Echte Schlesische Happen

Wo es nach Kuchen und Kaffee duftete – eine kulinarische Geschichte des Hirschberger Rings

30 Mai 2026, 05:00 Geschichte

Der Platz vor dem Rathaus von Hirschberg, einst der Marktplatz, gehört zu den schönsten Beispielen der Baukunst aus der Vorkriegszeit in Schlesien. Seine Geschichte ist reich an Festen, Feierlichkeiten und großen Zusammenkünften. Doch eines dieser Ereignisse war besonders außergewöhnlich und von geradezu ausgelassener Stimmung geprägt. Zur Riesengebirgswoche strömten Jahr für Jahr Menschenmassen in die Stadt und ließen sich selbst von wechselhaftem Wetter die Festfreude nicht nehmen. Im Jahr 1938 verband man das Fest mit den Feierlichkeiten zum 650-jährigen Bestehen Hirschbergs, und das umfangreiche Programm lud Bewohner wie Gäste gleichermaßen zum gemeinsamen Feiern ein. In schlesischen Trachten gekleidete Teilnehmer erlebten farbenfrohe Umzüge, Straßenschauspiele und gesellige Stunden bei Speisen und Getränken.

Am Donnerstag verwandelte sich der Ring – wie übrigens jede Woche – in einen riesigen Trachtenwochenmarkt. Händler aus den umliegenden Ortschaften boten frisches Gemüse, Obst, Blumen und zahlreiche regionale Erzeugnisse an. Sowohl Verkäufer als auch Kunden erschienen in ihren Trachten – als Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung und der Verbundenheit mit der schlesischen Tradition. Heute hat der historische Markt dem „Plac Ratuszowy“ Platz gemacht. Auch der Wochenmarkt selbst ist verschwunden; er wurde an einen deutlich weniger atmosphärischen Ort verlegt und findet nicht mehr donnerstags, sondern samstags statt. Auf Fotos aus den 1930er Jahren fällt vor allem die Fülle des Angebots ins Auge: Hölzerne Kisten, Bast- und Weidenkörbe reihten sich neben einfachen Säcken, Eimern und Milchkannen, die direkt auf dem Boden standen.

An einem Gemüsestand auf dem samstäglichen Trachtenwochenmarkt in Hirschberg. Im Hintergrund das Haus Nr. 17 mit der Spirituosenfabrik „Destillation Ernst Aust“. Links ein Fragment des Hauses Nr. 16 sowie eine Litfaßsäule mit Werbung für die „Riesengebirgswoche“, 1933–1937.
Quelle: Nationales Digitalarchiv

Zur Mittagszeit endete der Markttag. Einer nach dem anderen verschwanden die Verkaufsstände, um im Jubiläumsjahr den Festlichkeiten Platz zu machen. Eine weitere Attraktion der Riesengebirgswoche war der Festumzug der Trachtengruppen. Gleich danach setzten sich die Teilnehmer an lange Tafeln und wurden mit Kaffee und Kuchen bewirtet, gestiftet vom Stadtrat. Wie auf jedem Volksfest – damals wie heute – durften köstliche Backwaren natürlich nicht fehlen. Auf den Tischen standen zudem richtiges Geschirr und keineswegs Plastikbecher oder Pappteller. Die Gesellschaft genoss klassischen Streuselkuchen und Kolatschen. Denkt man allerdings über die regionale Küche dieses schlesischen Landstrichs nach, kommt mir sofort ein besonderes „Koch-Buch“ aus dem 18. Jahrhundert in den Sinn – eine handschriftliche Sammlung von Rezepten, aus der ich zwei ausgewählt habe. Das erste besticht durch seinen leicht augenzwinkernden, zugleich aber äußerst praktischen Abschluss, während mich mit dem zweiten eine tiefe persönliche Vorliebe für sämtliche Arten von Kolatschen verbindet.

Zur Riesengebirgswoche strömten Jahr für Jahr Menschenmassen in die Stadt und ließen sich selbst von wechselhaftem Wetter die Festfreude nicht nehmen.

Das erwähnte „Koch-Buch“ entstand übrigens direkt am Hirschberger Ring – im Haus Nummer 11, das damals der Kaufmannsfamilie Mentzel gehörte. Auf dem Titelblatt des Manuskripts findet sich eine Widmung von Christoph Jacob Preidl junior, dem wir die Sammlung zahlreicher kulinarischer Rezepte verdanken. Vermutlich stützte sich der Verfasser teilweise auf damals bekannte Kochbücher, doch ebenso wahrscheinlich ist, dass manche Rezepte von Freunden und Bekannten stammten.

Historische Postkarte aus Hirschberg.
Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek

Kuchen mit Pflaumenmus

250 g Butter, 1 kg Mehl, 500 ml lauwarme Milch, 25 g frische Hefe, 125 g Zucker und 2 Eigelb. Aus diesen Zutaten bereitet man einen Hefeteig zu und teilt ihn anschließend in zwei Hälften. Die erste wird auf einem Blech ausgerollt und mit Pflaumenmus bestrichen. Danach bestreut man den Teig mit Zucker, Zimt und Mandelblättchen. Anschließend wird die zweite Teigplatte darübergelegt, mit Butter bestrichen und – wie es im Rezept heißt – „zum Bäcker geschickt“.

Mädchen in schlesischen Trachten servieren Kuchen während der Riesengebirgswoche 1938.
Quelle: Hirschberger Digitale Bibliothek

Kolatschen

250 g Butter werden schaumig gerührt, danach gibt man 3 Eier hinzu und rührt weiter. Anschließend vermischt man die trockenen Zutaten: 500 g Mehl, 150 g Zucker, Saft und Schale einer halben Zitrone sowie etwas Zimt. Dazu kommen 15 g Hefe, aufgelöst in einem Glas lauwarmer Milch. Der Teig wird sorgfältig geknetet und anschließend in Kugeln von der Größe eines Eis geteilt. Jede Kugel wird auf ein gebuttertes Blech gelegt und mit der Hand flach gedrückt. Danach bestreicht man die Oberfläche mit verquirltem Eigelb, belegt sie mit Mandeln oder Früchten aus dem Glas und backt die Kolatschen goldbraun. Nach dem Backen lässt man sie zehn Minuten ruhen und anschließend auf einem Gitter vollständig auskühlen.

Małgorzata Janik

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