Klaus Kawalek: Meine Flucht von Eleonorensgrün und die Zeit danach

Teil 3: Erwachsenwerden in Polen und der Weg zur Versöhnung

27 Juli 2026, 17:00 Geschichte

Daraufhin hat mein Großvater geantwortet: „Bis er zur Schule kommt, ist es lange wieder Deutsch.“ Das war ein Irrtum. So und so ähnlich haben damals viele Schlesier gedacht. Drei Monate vor der Einschulung kam ich in den Kindergarten, um Polnisch zu lernen. Als Kind lernt man eine neue Sprache schnell, von da an war ich zweisprachig. Am 1. September 1948 wurde ich im Alter von 7 Jahren mit relativ guter Beherrschung der polnischen Sprache eingeschult. Da mein Vorname deutsch ist, hat man diesen in den polnischen Vornamen Mikołaj (deutsch Nikolaus) geändert. In allen Schulzeugnissen steht jetzt der Vorname Mikołaj, gerufen wurde ich aber von allen, auch von den Lehrern, mit meinem richtigen Vornamen Klaus. Damit konnte ich gut leben. Der zugefügte Vorname Mikołaj hat mich während der Schulzeit begleitet. Als ich erwachsen war, habe ich immer meinen richtigen Vornamen Klaus angegeben und dieser wurde akzeptiert.

Das Provisorium wurde zum Dauerzustand

Die Deutschen in Schlesien wollten nicht wahrhaben, was schon vor Kriegsende mit den Beschlüssen einer Neuordnung der östlichen deutschen Grenze geschehen sollte. Man hat es wohl auch gar nicht gewusst. Auf der Konferenz in Teheran haben die Hauptalliierten (Russland, England, USA) am 1. Dezember 1943 über das militärische Vorgehen auf dem Kriegsschauplatz sowie über die politische Neuordnung Europas nach einem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland beraten. Im Februar 1945 verständigten sich die Alliierten auf der zweiten großen Konferenz in Jalta auf der Krim über die Zukunft Europas. Zentrale Fragen waren die Aufteilung Deutschlands nach Kriegsende. Polen sollte in westliche Richtung verschoben werden.

Teil 1: Kindheit im Wald und die missglückte Flucht
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Am 17. Juli 1945 begann die Potsdamer Konferenz. Unter vielen Themen wurde auch der Verlauf der Oder-Neiße-Linie als Grenze zwischen Deutschland und Polen vorgeschlagen. Im Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 hatten sich die alliierten Siegermächte darauf verständigt, die ehemaligen deutschen Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie bis zu einer endgültigen Festlegung der Westgrenze Polens unter polnische Verwaltung zu stellen. Dieses Provisorium wurde zum Dauerzustand. Eine endgültige Entscheidung darüber sollte erst in einem Friedensvertrag gefällt werden.

Störsender und die Hoffnung auf Wiedervereinigung

Die deutschen Familien haben Nachrichten aus Westdeutschland im Radio verfolgt. In der Sommerzeit kam der Empfang fast zum Erliegen. In der Winterzeit war der Radioempfang besser, allerdings setzte, nachdem der Nachrichtensprecher angefangen hatte, die Nachricht zu sprechen, sofort ein stark surrendes Geräusch ein. Man konnte kaum etwas verstehen. Nachts war der Empfang besser.

Wenn man mit dem Zug von Szydłów/Goldmoor nach Oppeln gefahren ist, konnte man kurz vor der Haltestelle Oppeln West die Störanlage aus dem Zug sehen. Auf einem Hügel in Winau standen mehrere hohe Masten, dazwischen war ein Drahtgeflecht zu erkennen, das diese Störung verursachte.

Granitdenkmal in Form eines schlesischen Sühnekreuzes auf dem Gelände der Gedenkstätte in Lamsdorf.
Foto: Klaus Kawalek

Wenn für uns eine wichtige Nachricht durchsickerte, dann tauschten sich die Nachbarn darüber aus und oft war ich bei diesen Gesprächen dabei. „Habt ihr gehört“, sagte der eine zum anderen: „Der Adenauer hat wieder gesprochen und gesagt: ,Es muss und es wird zu einer Wiedervereinigung kommen.‘“ Er hat auch immer wieder seine Landsleute hinter der Oder-Neiße-Linie angesprochen. Oder ein anderes Mal hat er gesagt: „Liebe schlesischen Landsleute, haltet die Heimat.“ Diese Aufrufe haben immer wieder Hoffnung auf eine Wende aufkommen lassen.

Zusammenleben und das Tabu Lamsdorf

Der ehemalige Lagerarzt Heinz Esser hat schon 1949 seine Broschüre „Die Hölle von Lamsdorf“ in Westdeutschland herausgegeben. Dieses dünne Buch mit 130 Seiten kam auf Umwegen in den 1950er Jahren nach Szydłów/Goldmoor. Es wanderte heimlich durch die deutschen Familien. Heimlich deswegen, weil das Thema Arbeitslager Lamsdorf ein absolutes Tabuthema war.

Das Zusammenleben zwischen den beiden Volksgruppen, Deutschen und Polen, in Szydłów/Goldmoor wurde mit den Jahren immer besser. Bei uns Kindern hat die Integration relativ gut geklappt. In der Schule hatte man immer Kontakt zueinander und es gab auch keine sprachlichen Barrieren wie bei den älteren Bewohnern. Zudem entwickelten sich auch Freundschaften zwischen den Alt- und Neubürgern.

Die Vertreibung und die späteren freiwilligen Ausreisen der Schlesier sind Ende der vierziger Jahre abrupt zurückgegangen. Aus Szydłów/Goldmoor haben nur einzelne Familien nach langer Wartezeit eine Genehmigung zur Ausreise nach Deutschland erhalten. Die damalige polnische Regierung wollte die unentbehrlichen schlesischen Arbeitskräfte nicht gehen lassen. Es wurden Handwerker, hauptsächlich im Baugewerbe, und Facharbeiter in der Industrie dringend gebraucht. Die zerstörten Städte und Industrieanlagen mussten wiederaufgebaut werden.

Klaus Kawalek mit Ehefrau Ella zu besuch im oberschlesiem Groß Stein, 2026
Foto: Manuela Leibig

Die Polen, welche sich in Szydłów/Goldmoor und in den umliegenden Dörfern im Kreis Falkenberg/Niemodlin niedergelassen hatten, waren mehrheitlich einfache Bauern. Unter ihnen gab es auch einige Analphabeten.

Nach Abschluss der Berufsschule habe ich Ende der fünfziger Jahre vier Jahre bei der Post gearbeitet. Hier hatte ich bei der Auszahlung der Renten Schwierigkeiten, da der Empfänger auf dem Überweisungsträger mit seiner Unterschrift den Empfang quittieren musste. Es gab einige ältere Herrschaften, die mit drei Kreuzen unterschrieben. Ich war dann angehalten, daneben einen Passus zu schreiben, dass der Empfänger nicht schreiben konnte („Adresat jest niepiśmienny“). Dann musste ich noch das Datum und meine Unterschrift daruntersetzen.

Der Kampf um die Identität

Im Jahr 1965 entstand das „Zentrale Museum der Kriegsgefangenen in Lamsdorf/Lambinowice“ (Centralne Muzeum Jeńców Wojennych w Łambinowicach). Es befindet sich im ehemaligen Gebäude der Wehrmachtskommandantur, die Direktion ist in Oppeln, in der ulica Minorytów 3.

Gebäude der Wehrmachtskommandantur
Foto: Klaus Kawalek

Mein Vorname Klaus war bei den polnischen Behörden immer noch ein Dorn im Auge. Als wir 1968 heiraten wollten, hatten wir im August auf dem Standesamt in Niemodlin das Aufgebot bestellt. Nach der Durchsicht unserer Dokumente sagte die Standesbeamtin, dass ich meinen Vornamen ändern müsste, denn mit meinem Vornamen dürfe sie die Trauung nicht vollziehen.

Sie legte mir eine Liste mit polnischen Vornamen vor und ich durfte mir einen aus dieser Liste aussuchen. Das habe ich natürlich abgelehnt. Nach vier Wochen sind wir mit zwei Zeugen zur Trauungszeremonie erschienen. Ich hatte Glück gehabt, denn an diesem Tag war eine andere Beamtin im Dienst und zum Thema Namensänderung sagte diese nichts mehr.

Nach dreimaliger Antragstellung haben wir am 27. Juni 1977 Schlesien als Spätaussiedler in Richtung Ingolstadt verlassen. 1978 sind wir nach Hannover umgezogen und haben uns hier eine neue Existenz aufgebaut. Wir starteten fast bei null.

Späte Aufarbeitung: Schatten von Lamsdorf

Erst am 14. November 1990 unterzeichneten Deutschland und Polen den deutsch-polnischen Grenzvertrag. Mit diesem Vertrag legten beide Staaten die bestehende Grenze endgültig fest. Die Geschichte des Arbeitslagers Lamsdorf war bis zur Wende 1989/90 in Polen tabuisiert.

Quelle: privat

Die Aufarbeitung vollzog sich danach überraschend schnell. Schon im Jahr 1991 wurde ein Buch des polnischen Historikers Edmund Nowak mit dem Titel „Cień Łambinowic“, auch in deutscher Übersetzung „Schatten von Lambinowice“, herausgegeben. Es war der Versuch einer Rekonstruktion der Geschichte des „Arbeitslagers in Lambinowice 1945–1946“.

Anhand der zur Verfügung gestellten Materialien kam man zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Insassen und Opfer korrigiert werden musste. Man war der Meinung, dass die Zahlen in der deutschen Literatur viel zu hoch angesetzt worden waren. Erst nach der Wende wurde es möglich, die dramatische Geschichte ans Licht zu bringen und der Opfer zu gedenken.

Gedenkstätte der Opfer des Internierungslagers in Lambinowice (1945–1946). Foto: Klaus Kawalek

Auf dem Gelände des Arbeitslagers wurde ein Holzkreuz aufgestellt. Nachdem es mehrere Male durch Brandstiftung geschändet worden war, errichtete man es anschließend aus Eisen.

Die Aufarbeitung der Geschichte des Arbeitslagers und das Gedenken an die Opfer erstreckten sich über mehrere Jahre. Sie waren mit zahlreichen Kontroversen, Streitigkeiten und öffentlichen Debatten verbunden. Oft auch auf Initiative des Zentralen Museums der Kriegsgefangenen in Lambinowice wurde am 30. September 1995 ein Denkmal aus Granit in Form eines Schlesischen Sühnekreuzes enthüllt und eingeweiht.

In das Denkmal ist in polnischer und deutscher Sprache eingemeißelt: „Deutschen und Polen, Opfern des Lagers Lambinowice aus den Jahren 1945/46“.

Nach der Aufstellung des Schlesischen Sühnekreuzes entstand die Idee zum Bau eines Friedhofes, der an die Verstorbenen erinnern sollte. Die Umsetzung des Projekts dauerte noch sieben Jahre und war ebenfalls nicht frei von Kontroversen und Streitigkeiten.

Am 16. September 2002 fand die Eröffnung und Einweihung des Friedhofs der Opfer des „Arbeitslagers Lambinowice 1945/46“ statt. Die Einweihung wurde durch Erzbischof Alfons Nossol vorgenommen.

Am Eingang zum Friedhof steht auf einer Steintafel in deutscher und polnischer Sprache:

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ – „Odpuść nam nasze winy, jako i my odpuszczamy naszym winowajcom“

Steintafel mit dem Vaterunser-Zitat. Foto: Klaus Kawalek

Suche nach Namen und Spuren

Auf dem Rasen stehen in Abständen zueinander Steinblöcke (Feldsteine), jeder für einen Ort mit Ortsnamen in deutscher und polnischer Sprache. Auf der linken Seite neben dem Kreuz befinden sich Steintafeln aus Marmor mit den Namen der Verstorbenen in alphabetischer Reihenfolge.

Meine im Lager verstorbene Großmutter steht leider nicht auf diesen Tafeln.

Im Oktober 2016 waren wir in unserer alten Heimat Szydłów/Goldmoor zu Besuch. Anschließend haben wir einen Abstecher zum Lager Lamsdorf gemacht. Zunächst bekam ich einen Schreck: Rechts hinter dem Eingang fehlten einige Meter des Maschendrahtzauns. Durch diese Öffnung gelangten Wildschweine auf das Friedhofsgelände und hatten den Rasen stark durchwühlt.

Teil 2: Die Hölle von Lamsdorf und der Verlust der Heimat
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Hier habe ich Fotos gemacht und bin gleich nach Oppeln zur Museumsdirektion gefahren, um diesen Schaden zu melden. Im Museum hat man mich sofort zur Direktorin Frau Renate Kobylarz-Buła weitergeleitet. Bei einer Tasse Kaffee hatten wir ein gutes, längeres Gespräch.

Bei dieser Gelegenheit habe ich erfahren, warum sich der Name meiner im Lager verstorbenen Großmutter nicht auf den Gedenktafeln befindet. Mit Geduld erklärte mir Frau Kobylarz-Buła, dass nach der Wende die Lagerdokumente zur Museumsdirektion nach Oppeln gebracht wurden und ein Teil der Lagerkartei verschollen ist. Eine nachträgliche Ergänzung von Namen auf der Tafel ist leider nicht mehr möglich.

Die Arbeitsgruppe, die an dem Projekt des Friedhofs gearbeitet hatte, wurde nach Beendigung der Arbeiten aufgelöst.

Zum Abschied bekam ich als Dankeschön für meine Meldung über den zerstörten Rasen eine zweisprachige Broschüre und eine DVD über das Kriegsgefangenenlager in Lamsdorf.

Im ehemaligen Gebäude der Wachkommandantur wurde am 3. Dezember 2013 eine Ausstellung über die Geschichte des „Arbeitslagers Lambinowice 1945/46“ eröffnet.

Das ehemalige Wachgebäude (Wartownia) in Lamsdorf.
Foto: Klaus Kawalek

In der Ausstellung sind einige Fotos und aufgeschriebene Erinnerungen ehemaliger Insassen aus dieser Zeit zu sehen. Des Weiteren kann man an einem Computer Nachforschungen anstellen: Nachdem ich meinen Namen eingegeben hatte, erschien nur der Name meines Großvaters mit Angaben zum Geburtsjahr, Wohnort, Datum der Inhaftierung sowie der Entlassung.

Allerdings bestand unsere Familie nach der Inhaftierung aus fünf Personen, somit ist die Lagerkartei sehr lückenhaft. Daraus resultiert wohl die hohe Differenz der Angaben zwischen deutschen und polnischen Historikern. In der deutschen Literatur geht man von 9.000 Personen aus, die im Lager inhaftiert waren, während polnische Historiker von 5.000 bis 6.000 Personen ausgehen. Die Wahrheit werden wir wohl nie erfahren.

Der Aufarbeitungsprozess scheint noch nicht abgeschlossen zu sein, denn die Ausstellung im Museum ist wegen Umbauarbeiten seit 2023 geschlossen. Wie ich auf Umwegen erfahren habe, wird an einem neuen Konzept für eine neue Ausstellung gearbeitet. Diese soll im Jahr 2025 wieder geöffnet werden.

Es ist schon ein bedeutendes Ereignis, dass nach vielen Widrigkeiten der Friedhof und auch eine Ausstellung zum Gedenken an die Opfer des „Arbeitslagers Lambinowice 1945/46“ geschaffen wurden. Es ist wichtig, die Erinnerungen an diese grausame Zeit für die nächste Generation zu erhalten.

Für eine Zukunft ohne Hass

Nach dem Krieg war alles Deutsche sehr verhasst. Doch seit der Wende ist das ehemals Deutsche kein Tabuthema mehr. In den polnischen Printmedien erscheinen immer wieder Berichte über die Enkelgeneration, die sich für die deutsche Geschichte interessiert. Das lange vergessene deutsche Erbe wird nach und nach wiederentdeckt.

In manchen Orten werden alte, übermalte Schriftzüge an Hausfassaden freigelegt. Außerdem ist zu lesen, dass sich Initiativen gebildet haben, um alte deutsche Grabsteine zu restaurieren und so vor dem Verfall zu bewahren.

Es berührt mich sehr, wenn ich über solche Ereignisse in der polnischen Presse lese, denn dann werden meine Erinnerungen an den geschändeten Friedhof in Szydłów/Goldmoor im Jahr 1945 wieder wach.

Die Erinnerung an die Vergangenheit soll keine Wunden aufreißen. Vielmehr ist es erfreulich, dass sich der damalige Hass ins Gegenteil gewandelt hat. Wünschenswert ist, dass die junge Generation zum Nachdenken über die von mir geschilderten Erlebnisse angeregt wird.

Die Auseinandersetzung mit diesen Erinnerungen soll dazu beitragen, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen. Wir müssen uns für Freiheit und Demokratie starkmachen und hoffen, dass es niemals wieder zu solchen Ereignissen kommt.

 

Ende der Serie

Klaus Kawalek

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