35 Jahre nach der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags stellt sich die Frage, wie wir heute über die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland sprechen. Unser Autor Prof. Krzysztof Ruchniewicz plädiert dafür, die Geschichte der Versöhnung neu zu erzählen und sie als Aufgabe für die Zukunft zu begreifen.
In den vergangenen Wochen habe ich aufmerksam verfolgt, welche Stimmen im medialen Raum zum 35. Jahrestag der Unterzeichnung des Vertrags zwischen der Republik Polen und der Bundesrepublik Deutschland über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zu hören waren.
Es waren nicht allzu viele. Ich hörte Äußerungen von Politikern und Publizisten, las verschiedene Kommentare. Beeindruckt hat mich weniger, was gesagt wurde, als vielmehr die Art und Weise, wie über die deutsch-polnischen Beziehungen gesprochen wurde. In der Darstellung – vor allem in den sozialen Medien – dominierten Konflikte, gegenseitige Vorwürfe und historische Ressentiments. Ich gewinne zunehmend die Überzeugung, dass sich die Sprache erschöpft hat, mit der die deutsch-polnischen Beziehungen bislang beschrieben wurden. Voller abgegriffener Formeln, historischer Klischees und politischer Slogans wird sie der Komplexität immer weniger gerecht.
Der Vertrag selbst war für viele Kommentatoren lediglich ein Anlass, um aktuelle Themen anzusprechen: Sicherheit, die Lage an der Grenze oder gegenwärtige politische Auseinandersetzungen. Es fehlte hingegen eine Reflexion über seine historische Bedeutung und seinen Platz nicht nur in der Geschichte Polens nach 1989. Noch mehr überraschte mich, dass kaum jemand an die Menschen erinnerte, die jenen Umbruch mitgestaltet haben – Politiker, Diplomaten, Experten sowie Vertreter der Zivilgesellschaft auf beiden Seiten der Oder. Als gehöre ihr Werk bereits ausschließlich der Vergangenheit an, noch dazu einer nicht besonders wertvollen.
Dabei handelt es sich nicht um das Problem der Darstellung eines einzelnen Ereignisses. Ich habe den Eindruck, dass wir seit einiger Zeit die Fähigkeit verloren haben, über die deutsch-polnischen Beziehungen auf eine Weise zu sprechen, die über momentane Emotionen und politische Streitigkeiten hinausgeht. Die Sprache der Versöhnung, der Verantwortung und des Aufbaus eines gemeinsamen Europas, die nach 1989 eine so wichtige Rolle spielte, hat ihre Wirkkraft verloren. Es ist jedoch keine neue Art entstanden, davon zu erzählen, warum die deutsch-polnische Zusammenarbeit auch heute noch wichtig bleibt.
Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg bleibt das Fundament der gegenseitigen Beziehungen, und niemand, der bei Verstand ist, stellt dies infrage.
Die Welt hat sich grundlegend verändert. Der Krieg in der Ukraine, die Krisen in der Europäischen Union sowie Fragen der Migration und der Energiesicherheit lassen die deutsch-polnischen Beziehungen eine neue Dimension und eine neue Bedeutung gewinnen. Umso mehr brauchen wir eine Sprache, die die Erinnerung an die Vergangenheit mit der Verantwortung für die Zukunft zu verbinden vermag.
Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg bleibt das Fundament der gegenseitigen Beziehungen, und niemand, der bei Verstand ist, stellt dies infrage. Das Problem liegt woanders. Immer seltener erinnern wir an die Geschichte der Versöhnung selbst, die gerade aufgrund der Last des Krieges ein außergewöhnlicher Prozess war. Wir kennen die Geschichte des Konflikts, doch deutlich schwächer erinnern wir uns an die Menschen und Institutionen, dank derer es nach Jahrzehnten gelang, Vertrauen wieder aufzubauen.
Vielleicht ist die Versöhnung ein Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Wir gingen davon aus, dass das einmal Erreichte keiner weiteren Sorge und keiner Erinnerung an seine Bedeutung für die nachfolgenden Generationen mehr bedarf. Dabei ist sie kein ein für alle Mal gegebener Zustand – sondern ein mit großem Aufwand verbundener Prozess, der ständig erneuert werden muss, indem man ihm neue Bedeutungen verleiht und auf neue Herausforderungen reagiert.
Der Vertrag von 1991 hat die Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen nicht abgeschlossen, sondern ein Fundament geschaffen, auf dem die nachfolgenden Generationen die Zukunft aufbauen sollten. Wenn er ein lebendiger Bezugspunkt bleiben soll, müssen wir lernen, neu von ihm zu erzählen – nicht nur als von einem wichtigen historischen Dokument, sondern als von einer Erfahrung, die zeigt, dass selbst die schwierigste Vergangenheit die Zukunft nicht zwangsläufig bestimmen muss.