Echte Schlesische Happen

Zwischen Wanderweg und Küchentisch: Kulinarisches Pfingsten in Schlesien

23 Mai 2026, 05:00 Geschichte

Pfingsten markierte einst ganz selbstverständlich den Auftakt der Wandersaison in den Bergen. Die Natur stand im Mai in voller Blüte, die Luft war frisch und klar, und alles schien zu Ausflügen einzuladen. Zahlreiche schlesische Sportvereine, Wandergruppen, Gesangsvereine und bisweilen ganze Dorfgemeinschaften zogen am Abend aus den Tälern hinauf zu den lebhaften Bauden und Berghütten, die oft bis auf den letzten Platz gefüllt waren. Nicht selten blieb als Schlafplatz nur noch das duftende Heu auf dem Dachboden.

Die Schlesier strömten regelrecht in die Berge, und so verwundert es kaum, dass die damalige Presse eigens Artikel veröffentlichte, in denen lohnende Reiseziele, gute Küche und besondere Attraktionen empfohlen wurden. Ob Großstädter, Sportfreund, Feinschmecker oder Naturmensch – jeder fand seinen Ort für ein gelungenes Pfingstwochenende.

Postkarte „Fröhliche Pfingsten“, 1911.
Quelle: bikop.eu

In Oberschlesien galten Szczyrk, Bad Gottschalkowitz – besonders das Hotel „Präsident“, berühmt für seine ausgezeichnete Küche und den gut bestückten Weinkeller – sowie Gieschewald als beliebte Ziele.

Stadt, Musik und schlesische Küche

Doch auch in den Städten fehlte es nicht an Unterhaltung. In Tichau fanden am ersten Pfingstfeiertag Schwimmwettkämpfe im Stadion statt, in den Parkanlagen spielte Musik, und man flanierte gemütlich zwischen Blumenbeeten und Biergärten. Hungrige Gäste konnten dabei die schlesische Küche genießen.

Anzeigen und Pressemitteilungen in den Jahren 1912–1931.
Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek

Neudeck lockte mit günstigen Preisen und deftigen Gerichten in der fürstlichen Gastwirtschaft, während man in der Beuthener Weinstube von J. Tschauner feststellen durfte, dass Wein längst kein Luxusgut mehr war. Für einen erschwinglichen Preis bekam der durstige Gast dort einen Literkrug des direkt vom Fass ausgeschenkten Graukatz „32“ (Rheingau) serviert.

Pfingsten in den Bergen – Musik, Natur und Hausmannskost

Doch eigentlich spielte sich das wahre Pfingsten draußen ab – fern der Städte, oben in den Bergen. Während des Abendessens musizierte häufig eine örtliche Kapelle, man sang, tanzte und lachte bis tief in die Nacht hinein. Bereits am nächsten Morgen brachen die Wandergruppen wieder auf, hinaus auf die mit jungen Birken geschmückten Wege Richtung Schneekoppe oder zu den berühmten Wasserfällen.

Pfingsten markierte einst ganz selbstverständlich den Auftakt der Wandersaison in den Bergen.

Blühende Waldlichtungen luden unterwegs zu einer Rast im Grünen ein. Am Abend kehrte man erschöpft, aber glücklich in die warme Berghütte zurück und stärkte sich mit ehrlicher regionaler Hausmannskost: kräftiger Suppe, frischer Forelle, hausgebackenem Brot, würzigem Bergkäse, gutem Schinken oder schlesischem Streuselkuchen. Dazu trank man heimisches Bier oder Schnaps – besonders beliebt war der kräftige Enzianschnaps.

Blick übers pfingstliche Land, nach: „Der Oberschlesische Wanderer“ 1939.
Quelle: Śląska Biblioteka Cyfrowa

Eines der damals besonders geschätzten Ausflugsziele war die auf 1362 Metern gelegene Reifträgerbaude, feierlich eröffnet am 19. Dezember 1922 und heute als „Na Szrenicy“ bekannt. Zunächst führte Franz Endler die Baude, der jedoch im Dezember 1930 tragisch aus dem Leben schied und den späteren wirtschaftlichen Aufschwung nicht mehr erlebte. Sein Sohn Kurt Endler, immerhin deutscher Meister im Wintersport, übernahm anschließend das Haus und leitete es erfolgreich.

Auch die Nachkriegsgeschichte der Hütte verlief bewegt, nahm letztlich aber ein gutes Ende. Nach umfassender Renovierung empfängt sie seit 1992 wieder Gäste und serviert regionale Küche.

Als bekennende Liebhaberin von Heidelbeergerichten würde ich dort wohl zu Pfannkuchen oder Piroggen mit Heidelbeerfüllung greifen – allerdings entschieden ohne Schlagsahne. Einst soll der berühmte „Schneegruben-Käsekuchen“ weit über die Region hinaus bekannt gewesen sein, doch auf den Speisekarten der letzten Jahre habe ich ihn leider nicht mehr gesehen. Dafür gibt es immerhin noch warmen Apfelkuchen.

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Wäre ich allerdings im Jahr 1923 auf der Szrenica eingekehrt, hätte meine Wahl wohl ganz anders ausgesehen: eine kräftige Brühe, Ragout mit Sauerkraut und zum Abschluss eine Haustorte samt Mokka. Besonders interessant finde ich übrigens, dass damals auch Bier aus der Brauerei in Namslau ausgeschenkt wurde – helles Lagerbier ebenso wie dunkler Bock. Auch das Mineralwasser „Harzer Sauerbrunnen“, das seit 1883 in der Nähe von Goslar im Harz abgefüllt wurde, fiel mir ins Auge. Nach einer langen Bergwanderung dürfte sich damit der Verlust an Mineralstoffen und Elektrolyten auf angenehme Weise ausgeglichen haben.

Da eine warme Mahlzeit auf jeder Wanderung zu den schönsten Momenten des Tages gehört, möchte ich diesmal ein aromatisches Ragout nach einem historischen schlesischen Rezept vorschlagen. Es stammt von Eugenie Tafel und wurde in ihrem Kochbuch „Die gute Küche“ veröffentlicht. Das 1899 im Verlag von Georg Brieger in Schweidnitz erschienene Werk eröffnet einen faszinierenden Blick auf die schlesische Bürgerküche des späten 19. Jahrhunderts.

Ragout nach alter schlesischer Art

Schlesisches Ragout mit Sauerkraut.
Foto: Małgorzata Janik

Für 6 Personen brauchen wir:
700 g gekochtes oder gebratenes Schweinefleisch (am besten Schulter, Nacken oder Schweinebraten)

Für die Sauce:

2 EL Butter
2 EL Weizenmehl
1 große Zwiebel, fein gehackt
500 ml Fleischbrühe oder heißes Wasser
1 Lorbeerblatt
1 Scheibe Zitrone
Salz und frisch gemahlener Pfeffer

Für die würzige Note:

100 ml trockener Rotwein
2–3 Gewürzgurken, fein gewürfelt
8–10 Perlzwiebeln
1 EL Kapern

Optionale historische Variante:

1 TL rheinisches Apfelkraut oder 1 TL Zucker
eine Handvoll angebratene Pilze
1–2 EL Sojasauce im Stil der historischen „Soja“

Zubereitung

Die Butter in einem Topf kräftig erhitzen. Das Mehl hinzufügen und unter ständigem Rühren eine hellbraune Mehlschwitze herstellen.
Die fein gehackte Zwiebel dazugeben und goldgelb anschwitzen.
Nach und nach die heiße Brühe oder das Wasser zugießen und dabei ständig rühren, damit eine glatte Sauce ohne Klümpchen entsteht.
Mit Salz, Pfeffer, Lorbeerblatt und der Zitronenscheibe würzen. Einige Minuten sanft köcheln lassen.
Das gekochte oder gebratene Schweinefleisch in Würfel schneiden und in die Sauce geben.
Rotwein angießen, anschließend Gewürzgurken, Perlzwiebeln und Kapern hinzufügen. Alles etwa 15–20 Minuten schmoren lassen, bis sich die Aromen verbunden haben.
Zum Schluss kann das Ragout mit etwas Apfelkraut oder Zucker fein abgeschmeckt werden, um die Säure sanft auszubalancieren. Wer es etwas raffinierter mag, ergänzt angebratene Pilze oder einen kleinen Schuss Sojasauce.

Besonders gut schmeckt das Ragout mit schlesischen Klößen, Salzkartoffeln, Graupen oder frischem Brot.

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