Der Artikel von Waldemar Gielzok mit dem Titel: „Aus der Mottenkiste der Geschichte: Deutsche, nazistische oder Hitler-Verbrechen?“ berührt ein wichtiges Problem der historischen Begriffe, die zur Beschreibung der im Zweiten Weltkrieg begangenen Verbrechen verwendet werden. Die öffentliche Debatte vereinfacht die Geschichte, wie bereits vielfach beobachtet wurde, zunehmend und nutzt sie zur Verstärkung politischer Emotionen. Umso mehr lohnt es sich, verschiedene Fragen aus einer breiteren und historisch präziseren Perspektive zu betrachten.
Der Autor legt nahe, dass die Verwendung des Begriffs „deutsche Verbrechen“ einen Ausdruck kollektiver Anschuldigung der Deutschen und eine Fortsetzung propagandistischer Schemata der Volksrepublik Polen darstellt. Dabei war die Geschichte des Nachkriegs-Erinnerungsdiskurses weitaus komplexer. Unmittelbar nach dem Krieg waren die gesellschaftlichen Emotionen in Polen enorm und angesichts des Ausmaßes des Besatzungsterrors sowie der menschlichen und materiellen Verluste vollkommen verständlich. In den ersten Jahren nach 1945 schrieb man das Wort „Niemcy“ [Deutsche] oft sogar klein. Gleichzeitig begann man jedoch verhältnismäßig schnell, zwischen „Niemcy“ [Deutsche] und „hitlerowcy“ [Hitler-Anhänger] zu unterscheiden. Dies lässt sich etwa an vielen Warschauer Gedenktafeln für die Opfer der Besatzung ablesen, auf denen von „hitlerowcy“ die Rede ist, nicht von „Niemcy“ als Volk.

Sächsisches Palais, Warschau – 1944.
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Diese Unterscheidung hatte auch einen deutlichen politischen Kontext, der mit der Teilung Deutschlands in die Bundesrepublik und die DDR im Jahr 1949 zusammenhing. In der Propaganda der Volksrepublik Polen wurde die Bundesrepublik häufig als Staat der „Revanchisten“ und ehemaligen Nazis (die man lieber „hitlerowcy“ nannte) dargestellt, während die DDR als antifaschistischer, friedlicher Staat beschrieben wurde, der ideologisch verwandt und an neuen deutsch-polnischen Beziehungen interessiert sei. Dies wurde sehr schnell zu einem bequemen Propagandainstrument, das der Logik des Kalten Krieges und der Politik des Ostblocks untergeordnet war.
Der Eichmann-Prozess, die Frankfurter Auschwitz-Prozesse, das Engagement der jüngeren Generation von Historikern und Journalisten sowie die späteren Auftritte der Generation von 1968 führten zu einer tiefgreifenden Revision des Gedenkens an den Nationalsozialismus
Dabei war es gerade in der Bundesrepublik, wenn auch nicht ohne Widerstände und nur schrittweise, wo das Problem der Verantwortung für die Verbrechen des Dritten Reiches zu einem wirklichen Gegenstand einer breiten Debatte wurde.
Bereits 1946 versuchte Karl Jaspers in seinem Essay „Die Schuldfrage“ verschiedene Ebenen der Verantwortung zu ordnen: die kriminelle, politische, moralische und metaphysische. Auf eine aus innerer Motivation gespeiste Aufarbeitung musste man jedoch noch warten. Alexander und Margarete Mitscherlich wiesen in ihrem vielbeachteten Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ (1967) nach, dass die westdeutsche Gesellschaft die Schuld verdrängte und sich emotional von den Verbrechen des Nationalsozialismus distanzierte. Beide bemühten sich, die Verantwortung konkreter Täter von den Mechanismen kollektiver Verdrängung zu trennen, die eine ernsthafte gesellschaftliche Aufarbeitung der Vergangenheit erschwerten.
In den 1950er Jahren wurde in der Bundesrepublik zwar über die deutschen Verbrechen diskutiert, jedoch in sehr begrenztem Umfang. Das Schweigen über die jüngste Vergangenheit und die Konzentration auf den Wiederaufbau des Staates in seiner neuen territorialen und politischen Gestalt dominierten. Erst im folgenden Jahrzehnt entbrannte die Debatte ernsthaft. Der Eichmann-Prozess, die Frankfurter Auschwitz-Prozesse, das Engagement der jüngeren Generation von Historikern und Journalisten sowie die späteren Auftritte der Generation von 1968 führten zu einer tiefgreifenden Revision des Gedenkens an den Nationalsozialismus.

Aufstand in Warschau: Die Strahlen eines deutschen Flammenwerfers vernichten hier jeden Widerstand.
Foto: Bundesarchiv
Eben damals begann man auch, den Begriff „hitlerowcy“ als allzu bequem und das Böse personalisierend zu kritisieren. Man wies darauf hin, dass er die Verantwortung auf Hitler und seine engste Umgebung beschränkte und das breitere gesellschaftliche und politische Phänomen des Dritten Reiches nicht erfasste. Was Historiker und Didaktiker als Hitlerzentrismus zu bezeichnen begannen, erfüllte nämlich — wie Karl-Ernst Jeismann treffend bemerkte — eine exkulpatorische Funktion: Je größer die Hitler zugeschriebene Rolle, desto geringer die Verantwortung, die der deutschen Gesellschaft selbst zufiel. In der Folge griff man immer häufiger auf die Begriffe „Nazismus“ oder „Nationalsozialismus“ zurück, die den Charakter des Systems sowie die Beteiligung verschiedener Institutionen und Teile der deutschen Gesellschaft an seinem Funktionieren besser erfassen sollten.
Ähnlich bedeutet der Begriff „deutsche Verbrechen“ nicht automatisch, allen Deutschen die Schuld zuzuweisen. Er kann sich auf den deutschen Staat, seinen Terrorapparat, die Besatzung oder das vom Dritten Reich geschaffene System beziehen. In der Historiographie und der öffentlichen Debatte funktionieren diese Begriffe parallel und erfordern vor allem Präzision und Kontextbewusstsein.
Beunruhigend ist jedoch die gegenwärtige Tendenz zum instrumentellen Umgang mit historischen Begriffen — sowohl in Polen als auch in Deutschland. Es kommt vor, dass sie nicht dazu genutzt werden, die Vergangenheit besser zu verstehen, sondern um politische Gegner moralisch zu diskreditieren oder dem Nachbarn „eins auszuwischen“ — und dabei eine Art zeitlose Verbindung zwischen unserer Gegenwart und der Mitte des 20. Jahrhunderts herzustellen, die alle Wandlungen und Bemühungen im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Vergangenheit ignoriert. Auf diese Weise kehren wir zu alten Streitigkeiten zurück, die weder dem Verständnis der Geschichte noch der Entwicklung der gegenwärtigen deutsch-polnischen Beziehungen wirklich dienen.