Ein Schlesier an der Wand
Wir haben kürzlich die halbjährliche Zeitumstellung hinter uns gebracht. Diese mittlerweile unnötige und umständliche Prozedur stellt selbst die klügsten Köpfe Europas vor Herausforderungen. Als Enkel eines Uhrmachers weiß ich aus eigener Erfahrung, wie mühsam es ist, die Zeit an mehreren Uhrwerken gleichzeitig umzustellen. Glücklicherweise werden viele Uhren heutzutage extern über das Internet gesteuert, aber eben nicht alle – es gibt immer noch Museen, Freilichtmuseen und private Sammlungen mechanischer Uhren. Dort werden diese Arbeiten noch traditionell von Hand durchgeführt.
Wie glücklich waren doch die Nutzer von Sonnenuhren, deren Tag-Nacht-Zyklus von der Sonne bestimmt wurde und bei denen sich niemand um die Zeitumstellung kümmern musste, genau wie zu Zeiten der Sand- oder Kerzenuhren. Viele Uhren auf Rathaus- und Kirchtürmen erfordern ebenfalls eine manuelle Einstellung.
Die Geschichte der mechanischen Uhr
Die Chinesen gelten als Erfinder der mechanischen Uhr, und in Europa wird Gerbert von Aurillac, ein Zeitgenosse Ottos II., als ihr Vater genannt – jener Mann, der die arabischen Ziffern und das Dezimalsystem im christlichen Europa populär machte. Um das Jahr 1000 baute Gerbert von Aurillac, der spätere Papst Silvester II., in Magdeburg die erste Uhr mit Gewicht und Schlagwerk. Ohne Zifferblatt und Zeiger zeigte die Uhr die Zeit durch Glockenschläge an. Mitte des 14. Jahrhunderts nutzten bereits fast alle europäischen Städte mechanische Uhren.
Ein weiterer Meilenstein in der Entwicklung der Uhrmacherkunst war Galileis Nachweis des Zusammenhangs zwischen Zeit und Pendellänge. Noch vor Galilei konstruierte der deutsche Schlosser Peter Henlein im Jahr 1510 die erste tragbare Uhr, deren Mechanismus von einer kleinen Feder angetrieben wurde. Dieser Uhrentyp wurde zum Vorbild für Uhrmacher in ganz Europa.
In dieser Zeit war Europa ein Schlachtfeld und Schauplatz religiöser Verfolgung. Die Reformatoren standen der Gegenreformation gegenüber. Die Freien Städte, darunter Genf, wurden zu einer Oase des Friedens auf dem europäischen Kontinent. Sie dienten als Zufluchtsort für alle, die vor religiöser Verfolgung flohen. Viele von ihnen waren Uhrmacher. Vor 1670 arbeiteten in Genf nur wenige hundert Uhrmacher, doch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts waren es über 6.000. Schon bald entwickelte sich die Uhrenherstellung zu einem der mächtigsten Industriezweige in ganz Europa.

Gustav Becker.
Quelle: Wikipedia
Gustav Becker und die Uhren Schlesiens
Die industrielle Entwicklung, insbesondere im 19. Jahrhundert, erfasste nahezu alle Produktionszweige, darunter auch die Uhrmacherei. Die bisherige, vorwiegend auf Einzelaufträgen basierende Produktion wurde durch Fabriken ersetzt, die Massenprodukte herstellten. Uhren erfreuten sich dabei einer ähnlich großen Beliebtheit und Verbreitung wie heute Smartphones.
Auch Schlesien griff diesen Trend auf. Repräsentiert wurde diese neue Industrie durch das von Gustav Becker in Freiburg/Świebodzice gegründete Unternehmen.
Der aus Oels stammende Edward Gustav Becker (1819–1885) gründete dank seiner Managementfähigkeiten und seines uhrmacherischen Fachwissens eine große Uhrenfabrik im nahegelegenen Freiburg. Sein Wissen über Uhrwerke erwarb er auf zahlreichen Reisen durch Europa, wo er in renommierten und für ihre Qualität und Modernität bekannten Uhrenwerkstätten in Wien, Frankfurt am Main, Dresden, München und Berlin Praktika absolvierte.
Der aus Oels stammende Edward Gustav Becker (1819–1885) gründete dank seiner Managementfähigkeiten und seines uhrmacherischen Fachwissens eine große Uhrenfabrik im nahegelegenen Freiburg.
Schließlich führte ihn das Schicksal mit seiner Frau nach Freiburg, wo die erste Uhrmacherwerkstatt gegründet wurde, die sich bald zu einer Uhrenfabrik entwickelte. Die Fabrik wurde am 2. Mai 1850 offiziell registriert. Anfangs arbeitete sie unter bescheidenen Bedingungen in einer kleinen Zwei-Stuben-Werkstatt, in der neben dem Meister ein Gehilfe und sechs Lehrlinge tätig waren. Dank finanzieller Unterstützung der Regierung und König Friedrich Wilhelms IV. verdoppelte sich die Zahl der Beschäftigten jedoch innerhalb von zwei Jahren.
Nur zwölf Jahre nach ihrer Gründung wurden bereits 10.000 Uhren produziert, in den folgenden fünf Jahren kamen weitere 15.000 hinzu. Im Jubiläumsjahr 1875 wurde die 100.000. Uhr nach dem Gustav-Becker-System gefertigt. Zum 35-jährigen Bestehen der Fabrik wurde die 500.000. Uhr hergestellt und Reichskanzler Otto von Bismarck zu seinem 70. Geburtstag geschenkt.
Kulturerbe und Sammlerwert
Obwohl die Becker-Fabrik heute nicht mehr existiert – sie wurde nach 1945 von den Behörden der Volksrepublik Polen übernommen und produziert heute Gasöfen –, wird die millionste Uhr von Gustav Becker noch immer im Freiburger Termet-Werk aufbewahrt. Anlässlich der Produktion der 100.000. Uhr im Herbst 1875 erhielt Gustav Becker von Kaiser Wilhelm I. den Königlich Preußischen Kronenorden IV. Klasse für seinen Beitrag zur industriellen Entwicklung Schlesiens und sein soziales Engagement.

Becker-Uhren. Quelle: Wikipedia
Durch den Abschluss eines Vertrags mit der Königlichen Hauptpost im Jahr 1863 zur Lieferung dieser Uhren an Büros trug er zu ihrer weiten Verbreitung in Deutschland bei. Gustav-Becker-Uhren waren in Postämtern, Banken und Bahnhöfen zu finden.
Zum Zeitpunkt seines Todes hinterließ Gustav Becker eine moderne Fabrik mit über 700 Beschäftigten.
Eines der bekanntesten und am weitesten verbreiteten Modelle war der sogenannte „Schlesier“, der bis heute bei Sammlern und Nutzern gleichermaßen begehrt ist. Schlesier-Uhren zeichneten sich durch ihren aufwendig verzierten Holzkasten aus. Pendelmechanismen sorgten für präzise Zeitmessung und genaues Schlagen der Stunden und oft auch der Viertelstunden.
Bis heute sind sie langlebig, zuverlässig und dekorativ. Sie zeugen von der Geschichte Schlesiens – wir können stolz auf sie sein, ebenso wie auf Gustav Becker, ihren Schöpfer.

In Freiburg wurde kürzlich ein Wandbild zum Gedenken an Gustav Becker enthüllt.
Foto: Stadtverwaltung Freiburg
2025 fand die 5. Ausgabe des Freiburger Gustav-Becker-Uhrenfestes statt. Gustav Beckers Erbin, Teresa Musialik, war zur Feier eingeladen, und der Bürgermeister von Freiburg teilte ihr feierlich mit, dass Gustav Becker die Ehrenbürgerschaft der Stadt Freiburg verliehen bekam.
Der König der schlesischen Uhren starb am 14. September 1885 in Berchtesgaden. Sein Grab befindet sich auf dem Kommunalfriedhof in Freiburg. Interessanterweise sind seine Produkte zu Ikonen und zeitlosen Klassikern geworden. Die Uhren der Manufaktur Becker sind bei Antiquitätensammlern bestens bekannt.
Eugeniusz Nagel

