Die am 12. Juni 2026 von der Landsmannschaft Schlesien verabschiedete „Berliner Erklärung“ zeigt, wie sehr sich die Sprache dieser Organisation verändert hat. Noch vor einigen Jahrzehnten wäre ein Dokument kaum vorstellbar gewesen, das eindeutig anerkennt, dass die Nachkommen polnischer Familien, die sich nach 1945 in Schlesien niedergelassen haben, heute hier zu Hause sind und dasselbe Recht haben, diese Region als ihre Heimat zu betrachten wie die vertriebenen Deutschen. Ein wichtiger Bezugspunkt ist zudem der Vertrag über gute Nachbarschaft von 1991 geworden – und nicht mehr, wie jahrzehntelang, ausschließlich die deutsche Vertreibungserfahrung.
Die Erklärung lässt jedoch einige wichtige Fragen unbeantwortet. Am auffälligsten ist das Fehlen eines klaren Bezugs zum Dritten Reich und zum Nationalsozialismus. Die Vertreibungen werden als eine eigenständige historische Erfahrung dargestellt, fast losgelöst vom Krieg, der deutschen Besatzung und der verbrecherischen Politik des NS-Staates. Es fehlt auch eine Reflexion darüber, dass ein Teil der schlesischen Bevölkerung integraler Bestandteil des nationalsozialistischen Staates war – als Mitglieder der NSDAP, als Soldaten der Wehrmacht und anderer Formationen oder als Personen, die in eine auf Zwangsarbeit basierende Kriegswirtschaft eingebunden waren. Ohne diesen Kontext ist schwer zu akzeptieren, wie die Autoren den Begriff des „Unrechts“ verstehen, das die Vertreibung darstellte. Denn wie wäre eine gerechte Bewertung derjenigen, die an der verbrecherischen Tätigkeit des Hitler-Regimes beteiligt waren, vorzunehmen? Von Personen, die Zwangsarbeiter in der Industrie oder in landwirtschaftlichen Betrieben ausgebeutet haben? Von einem vollständigen „Lernprozess“ zu sprechen, fällt schwer, solange dieser Kontext weiterhin unberücksichtigt bleibt.
Ebenso bezeichnend ist das Fehlen jeglichen Bezugs auf die Charta der deutschen Heimatvertriebenen von 1950. Dies kann als bewusste Distanzierung von einem Dokument gedeutet werden, das jahrzehntelang das Denken der Vertriebenenverbände prägte. Dies ist zweifellos ein symbolischer Wandel. Schade jedoch, dass er nicht von dem Versuch begleitet wird, eine neue Sprache zur Beschreibung der gemeinsamen Geschichte Schlesiens zu finden.
„Zahlreiche Konferenzen, Ausstellungen und Publikationen zeigen, dass der Vertrag über gute Nachbarschaft einen dauerhaften Rahmen der Zusammenarbeit geschaffen hat, der gut genutzt wurde.“
Die größte Enttäuschung bereitet jedoch das Ende des Dokuments. Die Autoren äußern die Hoffnung auf bessere Beziehungen zu polnischen Partnern und auf die Überwindung gegenseitiger Missverständnisse. Dabei geschieht genau dies seit über drei Jahrzehnten in der Praxis und auf verschiedenen Ebenen. Gemeinsame Projekte polnischer und deutscher Museen, Archive, Universitäten und Nichtregierungsorganisationen, zahlreiche Konferenzen, Ausstellungen und Publikationen zeigen, dass der Vertrag über gute Nachbarschaft einen dauerhaften Rahmen der Zusammenarbeit geschaffen hat, der gut genutzt wurde.
Daher ist die wichtigste Frage heute eine andere. Nicht: Wie entwickelt man den Dialog mit Polen weiter? Sondern: Wer wird sich in Zukunft in Deutschland mit der Geschichte Schlesiens beschäftigen? Wie viele junge Forscher entscheiden sich dafür, sich diesem Thema zu widmen, und welche Karriereperspektiven haben sie an deutschen Universitäten? An wie vielen Hochschulen wird systematisch zur Geschichte Schlesiens geforscht und gelehrt? Ist die Landsmannschaft Schlesien bereit, eine Stiftungsprofessur für die Geschichte Schlesiens an einer der führenden deutschen Universitäten einzurichten? Und schließlich – welchen Platz nimmt diese Region in der deutschen historischen Bildung und Erinnerungskultur ein?
Wenn die Landsmannschaft Schlesien tatsächlich in die Zukunft denken will, dann liegt hier die größte Herausforderung. Ohne jungen Forschern reale Perspektiven für ihre wissenschaftliche Entwicklung zu schaffen und ohne eine neue Generation von Historikern und Lehrkräften auszubilden, reichen selbst die besten Beziehungen zu polnischen Partnern nicht aus. Über die Zukunft der Erinnerung an Schlesien in Deutschland wird nicht so sehr der Dialog mit Polen, Tschechien oder Österreich entscheiden, sondern die Antwort auf die Frage, ob die Geschichte dieser Region ein dauerhafter Bestandteil der deutschen Wissenschaft, Bildung und öffentlichen Debatte sein wird.