Ist die Abneigung, Haus und Hof zu verlassen, genetisch bedingt? Falls dem so ist, scheint diese Mutation unter Schlesiern besonders weit verbreitet zu sein. Vielleicht hat sie sogar einen historischen Hintergrund. Schließlich wechselte Oberschlesien im Laufe von Jahrhunderten mehrmals die Staatsgrenzen. Ein Herr ging, ein anderer kam. Die weite Welt war ein unsicherer Ort. Behütet fühlte sich der Schlesier nur in den eigenen vier Wänden. Hinter dem Lattenzaun herrschte Chaos. Das Zuhause bedeutete Sicherheit und Geborgenheit. Und so wurde die Angst vor unbekannten Ländern von einer Generation auf die andere übertragen.
Behütet fühlte sich der Schlesier nur in den eigenen vier Wänden. Hinter dem Lattenzaun herrschte Chaos.
Da gibt’s nichts zu lachen. Dass sich solche Traumata vererben können, ist ein wissenschaftlich erforschtes Phänomen. Doch auch sie verblassen nach einigen Jahrhunderten. Was bleibt, sind fehlende Reiselust, Misstrauen gegenüber fremden Sitten und Ländern, eine starke Bindung an die eigene Matratze und die Anhänglichkeit an den einen ganz bestimmten Parkplatz auf dem Kirchenhof. Wenn das nicht genetisch ist, dann weiß ich auch nicht.
Jedenfalls trägt mein Vater dieses dominante Gen in sich. Und in diesem Sommer werden seine Grenzen getestet. Denn er wurde von seiner Familie dazu überredet, mehrere Staatsgrenzen zu überschreiten. In einem Moment der Schwäche hat er zugesagt, an einem Familienurlaub teilzunehmen. Seither gab es keinen Tag, an dem er es nicht bereut hätte.

Josef sorgte sich weniger um sein Wohlergehen als um den Zustand seines Gartens.
Foto: Fabiana Targino/Unsplash
Denn eines ist sicher: Während seiner Abwesenheit gehen Haus und Garten zugrunde. Naturkatastrophen und Diebe warten nur darauf, dass Josef dem Schlesierland Adieu sagt. Und wenn er das tut, ist alles verloren. Vor allem die Tomaten, die gerade erst beginnen zu reifen und von denen nix, aber auch nix übrigbleibt, wenn er zurückkommt.
Wozu soll er überhaupt weg? Dank Google Street View kann man heute schließlich die ganze Welt bereisen – ganz bequem vom Küchentisch aus. Und das Meer hat er doch schon einmal gesehen. Das polnische zwar – aber Wasser ist schließlich Wasser. Sein einziger Trost: Mag sein, dass dies sein letzter Urlaub ist. Er ist ja schon über 70, und wer weiß, ob er überhaupt aus der Fremde lebend zurückkommt. Viel wichtiger ist ohnehin eine andere Frage: Wer kümmert sich in der Zwischenzeit um die Tomaten? Obwohl – nein, eigentlich ist es egal. Niemand könnte es so gut machen wie Josef selbst.