Wir wissen, wir erinnern und wir mahnen
Zwischen 2 und 2,5 Millionen Menschen wurden dank der Operation „Hannibal“, der größten Evakuierung über den Seeweg in der Geschichte der Welt im Winter 1945, gerettet. Wir wissen jedoch, dass es dabei auch zu den größten Schiffskatastrophen der Weltgeschichte kam. Wir wissen, wir erinnern und wir mahnen – als Warnung.
In Gdingen fand im Zusammenhang mit dem 81. Jahrestag der Versenkung von drei Passagierschiffen, die Flüchtlinge aus Ostpreußen und Pommern (die durch russische Truppen vom übrigen Deutschland abgeschnitten waren) transportierten, am 11. April erneut eine Gedenkfeier statt.
Eine Tragödie, die bis heute bewegt
Es handelte sich um die Schiffe „Wilhelm Gustloff“, „Steuben“ und „Goya“. Schätzungen zufolge kamen bei ihrer Versenkung bis zu 25.000 Menschen ums Leben, überwiegend Zivilisten, darunter vermutlich etwa 6.000 Kinder. Organisiert wurde die Veranstaltung wie jedes Jahr vom Bund der Deutschen Bevölkerung in Gdingen.
Die Feierlichkeiten begannen in der Seemannskirche in Gdingen. Ihnen ging ein Konzert des Gdinger Kammerchors unter der Leitung von Piotr Klemeński voraus, der anschließend auch während des gesamten ökumenischen Gottesdienstes sang, sowie die Rezitation eines den Opfern gewidmeten Gedichts von Małgorzata Reschke, vorgetragen von ihr selbst. Den Gottesdienst zelebrierten gemeinsam Pfarrer und Kanonikus André Schmeier – katholischer Seelsorger der deutschen Minderheit aus Allenstein, Pfarrer Edmund Fröhlich – Pastor der lutherischen Gemeinde in Stolp, sowie Pfarrer Sebastian Niedźwiedziński – Pastor der methodistischen Gemeinde in Danzig.

Malgorzata Reschke trägt ein Gedicht vor.
Foto: Lech Kryszałowicz
Gebet und Erinnerung über Grenzen hinweg
Die Predigt hielt Pfarrer Fröhlich.
„Jesus, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst“, bat der mit ihm gekreuzigte Verbrecher. „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“, antwortete ihm Jesus – erinnerte Pfarrer Fröhlich. – Wir glauben, dass für Gott alle Opfer dieser drei Schiffe, alle Opfer dieses Krieges und aller anderen Kriege, auch der gegenwärtig geführten, nicht anonym sind. Wir glauben, dass Gott sie alle beim Namen kennt und dass sie bei ihm im Paradies sind. Und unser Gebet soll ein Ruf nach Frieden sein, denn der Krieg ist ein sinnloses Geschehen, das nur Tod und Leid bringt – sagte der Geistliche.

Piotr Dukat, Vorsitzender der Allensteiner Gesellschaft der Deutschen Minderheit, legt einen Kranz an der Gedenktafel in der Kirche nieder.
Foto: Lech Kryszałowicz
Nach dem Gottesdienst legten die Anwesenden Blumen nieder und beteten an der Gedenktafel in der Kirche, die von der deutschen Minderheit in Polen gestiftet wurde. Initiator der Tafel sowie der Gedenkfeier ist Benedykt Reszke – Vorsitzender des Bundes der Deutschen Bevölkerung in Gdingen.
Anschließend begaben sich alle wie gewohnt zum Kościuszko-Platz, von dem aus die „Wilhelm Gustloff“ am 30. Januar 1945 zu ihrer letzten Reise aufbrach. Deshalb findet das Gedenken an die Opfer dieser Fahrt in Gdingen statt. Dort beteten die Teilnehmer erneut, sangen das Lied „Wahre Freundschaft“, warfen Kränze ins Meer und entzündeten Kerzen auf der Mole.

Konsul Mundiger wirft einen Kranz ins Meer.
Foto: Lech Kryszałowicz
Gemeinschaft und persönliche Geschichten
Danach begaben sich alle in ein nahegelegenes Restaurant, wo sie gemeinsam zu Mittag aßen, vor allem aber miteinander ins Gespräch kamen. An der Gedenkveranstaltung für die Opfer der „Gustloff“, „Steuben“ und „Goya“ nahmen nicht nur Mitglieder des Bundes der Deutschen Bevölkerung in Gdingen teil, sondern auch u.a. Hannes Mundinger – Konsul der Bundesrepublik Deutschland in Danzig, Michał Schlueter – stellvertretender Vorsitzender des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen, Jakub Szadaj – Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Danzig, sowie Vertreter deutscher Minderheitenorganisationen aus Allenstein, Dirschau, Lauenburg, Bromberg, Schneidemühl, Konitz, Graudenz und Schivelbein, des Verbandes der deutschen Vereine in Ermland und Masuren sowie der Deutsch-Polnischen Gesellschaft aus Gdingen und Danzig. Die Gedenkveranstaltung hatte somit auch einen integrativen Charakter.
„Und unser Gebet soll ein Ruf nach Frieden sein, denn der Krieg ist ein sinnloses Geschehen, das nur Tod und Leid bringt.“ – Pfarrer Edmund Fröhlich
Kurzzeitig erschien auch Aleksandra Kosiorek – Stadtpräsidentin von Gdingen, in Begleitung der Stadträtin Natalia Kłopotek-Główczewska. Während der Veranstaltung überreichte Michał Schlueter den verdientesten Mitgliedern der Gdinger Organisation anlässlich ihres 30-jährigen Bestehens Ehrenurkunden des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen.

Vertreter verschiedener deutscher Organisationen aus Nordpolen saßen gemeinsam an den Tischen.
Foto: Lech Kryszałowicz
Doch die Gedenkveranstaltung für die Opfer der Evakuierungsaktion „Hannibal“ ist für Hilary Kohnke, stellvertretender Vorsitzender des Bundes der Deutschen Bevölkerung in Gdingen, nicht nur ein weiterer Jahrestag, sondern auch eine persönliche Erinnerung.
– Meine Mutter, Cecylia Kohnke, floh im März 1945 mit dem Schiff „Cap Arcona“ von Danzig nach Dänemark. Sie erinnerte sich, dass sehr viele Menschen an Bord waren und die See unruhig war, sodass das Schiff stark schwankte. Aus Dänemark kehrte sie im Herbst 1945 nach Danzig zurück. Ihre Wohnung in Langfuhr in der Birkenallee 3 (heute Brzozowa) war bereits von polnischen Umsiedlern aus dem Osten besetzt. Sie erhielt sie nicht zurück. Mein Vater, der Matrose der Kriegsmarine war, geriet in Nordnorwegen in britische Gefangenschaft und kehrte erst Ende 1945 nach Hause zurück – berichtet Hilary Kohnke.
Lech Kryszałowicz

