Die Blaue Blume ist das wichtigste Symbol der deutschen Romantik – und wohl auch ihr bekanntestes. Zugleich ist sie ein Symbol, an dem sich der Unterschied zwischen deutscher und polnischer Romantik besonders deutlich zeigt. Während die polnische Romantik, vor allem in ihrer schulischen Vermittlung, stark von Patriotismus und Messianismus geprägt ist, weckt die Blaue Blume ganz andere Vorstellungen: Leichtigkeit, Poesie und Fantasie. Am deutlichsten zeigt sich dies in Heinrich von Ofterdingen (1802) von Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis – jenem Roman, mit dem die literarische Laufbahn dieser wundersamen Pflanze ihren Anfang nahm.
Die volkstümlichen Wurzeln der Blauen Blume
Dabei stammt die Blaue Blume ursprünglich nicht aus der Literatur, sondern aus der Volkskultur. Sie ist eine weitere Erscheinungsform der sagenhaften Farnblüte, die traditionell mit Glück und übernatürlichen Kräften verbunden wird. Nach Märchen und volkstümlichen Überlieferungen verschiedener Kulturen zeigt sich diese Zauberblume den Menschen in der Johannisnacht – also in jener besonderen Nacht des Jahres, in der Dinge möglich werden, die der Alltag sonst nicht zulässt.
Die Blaue Blume und Oberschlesien
Magische und entrückte Landschaften, romantisch und poetisch: Das scheint geradezu der ideale Boden für die Blaue Blume zu sein. Kann sie aber auch dort erscheinen, wo nüchterner Realitätssinn, Arbeitsethos und Pragmatismus das Leben bestimmen – in Oberschlesien? So überraschend es klingen mag: Auch die oberschlesische Literatur kennt eine solche Blume. Blau und wundersam. Und auch sie vermag Glück zu bringen. Zum Glück.
Magische und entrückte Landschaften, romantisch und poetisch: Das scheint geradezu der ideale Boden für die Blaue Blume zu sein.
Zum Blühen brachte sie der Lehrer, der regionale Dichter Paul Kutzer (1878–1941), Historiker und Heimatforscher aus Ziegenhals. Eingebettet ist sie in jene magische Welt, die den Sammelband Sagen aus den schlesischen Waldbergen prägt, der vermutlich um 1920 in Berlin erschien. Die Geschichten spielen sowohl auf dem heutigen tschechischen als auch auf dem polnischen Gebiet Oberschlesiens. Bevölkert wird diese Welt von mittelalterlichen Raubrittern, Hexen, Prinzessinnen und Alchemisten ebenso wie von Zwergen, Gnomen und Nymphen. Unter ihnen befindet sich die Erzählung mit dem eindeutigen Titel Die Blaue Blume.

Sagen aus den schlesischen Waldbergen.
Quelle: Śląska Biblioteka Cyfrowa
Das Vorbild Novalis’ und Crispin
Auf Novalis wird bereits zu Beginn der Erzählung von Kutzer deutlich angespielt, als der Held – der Jäger Crispin – in eine märchenhafte Gedankenwelt eintaucht: „Und er dachte wirklich an sie, die blaue Blume des Glücks! … Ja, wenn er sie nur hätte! … Im tiefen Walde sollte sie blühen, an einsam verborgener Stelle am Bronnen… Und wer sie besäße, dem würde das Herz weit und das Auge hell, dessen Geist wäre lerchenlustig und voll vom seligen Liedklang.“ Sowohl Heinrich, die Hauptfigur bei Novalis, als auch Crispin verbinden die Blaue Blume mit einem schönen Mädchen; die Vereinigung mit ihr erscheint beiden als Erfüllung ihres größten Glücks – der Sehnsucht nach Liebe. Beide Helden erleben zudem ein Traumgeschehen, in dem sie zur Blauen Blume gelangen, doch genau in dem Moment, in dem sie ihr ganz nahe sind, bricht der Traum ab. Heinrich begegnet auf seiner weiteren Wanderschaft schließlich seiner großen Liebe – einem Mädchen namens Mathilde, in der er die Blaue Blume aus seinem Traum wiederzuerkennen glaubt. Crispin hingegen erwacht, und sein weiteres Schicksal bleibt offen. Ungewiss ist nämlich, ob er in dem einfachen Mädchen, das er liebt, die Verkörperung seiner tiefsten Sehnsüchte erkennen wird.
Eichendorff und die Wanderung zum Glück
Auch andere Romantiker suchten nach der wundersamen Blume, darunter der in Oberschlesien wohl bekannteste von ihnen: Joseph von Eichendorff. In einem Gedicht aus dem Jahr 1818 macht sich das lyrische Ich – ähnlich wie Heinrich und Crispin – auf den Weg, um sein größtes Glück zu finden: die titelgebende Blaue Blume. Wie so oft bei Eichendorff steht das Motiv des Wanderns im Mittelpunkt. Der Wanderer scheint die ganze Welt zu durchstreifen, doch die Blaue Blume bleibt unerreichbar. Nicht einmal im Traum erscheint sie ihm. Ob er sie jemals finden wird, lässt der Dichter offen. Bedeutet das, dass er für immer unglücklich bleiben muss? Oder ist es – wie so oft bei Eichendorff – vielleicht schon zu spät, die Blaue Blume zu finden? Sollte er seine Wanderung also aufgeben? Romantische Wunderblumen beantworten solche Fragen nicht – doch vielleicht helfen sie uns, Dinge wahrzunehmen, die unserem Blick bislang entgangen sind.