Im Herzen von Oppeln trafen sich Politiker, Experten und die junge Generation. Der Anlass war ein besonderer: der 35. Jahrestag der Unterzeichnung des Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit. Am 3. Juni 2026 wurden die Räume der Woiwodschaftsbibliothek zur Bühne für Gespräche darüber, was uns verbindet, was uns trennt und warum wir einander nach drei Jahrzehnten immer noch brauchen.
Der Vertrag vom 17. Juni 1991 ist für die Diplomatie ein Fundament, für die Bewohner der Region Oppeln jedoch ein lebendiges Gefüge. Die Debatte, organisiert vom Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit und der Universität Oppeln, zeigte, dass dieses Dokument, obwohl in einer völlig anderen Ära unterzeichnet, weiterhin Richtungen vorgibt, besonders in Zeiten neuer Herausforderungen für die Sicherheit Europas.
Architekten des „Runden Tisches“
Der wichtigste Punkt der Debatte war das Treffen zweier Politiker, die eine besondere berufliche Vergangenheit verbindet: Tomasz Siemoniak (Minister und Abgeordneter aus dem Wahlbezirk der Woiwodschaft Oppeln) und Dr. Christoph Bergner (ehemaliger Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt und ehemaliger Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten). Obwohl der Vertrag 1991 unterzeichnet wurde, saßen sie vor 15 Jahren, im Jahr 2011, gemeinsam am Deutsch-Polnischen Runden Tisch. Damals führten sie erschöpfende Verhandlungen über die Artikel 20 und 21 des Vertrags – jene, die für die deutsche Minderheit in Polen und die Polonia in Deutschland von zentraler Bedeutung sind.

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Dr. Christoph Bergner erinnerte sich mit Wehmut und einer Prise Humor an jene Zeit und betonte, dass große Politik oft einfach Beziehungen zwischen Menschen sei:
„Ich erinnere mich, dass es Telefonate gab, die nicht selten bis Mitternacht dauerten, bei denen wir mit Herrn Siemoniak einzelne Fragestellungen analysierten und zu einer Einigung kamen. Dabei hat immer der Grundsatz der Aufrichtigkeit gut funktioniert: ‚Hier kann ich nicht zustimmen, ich muss erst mit meiner Regierung sprechen.‘ Es war ein produktiver, wenn auch anstrengender Prozess. Die Woiwodschaft Oppeln spielte eine bedeutende Rolle in dieser Vereinbarung, denn aus dieser Region erhielten wir wichtige Impulse von Vertretern der deutschen Minderheit. Aber andererseits auch deshalb, weil wir die Gespräche zum Teil hier führten. Wir berieten im Marschallamt in Oppeln, auch unter Beteiligung der Polonia aus Deutschland“, so Dr. Bergner.
Auch Tomasz Siemoniak betonte, dass der Runde Tisch damals der Moment war, in dem der Vertrag aufhörte, nur eine Deklaration zu sein, und zu einem Instrument zur Lösung konkreter Probleme wurde.

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„Es lohnt sich, in einer solchen Konstellation zu sprechen. Damals erwies sich das als sehr effektiv, als sehr stärkend für beide Regierungen. Die damals am Runden Tisch aufgebaute Beziehung hält, obwohl viele neue Leute gekommen sind, und zeigt, dass dies sehr starke Motoren dieser Beziehungen sind. Ich würde mir wünschen, dass man dies in diesem Jahr, dem Jahr des 35. Jahrestages des Vertrags, reflektiert und diese Gespräche am Runden Tisch wieder aufnimmt“, so Minister Siemoniak.
Erinnerung ist kein Kitsch, sondern Sicherheit
In der Debatte klang das Thema Verantwortung stark an – nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch für die Zukunft Europas angesichts des Krieges in der Ukraine. Der Moderator des Treffens, Bartosz Wieliński, stellvertretender Chefredakteur der „GazetaWyborcza“, fragte, ob die Versöhnung mit der Zeit nicht nur zu einem „Kitsch“ geworden sei, einer symbolischen Geste ohne Substanz.

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Die Antwort von Tomasz Siemoniak war klar: In der heutigen Welt sind gute Beziehungen zu Deutschland eine Frage der harten Sicherheit.
„Es gibt keine gute Politik ohne Erinnerung. Eine Politik, die auf der Illusion beruht, dass es nur Gegenwart und Zukunft gibt, ist sehr kurzsichtig. Polen und Deutsche, die zusammenhalten, einander Sicherheit gewährleisten, starke Armeen aufbauen, die gemeinsam unsere Länder verteidigen sollen – das sind alles sehr wichtige Fragen“, betonte Siemoniak.
Tomasz Siemoniak: „Es gibt keine gute Politik ohne Erinnerung.“
Dr. Bergner fügte die historische Perspektive hinzu und bemerkte, dass die Partnerschaft zwischen Polen und Deutschland heute eine „Konsolidierung des Friedens in Europa“ sei und die tragische Geschichte des Zweiten Weltkriegs, der mit dem deutschen Angriff auf Polen begann, beiden Völkern eine besondere Mission auferlege.
Nachbarschaft im Rhythmus des Pragmatismus
Ein interessanter Beitrag in der Diskussion war die Aussage der in Guttentag geborenen Joanna Maria Stolarek – Journalistin, die derzeit als Direktorin für Strategie, Kommunikation und Public Affairs bei der Polnisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer (AHK) in Warschau tätig ist. Ihre Perspektive verbindet die Wirtschaftswelt mit langjähriger Erfahrung im politischen und gesellschaftlichen Bereich – schließlich leitete sie die letzten sechs Jahre das Büro der deutschen politischen Heinrich-Böll-Stiftung in Polen, zuständig für die Region Polen und die baltischen Staaten. Gerade dieser weite Blick ermöglichte es ihr, die deutsch-polnischen Beziehungen durch die Brille des Alltags und der Zivilgesellschaft zu bewerten. Ihrer Meinung nach ist der Vertrag von 1991 für junge Leute fast „Vorgeschichte“, aber die Ergebnisse dieser jahrelangen Zusammenarbeit sehen und spüren sie jeden Tag. Wichtig sei es jedoch, diese Beziehungen auf allen Ebenen zu pflegen – sei es der politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder kulturellen.

Joanna Maria Stolarek
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„Vielleicht ist es keine Beziehung, die von tiefster Freundschaft oder Liebe geprägt ist, aber es ist eine sehr pragmatische Beziehung. Wir brauchen einander. Wir leben Tür an Tür. Wir sind Nachbarn. Und mit einem Nachbarn möchte man einfach gut leben. Wenn man in einem Haus wohnt, möchte man anklopfen können, um sich zum Beispiel etwas Salz zu leihen. Aber in nachbarschaftlichen, partnerschaftlichen Beziehungen sollte man auch sagen können: ‚Hör zu, deine Musik war gestern ein bisschen zu laut‘, und ich wollte schlafen. So machen es Partner“, erklärte Stolarek bildhaft.
Sie betonte, dass es vor allem die Nichtregierungsorganisationen wie das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit oder Stiftungen, die Jugendaustausche organisieren, seien, die die wahren Garanten guter Beziehungen sind.
Ein wichtiges Element der Veranstaltung war die Anwesenheit von Studierenden der Universität Oppeln, die selbst erstellte Materialien präsentierten: ein Interview mit Ministerpräsident Jan Krzysztof Bielecki sowie eine Umfrage zum Vertrag und zur deutsch-polnischen Nachbarschaft.
Der Vertrag heute
Nach 35 Jahren scheint der Vertrag über gute Nachbarschaft weiterhin ein solides Fundament zu sein, aber – wie die Diskussionsteilnehmer übereinstimmend einräumten – ein Fundament, das ständiger Pflege bedarf.
Im Jubiläumsjahr 2026 ist die Botschaft aus Oppeln klar: Pragmatismus, gemeinsame wirtschaftliche Interessen und Verantwortung für die Sicherheit sind die Pfeiler, aber Erinnerung und aufrichtiges Gespräch sind das Bindemittel, das es Nachbarn erlaubt, „sich gegenseitig Salz zu leihen“, ohne Angst um die Zukunft haben zu müssen.