Auf literarischen Umwegen

Im Lindenmonat gehört die Bühne der Linde

11 Juli 2026, 17:00 Kultur

Der polnische Slawist und Kulturwissenschaftler Aleksander Brückner leitete die Bedeutung des Wortes lipiec (Lindenmonat, Juli) von der lipa, der Linde, her. Diese Bäume blühen nämlich genau an der Schwelle zwischen Juni und Juli – die Erklärung passt also wie angegossen. Es scheint daher, als gehörten Sommer und Sonne untrennbar zur Linde; und genau in solchen optimistischen Zusammenhängen erscheint sie auch in der Literatur.

Man denke nur an zwei klassische Beispiele: an die einladende Linde Jan Kochanowskis, die dazu verlockt, sich unter ihr niederzulassen und ihren heilenden Kräften zu vertrauen, sowie an den diskreten Baum des Minnesängers Walther von der Vogelweide, in dessen Schatten sich mittelalterliche Liebende begegnen.

Doch die Linde steht nicht nur für Blüte und positive Energie, sondern ebenso für Dunkelheit, Rätselhaftes und sogar Tod – freilich nicht im wörtlichen, sondern im kulturellen Sinn.

Im Dunkel der Linde

Überzeugende Beispiele liefert vor allem die Volksdichtung, darunter auch jene, die in Oberschlesien spielt. In der Sammlung „Oberschlesische Sagen“ (1911/1912) von Paul und Hildegard Knötel, einem für die oberschlesische Kultur überaus verdienstvollen Ehepaar, findet sich etwa eine Sage mit dem bezeichnenden Titel „Die Pestlinde“. Ihr Schauplatz ist das Dorf Nowaki in der heutigen Woiwodschaft Oppeln, genauer: ein Garten im Zentrum der Ortschaft. Dort soll einst eine alte Linde gestanden haben, die zum Gegenstand übernatürlicher Praktiken eines Fremdlings wurde – vermutlich eines Zauberers.

Das Lindenblatt auf Siegfrieds Rücken (Nibelungen I, nach dem gleichnamigen Ufa-Film / Regie: Fritz Lang). Badische Landesbibliothek Karlsruhe.

Eines Tages sei dieser Unbekannte ins Dorf gekommen und habe, geheimnisvolle Worte sprechend, die Pest in den Baum gebannt. Dadurch blieb die Dorfgemeinschaft eine Zeit lang verschont. Doch der Zauberer kehrte zurück: Diesmal betrat er das Innere des Baumes und verließ ihn mit einem schwarzen Tuch, auf dem er in die Ferne davonflog. Er kündigte an, dass nur ein einziger Mensch die kommende Pest überleben werde. Und so geschah es: Ein Knecht überstand die Seuche und erzählte später den neu zugezogenen Siedlern die ganze Geschichte.

Der Baum als Träger von Erinnerung

In der Sage wird die Linde eindeutig mit Krankheit und Unglück identifiziert, die die gesamte Gemeinschaft heimsuchen. Das Beunruhigende daran: Die Pest kehrt wieder, ohne dass man weiß, warum – und ohne zu wissen, wie man sich schützen könnte. So entstehen in der Vorstellung der Menschen geheimnisvolle Zauberer und magische Rituale: Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Das Phänomen ist keineswegs einzigartig, ebenso wenig wie das Bannen von Pestluft oder Dämonen in Holz. Von solchem Aberglauben erzählt etwa die Novelle „Die schwarze Spinne“ (1842) des Schweizer Autors Jeremias Gotthelf. Auch dort bricht das Unheil über eine kleine Gemeinde herein, ebenfalls in Gestalt einer Seuche – diesmal personifiziert als Spinne. Ein Ende findet sie erst, als sie symbolisch in einem Fensterrahmen eingeschlossen wird – selbstverständlich aus Holz.

Die Linde steht nicht nur für Blüte und positive Energie, sondern ebenso für Dunkelheit, Rätselhaftes und sogar Tod – freilich nicht im wörtlichen, sondern im kulturellen Sinn.

Linden fungierten im Volksglauben jedoch nicht nur als „Behälter“ für Krankheit, sondern auch als symbolische Erinnerungsmale an Epidemien. Zum Gedenken an die Opfer solcher Tragödien pflanzte man Linden auf ihren Gräbern, so etwa im hessischen Wanfried. Die dort 1683 gesetzte Linde – zur Erinnerung an die Pest von 1682, die dreihundert Menschenleben forderte – steht noch heute als Naturdenkmal und lebendiger Zeuge jener Ereignisse.

Wilhelm von Kaulbach: Unter der Linde (Illustration zum Gedicht von W. von der Vogelweide)

Das verhängnisvolle Lindenblatt

Man könnte also meinen, die Linde verkörpere eine Kraft, die mehr überdauert, als sich ein gewöhnlicher Sterblicher vorstellen kann. Ja, sie scheint dem Schicksal geradezu zu trotzen und ins Unendliche zu reichen. Warum aber wird sie zum Verhängnis für Siegfried, den legendären Drachentöter – einen Helden, den niemand hätte besiegen können, wenn nicht ein einziges Blatt auf seine Haut gefallen wäre und dort eine verwundbare Stelle hinterlassen hätte? Vielleicht hat dies mit der germanischen Göttin Freya zu tun, der Hüterin von Liebe, Glück und Fruchtbarkeit, deren heiliger Baum ausgerechnet die Linde war. Vielleicht ließ die mächtige Göttin Siegfried absichtlich eine Achillesferse, damit er nicht völlig in Drachenhaut aufging und unsterblich wurde. Denn wäre er dann nicht den Göttern gleich gewesen? Und war es nicht besser, dass er Mensch blieb?

Eine endgültige Antwort bleibt uns verwehrt – ebenso wie das Wesen der Linde selbst, das unserem eigenen, menschlichen so verblüffend ähnelt.

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