Wie fühlt es sich an, wenn sich Grenzen verändern, ohne dass man selbst seinen Wohnort verändert? Johannes Kwapis hat im Oppelner Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen (DAZ) aus seiner Familiengeschichte erzählt. Drei Generationen, drei Armeen und drei verschiedene politische Systeme zeigen, wie kompliziert die Identität der Oberschlesier sein konnte – und wie oft sie sich nicht freiwillig für eine Seite entscheiden konnten.
Erinnerungen an die Erinnerungen
Im Oppelner Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen (DAZ) – eine Außenstelle der Woiwodschaftsbibliothek E. Smołka in Oppeln – erzählte Johannes Kwapis über seine Familiengeschichte. Eigentlich, sagt er, sei „Familiengeschichte“ vielleicht schon ein zu großes Wort. Trotzdem wurde ihm irgendwann klar, dass die vielen Geschichten, die er aus seiner Familie kannte, nicht einfach verschwinden durften.
„Das sind, wie ich hier geschrieben habe, auch Erinnerungen an meine Erinnerungen. Sogar bei mir ist schon sehr viel abhanden gegangen“, sagt Kwapis. Erst kurz vor seinem Ruhestand hat er sich deshalb vorgenommen, die Geschichten aufzuschreiben. „Ich habe gesagt, man könnte das eigentlich aufschreiben, weil das sind sehr interessante Sachen. Da sind drei Generationen, wo wir alle Wurzeln hier in Schlesien haben.“
„Ohne einen Wohnsitz zu ändern, plötzlich in Polen.“
Es ist eine Geschichte, in der sich die großen politischen Veränderungen des 20. Jahrhunderts unmittelbar im Leben einer Familie widerspiegeln. Grenzen werden verschoben, Staaten entstehen und verschwinden, Männer werden in unterschiedliche Armeen eingezogen und Menschen werden plötzlich Bürger eines anderen Landes, ohne ihr Haus verlassen zu haben.
Angefangen hat die Geschichte mit dem Großvater von Johannes Kwapis, noch im Kaiserreich.
Drei Generationen, drei Uniformen
Besonders deutlich wird die komplizierte Geschichte der Familie an den Männern aus drei Generationen. Kwapis‘ Großvater diente noch im Deutschen Kaiserreich in der Leibgarde von Kaiser Wilhelm II. in Spandau bei Berlin.
Eine Generation später sah die Welt vollkommen anders aus. Der älteste Sohn seines Großvaters diente in der Wehrmacht. Ein weiterer Sohn fand sich nach dem Krieg in der polnischen Armee wieder.

Zusammen mit Monika Wittek zeichnet Kwapis anhand historischer Dokumente die Geschichte nach. Foto: Mika Ballhausen
„Der älteste Sohn war bei der Wehrmacht und der Dritte, schon nach dem Krieg, in der polnischen Armee. Also innerhalb von einer Familie die engsten Familienangehörigen schon bei verschiedenen Verbänden, verschiedenen Herren“
Gerade diese Konstellation macht für Kwapis deutlich, wie wenig sich die Lebensgeschichten der Oberschlesier mit einfachen Kategorien erklären lassen.
„Das sind drei Generationen in drei verschiedenen Ländern“, sagt er. Und hinter den unterschiedlichen Uniformen standen nicht unbedingt unterschiedliche Überzeugungen. Oft war es schlicht das Ergebnis der politischen Verhältnisse.
Eine Grenze, die über das Haus hinweggeht
Besonders eindrucksvoll erzählt Kwapis die Geschichte seines Vaters. Dieser wurde noch vor den schlesischen Aufständen in Lubschau (Lubsza) bei Woischnik (Woźniki), geboren.
„Er ist, ohne seinen Wohnsitz zu ändern, nach den Aufständen, nach den Jahren 1922, plötzlich in Polen.“
Der Satz beschreibt eines der großen Paradoxa der oberschlesischen Geschichte: Der Mensch bleibt am selben Ort, aber der Staat um ihn herum verändert sich.
„Ohne einen Wohnsitz zu ändern, wie mein Opa dreimal, plötzlich nach den Aufständen, nach den Jahren 1922 wohnte er in Polen.“
Auch der Zweite Weltkrieg brachte für seinen Vater eine neue Zäsur. Er diente in der Wehrmacht und geriet anschließend in Gefangenschaft. Nach dem Krieg wurde er polnischer Staatsbürger.
Für Johannes Kwapis sind solche Lebensläufe kein Einzelfall, sondern ein Schlüssel zum Verständnis der oberschlesischen Identität. Menschen konnten sich als Deutsche fühlen, in dem 1922 zu dem neu entstandenen Staat Polen eingegliederten Teilen Schlesiens leben und dennoch in einer deutschen Armee dienen müssen. Andere Familienmitglieder fanden sich später in der polnischen Armee wieder.
Dreimal die Uniform gewechselt
Besonders bewegt erzählt Kwapis die Geschichte seines Onkels Johann. Während des Zweiten Weltkriegs wechselte dieser gleich dreimal die Armee – und jedes Mal unter Umständen, die er selbst kaum beeinflussen konnte.
Als der Krieg im September 1939 ausbrach, lebte die Familie bereits in Polen. Obwohl sie zur deutschen Minderheit gehörte, wurde der Onkel zunächst in die polnische Armee eingezogen.
„Er kam in die polnische Armee im September 1939 beim Ausbruch des Krieges, weil sie nach den Aufständen, wie gesagt, in Polen wohnten, obwohl sie der deutschen Minderheit angehört haben.“
Schon nach einer Woche geriet er in deutsche Gefangenschaft. Dort zeigte er seinen Ausweis der deutschen Minderheit.
„Die haben gesagt, alles gut und klar. Die haben ihn nur in eine andere Uniform gesteckt, aus der Gefangenschaft war er raus.“
Damit war seine Geschichte aber noch lange nicht beendet. Er musste anschließend in die deutsche Armee und kam bis nach Moskau, wo er in sowjetische Gefangenschaft geriet.
Dort bekam er erneut eine Entscheidung vorgesetzt, die eigentlich keine wirkliche Entscheidung war: Lager in Sibirien oder Eintritt in die neu entstandene polnische Armee in Russland. „Da hat mein Onkel überlegt und gesagt, die Armee hat mehr Aussichten auf ein Überleben gehabt als das andere.“
Zum dritten Mal trug er eine andere Uniform.
„Da war er wieder in polnischer Uniform.“
Jahre im Versteck
Doch auch nach dem Krieg war seine Geschichte nicht vorbei. Nach einer Schlacht bei Kolberg verschwand der Onkel und lebte jahrelang versteckt.
„Die ganze Geschichte war irgendwie suspekt“, erklärt Kwapis. „Vielleicht hat er in stalinistischen Zeiten Angst gehabt.“
Erst später konnte er sich wieder offiziell anmelden. Er überlebte den Krieg, die Gefangenschaft und die politischen Umbrüche. Sein Tod kam schließlich unter völlig anderen Umständen.
„Dann hat er ein Dach von einem Geräteschuppen geteert, ist runtergefallen, hat sich ein Bein gebrochen und zwei Tage später, mit 56, ist er gestorben, wahrscheinlich durch eine Lungenembolie.“
Für Kwapis ist gerade dieser Gegensatz erschütternd. „Das ist natürlich Hammer, solche Sachen in der Familie. Wo solche Gefahren, wie der Onkel Johann oder die anderen, die sind lebend und wo kaum fast einer überlebt hätte. Die haben das alles überlebt und bei so banalen Sachen hat das Leben relativ jung geendet.“
Der Mann, der eine Kugel durch den Mund überlebte
Auch die Geschichte seines Onkels Günther klingt beinahe unglaublich. Er kam mit der Wehrmacht nach Russland. Während des Winters liefen die Soldaten auf Schlittschuhen. Am Dnjepr brach plötzlich das Eis.
„Er kam unter Eis, hat ihn der Fluss gezogen. Die Kameraden haben ihn rausgefischt, wiederbelebt und zurück an die Front.“
Später wurde er durch einen Schuss schwer verletzt. Während er auf einem Feld-WC saß, fiel plötzlich ein Soldat um. Günther bemerkte einen Scharfschützen auf einem Kirchturm.
„Und er hat zu den anderen gerufen: DA! In dem Moment, im geöffneten Mund, hat er eine Kugel gekriegt. Und die ist rausgegangen am Hals, ohne die Wirbelsäule zu beschädigen.“
Der Arzt glaubte, er werde innerhalb weniger Minuten sterben. Doch auch diese Prognose erfüllte sich nicht.
„Nein, der hat sich berrappelt. Zurück an die Front.“
Später folgten sowjetische Gefangenschaft und jahrelange Arbeit in einem Steinbruch. Abgemagert bis zum Skelett kam er schließlich mit einem Transport in die DDR.

Johannes Kwapis hat seine Familiengeschichte für die nächste Generation dokumentiert. Foto: Mika Ballhausen
Doch auch bei ihm sollte das Leben Jahrzehnte später auf eine geradezu absurde Weise enden.
„Er war in Rente, Sommer, irgendwas im Garten machen. Er hat Kirschen gepflegt. Und eine Sprosse von der Leiter ist gebrochen. Er ist gefallen, vielleicht nur anderthalb Meter. Hat sich aber einen Arm gebrochen, hat Sepsis gekriegt und zwei Tage später ist er gestorben.“
Kwapis hält kurz inne. Dann sagt er:
„Der hat alles überlebt – die russische Gefangenschaft, den Schuss durch den Mund. Und hätte er den Mund zugehabt, dann hätten die Zähne alles, hätte ihm wahrscheinlich das ganze Gesicht zerrissen. Aber durch den geöffneten Mund kam die Kugel hier durch.“
Warum die Geschichten bleiben sollen
Es sind solche Geschichten, die Kwapis schließlich dazu brachten, seine Familiengeschichte aufzuschreiben. Nicht nur für sich selbst, sondern vor allem für die nächste Generation: „Das hat mich motiviert, das aufzuschreiben. Für die Enkelkinder.“
Seine Enkel seien heute noch jung. Vielleicht würden sie sich im Moment nicht besonders für die Geschichten interessieren. Aber irgendwann, glaubt Kwapis, könnten sie verstehen, welchen Schatz sie in diesen Erinnerungen haben. „Vielleicht nicht jetzt, aber irgendwann. Jetzt haben sie da kein großes Interesse, sind Teenager und noch kleiner, die Enkelkinder.“
Denn hinter den einzelnen Geschichten steckt für ihn mehr als eine Familienchronik. Sie erzählen davon, was es bedeutet, in Oberschlesien geboren zu sein, wo sich Grenzen, Staaten und politische Systeme mehrfach verändert haben.
„Es wäre schade, wenn das verloren gehen würde“, sagt Kwapis.
Und so wird aus der Geschichte einer Familie zugleich ein Stück oberschlesischer Geschichte: drei Generationen, drei Armeen und Menschen, die oft nicht selbst bestimmen konnten, welche Uniform sie tragen mussten.