mal besuchen wollte…

Ein Ort mit vielen Geschichten

Es ist ein Gebäude mit einer außergewöhnlichen Geschichte. Es entstand im 19. Jahrhundert als Witwenhaus der Familie von Moltke. In den zwanziger und dreißiger Jahren, als das Gut in finanzielle Schwierigkeiten geriet, zog die Familie, um die Unterhaltskosten zu senken, aus dem Schloss dorthin um. Während des Zweiten Weltkriegs wurde es zum Treffpunkt des „Kreisauer Kreises “ – einer der bedeutendsten Gruppen des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Hier wurde über die Zukunft Deutschlands nach dem Untergang des Dritten Reiches gesprochen, über die neue Staatsordnung, die Verantwortung der Bürger und den Platz Deutschlands im Nachkriegseuropa. Für die Geschichte des deutschen Widerstands gegen den Totalitarismus ist dieser Ort einzigartig.

Das Berghaus in Kreisau erzählt von den Widerstandskämpfern des Kreisauer Kreises und ihrer Vorstellung von Deutschlands Zukunft.
Foto: Krzysztof Ruchniewicz

Nach dem Krieg wohnten im Berghaus Familien von Arbeitern des örtlichen staatlichen Landwirtschaftsbetriebs (PGR). Mit der Gründung der Stiftung „Kreisau“ für Europäische Verständigung begann ein neues Kapitel seiner Geschichte. Bevor hier die erste dem Kreisauer Kreis gewidmete Ausstellung eingerichtet wurde, entwickelte sich das Gebäude zum Zentrum internationaler Workcamps.

An diese Zeit erinnere ich mich aus eigener Erfahrung. Ich war einer der Organisatoren der ersten Workcamps zu Beginn der 1990er Jahre. Die Teilnehmer wohnten in Zelten auf der nahegelegenen Wiese, doch das Leben des gesamten Lagers konzentrierte sich im Berghaus. In seiner Küche bereiteten wir Mahlzeiten aus Produkten zu, die wir bei den Dorfbewohnern erwarben. Vormittags arbeiteten wir an der Instandsetzung der Gebäude und der Schlossumgebung, nachmittags fanden Vorträge, Diskussionen und Ausflüge zu interessanten Orten in Niederschlesien statt. Die abendlichen Gespräche zogen sich oft bis spät in die Nacht hin. An einem Tisch trafen sich junge Menschen aus Polen, Deutschland, Rumänien, der Ukraine, den Niederlanden… Eine Miniatur des vereinten Europas, das gerade vor unseren Augen und mit unserem bescheidenen Beitrag entstand.

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Dies war im Übrigen keine zufällige Formel. Bewusst an die Idee der gemeinsamen Arbeit, des Lernens und der Geselligkeit knüpften einige der Mitbegründer der Stiftung Kreisau an – das niederländische Ehepaar Wim und Lien Leeman. Über viele Jahre leiteten sie in Haarlem das Eugen-Rosenstock-Huessy-Haus, benannt nach dem vor 1933 an der Universität Breslau lehrenden Professor, der nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in die Vereinigten Staaten emigrierte. Eben dieser Rosenstock-Huessy initiierte 1927 die Löwenberger Arbeitsgemeinschaften – eine Initiative, deren praktischer Ausdruck freiwillige Arbeitslager waren, die dem gemeinsamen Handeln, der Bildung und dem Dialog dienten.

Die Eröffnung des Berghauses schließt die Geschichte dieses Ortes nicht ab. Im Gegenteil – sie eröffnet neue Möglichkeiten.

Ihr Ziel war zunächst die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Region Waldenburg, doch schon bald entwickelten sie sich zu einem Treffpunkt für Menschen aus verschiedenen sozialen Milieus und Konfessionen. Gemeinsame Arbeit ging Hand in Hand mit der Debatte über soziale, wirtschaftliche und politische Probleme, an denen es im damaligen Deutschland nicht mangelte. An diese Tradition knüpften später die Teilnehmer der Treffen des „Kreisauer Kreises“ an, und nach 1990 auch die Urheber der ersten Projekte der Stiftung.

Eine Ausstellung, die die Geschichte weiterdenkt

Über die Jahre erzählten aufeinanderfolgende Ausstellungen verschiedene Kapitel der Geschichte dieses Ortes. Im Schloss wurde die Geschichte der Familie von Moltke dargestellt, in der Freiluftausstellung die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, des deutsch-polnischen Versöhnungsprozesses und der Entstehung der Stiftung. Das Berghaus wurde dem Wirken des Kreisauer Kreises gewidmet. Im Schloss war zudem eine Ausstellung zu sehen, die an den Beitrag der demokratischen Oppositionsbewegungen Mittel- und Osteuropas zum Zusammenbruch des Kommunismus erinnerte.

Die Ausstellung in Stuttgart zeigt anschaulich die vielfältigen Verbindungen innerhalb des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus.
Foto: Krzysztof Ruchniewicz

Nun, nach dreijähriger Renovierung, wurde das Berghaus wieder für Besucher geöffnet. Das bisherige Konzept wurde beibehalten, gleichzeitig aber deutlich vertieft. Besonders interessierte mich die Erweiterung der Perspektive. Neben den Mitgliedern des Kreises treten nun Personen in den Vordergrund, die die Stiftung nach 1989 mitgestalteten. Ein gutes Beispiel dafür ist die Präsentation der Biografie von Dr. Ewa Unger. Anhand einer anschaulichen Karte lässt sich ihr Weg vom Ende der 1930er Jahre aus Oberschlesien über Sibirien nach Breslau und Kreisau verfolgen. Ihr Schicksal veranschaulicht eindrücklich die Erfahrung vieler polnischer Bürger, die von zwei Totalitarismen betroffen waren und sich trotz großen Leids nach dem Krieg für den Aufbau des deutsch-polnischen und allgemein europäischen Dialogs engagierten. Ewa Unger verlor während des Krieges ihren Vater (in der Verbannung) und ihren Bruder (beim Überschreiten der Weichsel im Sommer 1944) sowie einen Teil ihrer jüdischen Familie, der der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zum Opfer fiel.

Ein eigener Abschnitt ist den Anfängen der Stiftung und den Menschen gewidmet, die ihr Gestalt gaben. Dies ist eine wichtige Ergänzung zur Freiluftausstellung in der Nähe des Schlosses. Sie zeigt nämlich, dass die außergewöhnliche Geschichte Kreisaus auch nach 1945 fortdauerte. Nach der Wende erhielt dieser Ort dank der gemeinsamen Anstrengung von Deutschen und Polen eine neue Bedeutung als Raum des Dialogs, der Bildung, der Begegnung und des Austauschs.

Eine interaktive Karte macht in Stuttgart das Beziehungsnetz des deutschen Widerstands sichtbar und eröffnet neue Zugänge zur Geschichte.
Foto: Krzysztof Ruchniewicz

Die größten Möglichkeiten und den größten Wert sehe ich jedoch im Bildungsraum. Mir gefällt der Einsatz von Biografien sowie die Ermutigung der Teilnehmer zur eigenständigen Arbeit mit Quellen, Fotografien und Literatur. Künftig wäre es lohnenswert, noch einen Schritt weiterzugehen und auf digitale Lösungen zurückzugreifen. Ein gutes Beispiel bleibt die Stauffenberg-Erinnerungsstätte in Stuttgart, wo eine interaktive Karte es ermöglicht, das Beziehungsnetz des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus nachzuverfolgen. Ein ähnliches Instrument könnte auch Kreisau bereichern, indem es nicht nur die Beziehungen zwischen den Mitgliedern des Kreises zeigt, sondern auch die Menschen, die nach 1989 die Stiftung aufbauten. Die wissenschaftliche Grundlage für ein solches Vorhaben ist bereits vorhanden.

Viele Stimmen, eine gemeinsame Erzählung

Die Eröffnung des Berghauses schließt die Geschichte dieses Ortes nicht ab. Im Gegenteil – sie eröffnet neue Möglichkeiten. Künftig möchte ich noch einmal auf die Beziehungen zwischen den einzelnen Ausstellungen zurückkommen und darüber nachdenken, wie sie gemeinsam die Geschichte Kreisaus erzählen und wie man sie in den kommenden Jahren weiterentwickeln kann.

Als ich Kreisau verließ, probte einer der Musiker noch immer eifrig für das Konzert. Zunächst hörte ich nur einzelne Klänge. Mit der Zeit fügten sie sich zu einer stimmigen Melodie zusammen. Da dachte ich, dass es sich mit Kreisau ähnlich verhält. Seine Geschichte besteht aus vielen scheinbar getrennten Teilen und Stimmen. Doch erst alle zusammen ergeben die eigentliche Erzählung, in der sich Verantwortung mit Mut verbindet, Dialog mit Erinnerung, und in der die Vergangenheit nicht belastet, sondern hilft, gemeinsame Wege in die Zukunft zu weisen.

Über den Autor

Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universität Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universität Bochum tätig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau; in den Jahren 2024/2025 war er Beauftragter des polnischen Außenministers für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und frühen 21. Jahrhundert.
Für unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelmäßig die politische Kolumne „Nachbarschaft verpflichtet“, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.

Über den Autor
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