Christen verstehen was von guter Musik. Egal, wie man zum Glauben steht, das muss man ihnen lassen. Im Laufe der Jahrhunderte haben sie ein beeindruckendes Liedgut geschaffen. „Großer Gott, wir loben dich“? Ein echter Hit. „Segne du, Maria“? Schlager ohne Wenn und Aber. „Schwarze Madonna“? Ein musikalisches Kunstwerk! Die Kirchenlieder sind nicht nur sprichwörtliche Dauerbrenner, sondern auch echte Ohrwürmer. Ja, Christen liefern seit Jahrhunderten musikalische Klassiker.
Und noch eines haben sie gut gemeistert: Inklusivität. Denn in der Kirche ist jeder im „Chor“ willkommen – Talent ist keine Voraussetzung. Mitsingen ist ausdrücklich erlaubt, und eine perfekte Stimme ist keine Eintrittskarte.
Natürlich trifft nicht jeder den richtigen Ton. Als Kind saß ich in der Kirchenbank regelmäßig vor einer älteren Dame, die wohl in ihrem vorherigen Leben Opernsängerin war. Leider hatte sie aus ihrer Opernkarriere nur eines ins nächste Leben mitgenommen: ihr Selbstbewusstsein. Und so sang sie durch die Andacht, laut wie ein Megafon – leider ohne jede Spur der Melodie. Sie schrie mit einer Überzeugung, gegen die selbst die Kirchenmauern machtlos waren. Wir litten, aber niemand sagte etwas. So sind nun einmal die Kirchenregeln.

In der Kirche ist jeder im „Chor“ willkommen – Talent ist keine Voraussetzung. Foto: Unsplash
Und manchmal konnte ein Kirchenlied mehr sagen als tausend Worte. Als die ersten deutschen Messen in Oberschlesien eingeführt wurden, erlaubte der Pfarrer in Oberkunzendorf bei Kreuzburg erstmals nur ein deutsches Lied am Ende der Messe. Nicht alle Kirchgänger waren damit zu
frieden. Und während Oma das Abschlusslied auf Deutsch sang, fühlte sich eine Dame in der Bank hinter ihr berufen, mit der polnischen Version dagegenzuhalten.
„Versuche jemand, eine Oberschlesierin in der Kirche zu übertönen!“
So sang Oma noch lauter auf Deutsch. Die Dame wollte auf Polnisch mithalten. Doch versuche jemand, eine Oberschlesierin in der Kirche zu übertönen! Selbst eine Orgel mit allen gezogenen Registern hätte es schwer gehabt.
Am Ende musste sich die polnische Gegenstimme geschlagen geben und erkennen: Diese Stimme und vor allem diese Überzeugung waren nicht zu besiegen. Dieser leidenschaftliche musikalische Wettstreit war aber auch ein weiterer Beweis dafür, dass man in der Kirche vor allem eines darf: aus vollem Herzen singen!