Brücke über die Geschichte

Karol Łapanowski und sein Liebenthal

11 Juni 2026, 17:00 Geschichte

Für die meisten Touristen ist Liebenthal (Lubomierz) die malerische Kulisse der Kultkomödie „Sami swoi“. Für Karol Łapanowski, Regionalforscher und Sammler, ist es jedoch vor allem Liebenthal – eine Stadt mit tiefen deutschen Wurzeln, deren Geschichte er aus alten Postkarten, Klosterarchiven und Familienerinnerungen liest.


Wenn Karol Łapanowski den barocken Innenraum der Kirche Mariä Himmelfahrt und des Hl. Maternus in Liebenthal betritt, sieht er nicht nur historische Mauern. Er sieht die Wappen der Wohltäter des Ordens, kann die Stifter der Skulpturen benennen und kennt die architektonischen Bezeichnungen.

Quelle: privat

Seine Leidenschaft ist jedoch nicht das Ergebnis reiner Theorie. Sie ist die Fortsetzung einer Geschichte, die im Herbst 1945 mit der Begegnung zweier Familien, zweier Nationen und zweier völlig unterschiedlicher Schicksale begann.

Gemeinsames Dach, gemeinsame Erinnerung

Die Wurzeln der Familie Łapanowski reichen bis in die östlichen Grenzgebiete der ehemaligen Republik Polen (die sogenannten Kresy) zurück. Karols Großeltern wurden zwangsweise aus Kopyczyńce (heute Oblast Ternopil, Ukraine) umgesiedelt. Nach einer zweiwöchigen, erschöpfenden Reise in Viehwaggons kamen sie zuerst in Hirschberg an, von dort mit Pferdefuhrwerken weiter nach Liebenthal.
„Meine Großeltern zogen zu der deutschen Familie Friedrich unter ein Dach“, erinnert sich Karol Łapanowski. „Sie beherrschten die deutsche Sprache, was ihnen eine direkte Verständigung ermöglichte. Fast zwei Jahre lang, bis Ende 1947, teilten sich diese beiden Familien ein Haus. Damals übergaben die Friedrichs meinen Großeltern die Geschichte ihrer Famielie und der Stadt, die später über meinen Vater Tadeusz an mich weitergegeben wurde.“

Foto: privat

Wie sich herausstellte, war die Familie Friedrich untrennbar mit der Geschichte Liebenthals verbunden. Aus ihr gingen Maria Barbara Friedrich hervor – die letzte Oberin des örtlichen Benediktinerinnenklosters – sowie die bedeutenden Bildhauer Johann Joseph und Benedikt Friedrich, deren Werke bis heute das Gotteshaus in Liebenthal schmücken.

Der Hüter Liebenthals lernt Sütterlin

Karol Łapanowski widmet jede freie Minute seiner „kleinen Heimat“. Die Deutschkenntnisse, die er noch aus der Mittelstufe mitbrachte, wurden zum Schlüssel, um die Geheimnisse der Stadt zu ergründen. Um die ehemaligen Bewohner vollständig zu verstehen, hat Karol das Lesen der alten deutschen Schriften – Kurrent und Sütterlin – erlernt.

Quelle: privat

„Meine Leidenschaft begann mit Postkarten. Ich fuhr zu Sammlertreffen, durchsuchte deutsche Auktionshäuser. Ich wollte, dass diese Andenken hierher zu uns zurückkehren“, erzählt er. In seiner Sammlung befinden sich einzigartige Ansichtskarten, die die nicht mehr existierende südliche Zeile des Rings oder historische Darstellungen des „Taubenmarktes“ zeigen.

Karol Łapanowski in Liebenthal
Foto: privat

Bei seinen Recherchen verlässt sich Karol nicht auf Vermutungen. Er greift auf grundlegende deutsche historische Werke zurück, wie die Arbeiten von Pfarrer Görlich. Dieser bedeutende deutsche Historiker und Geistliche, Franz Xaver Görlich (1811-1881), schuf 1864 während seiner Zeit als Pfarrer und Schulrat in Liebenthal das fundamentale Werk „Das Benediktiner-Jungfrauenkloster Liebenthal an der lausitz-böhmischen Grenze in Niederschlesien“, das bis heute als eine der wichtigsten Quellen zur Geschichte der Region gilt.

Schatz in der Truhe: 340 Relikte

Liebenthal birgt ein Geheimnis, das es in die Reihe der bedeutendsten Kultstätten Europas stellt. Karol Łapanowski erzählt von einer außergewöhnlichen Entdeckung im Pfarrarchiv: einer alten, mit Reliquien gefüllten Truhe.

„Es ist eine Sammlung von über 340 Reliquien von Heiligen und Märtyrern, wie der Hl. Maria Magdalena, der Hl. Ursula, dem Hl. Benedikt sowie sieben Aposteln, u. a. dem Hl. Petrus, dem Hl. Philippus und dem Hl. Jakobus. Es handelt sich um Reliquien ersten Grades. Dieser außergewöhnliche Schatz begann bereits im 13. Jahrhundert von den Benediktinerinnen gesammelt zu werden“, erklärt der Regionalforscher.

Foto: privat

Für Karol ist diese Entdeckung ein weiterer Beweis für die Größe der einstigen Abtei, die über 500 Jahre lang die Region prägte, eine Schule für den Adel betrieb und sich um die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt kümmerte.

Zwischen „Sami swoi“ und dem mittelalterlichen Grundriss

Obwohl Liebenthal jedes Jahr zahlreiche Fans des Nationalen Festivals der Komödienfilme anzieht (in diesem Jahr findet es vom 7. bis 9. August statt), sorgt Karol dafür, dass nicht in Vergessenheit gerät, was vorher war. Er betont, dass die Stadt trotz der Jahrhunderte ihren einzigartigen, mittelalterlichen Stadtgrundriss mit dem langgestreckten Ring bewahrt hat.

Libenthal, Postkarte
Quelle: privat

„Liebenthal ist für mich mehr als Geschichte in Dokumenten. Es ist eine lebendige Verbindung mit der Vergangenheit“, sagt Karol Łapanowski. „Wenn ich auf die alten Stallen schaue, also die verzierten Bänke im Altarraum unserer Kirche, und die Wappen der Wohltäter sehe, dann spüre ich die Verantwortung, dass dieses Wissen nicht verloren gehen darf.“

In einer Zeit der schnellen Veränderungen zeigt die Person Karol Łapanowski, dass die Geschichte Schlesiens nicht nur aus Daten in Lehrbüchern besteht, sondern vor allem aus Respekt vor dem Erbe derer, die diese Stadt über Jahrhunderte aufgebaut haben. Liebenthal lebt dank solcher Enthusiasten in Lubomierz weiter.

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