Vom Piastenschloss ist heute nur noch sein gotischer Bergfried erhalten, der zudem von Bauten des 20. Jahrhunderts umstellt ist. Dabei war die ehemalige Residenz der Oppelner Herzöge über lange Zeit Zentrum von Politik und Verwaltung. Der Verlust des Schlosses war dabei nicht Folge von Krieg oder Katastrophen, sondern einer kontroversen Verwaltungsentscheidung.
Wo Oppeln begann
Die Ursprünge des ehemaligen Piastenschlosses und der Stadt Oppeln befinden sich auf der Oderinsel Pascheke. Geschützt durch den Strom siedelten hier schon im 8. Jahrhundert die slawischen Opolanen. In der Frühphase der polnischen Staatlichkeit unter dem Piastenfürsten Mieszko I. war die Insel bereits mit Holzpalisaden und Erdwällen befestigt. Ab dem frühen 13. Jahrhundert begann Herzog Kasimir I. von Oppeln-Ratibor mit dem Bau einer steinernen Burg. Zu den dramatischsten Momenten der frühen Geschichte gehört die Eroberung und Plünderung der Burg durch die Mongolen im Jahr 1241. Herzog Boleslaus I. ließ das Schloss ab 1283 grundlegend neu errichten. Charakteristisch für diese Bauphase waren die gotischen Elemente sowie der runde, 51 Meter hohe Bergfried. Dieser wurde um 1300 fertiggestellt und ist heute als Piastenturm bekannt. Bedeutend war auch die Weihe der Schlosskapelle im Jahr 1307. Denn die Burg diente nicht nur der Verteidigung, sondern auch als Residenz der Herzöge von Oppeln.

Piastenschloss Denkmal.
Foto: Martin Wycisk
Unter Habsburgern und Hohenzollern
Die Funktion als Herzogsresidenz verlor das Piastenschloss 1532. Mit dem Aussterben der Oppelner Piastenlinie fiel das Herzogtum an die Krone Böhmen und somit an die Habsburger. Dadurch stand das Schloss einige Zeit leer, bis es Sitz des Landeshauptmanns wurde. In den Jahren 1557–1566 ließ der kaiserliche Landeshauptmann Johann von Oppersdorf das Schloss durch den italienischen Baumeister Franz Pahr im Stil der Renaissance erneuern. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde das Schloss befestigt und mehrmals belagert. Der schlechte Zustand des Schlosses wurde durch zwei Brände in den Jahren 1737 und 1739 zusätzlich verschlimmert.
Die Entscheidung, ein historisch wertvolles Schloss zu zerstören, wurde in der oberschlesischen Presse auf beiden Seiten der Grenze diskutiert.
Infolge der Schlesischen Kriege kamen Oppeln und das Piastenschloss zu Preußen. Dies hatte für die ehrwürdige Piastenresidenz zunächst keine größeren Folgen. Dies änderte sich 1816, als Oppeln Sitz des Regierungsbezirkes wurde. Teile der Behörde wurden im Piastenschloss angesiedelt, denn ein Verwaltungsgebäude entstand erst in den Jahren 1830–1833 am heutigen Freiheitsplatz. Die rasante Industrialisierung im Osten Oberschlesiens ging mit einem Anwachsen des Beamtenapparates in Oppeln einher, weshalb ein Teil der Beamten im Piastenschloss verblieb. So wurde dieses in den Jahren 1860 sowie 1885/86 für Verwaltungszwecke um- bzw. ausgebaut. Zu den Neuerungen des 19. Jahrhunderts gehörte auch die Öffnung des Schlossparks für die Bevölkerung im Jahr 1893. Die Nachfrage nach Büroflächen für die Beamten blieb auch nach der Jahrhundertwende konstant, weshalb zwischen 1904 und 1906 ein weiterer Flügel im Stil der Neorenaissance nach Plänen von Paul Kieschke gebaut wurde.
Kontroverse um den Abriss
Nach dem Weltkrieg veränderte sich vieles in der jungen Weimarer Republik. Was in Oppeln konstant blieb, war der Mangel an Räumen für die Verwaltung. Durch die Erhebung des Regierungsbezirkes Oppeln zur Provinz Oberschlesien wurde dies nochmals verstärkt. Diese Entwicklung sollte schließlich zum Ende des Piastenschlosses führen. Um endlich eine langfristige Lösung für die Verwaltung zu schaffen, entschied der damalige oberschlesische Regierungspräsident Alfons Proske, die Piastenresidenz abzutragen und durch einen funktionalistischen Bau zu ersetzen. Wie genau der Entscheidungsprozess verlief, müsste ein Historiker wohl erst in den Akten recherchieren. Möglicherweise war ein Neubau am Standort des Schlosses schlicht die günstigere Variante.
Die Entscheidung, ein historisch wertvolles Schloss zu zerstören, wurde in der oberschlesischen Presse auf beiden Seiten der Grenze diskutiert. Die Debatte fand – wie so vieles in jener Zeit – im Kontext des deutsch-polnischen Konfliktes um die Zugehörigkeit Oberschlesiens und die Identität der Oberschlesier statt. Entsprechend bewertete die polnische Zeitung „Polska Zachodnia“ (1928, Nr. 347) die Zerstörung des Piastenschlosses als Barbarei und Tilgung der piastischen – und somit polnischen – Wurzeln Oberschlesiens. Die in Kattowitz herausgegebene deutsche „Kattowitzer Zeitung“ (1928, Nr. 60) verteidigte wiederum die Entscheidung Proskes mit dem baufälligen Zustand des Schlosses, der eine „Gefährdung des Lebens der Beamten“ darstelle. Dass auch im deutschen Teil Oberschlesiens die Schleifung des Schlosses kritisch gesehen wurde, davon zeugt das Gleiwitzer Magazin „Oberschlesien im Bild“ (1929, Nr. 33), das den Abriss wie folgt kommentierte: „Behördliche Weisheit hat bekanntlich das alte Piastenschloss, ein Wahrzeichen der Regierungs-Hauptstadt Oppeln, vernichtet. Und die segensreiche behördliche Stelle, die zum Zwecke der Erhaltung kulturgeschichtlicher Denkmäler in Oberschlesien geschaffen ist, verschlief selig dieses immerhin nicht unwichtige Ereignis.“
Martin Wycisk