Mehrmals im Jahr lege ich die Strecke zwischen Oberschlesien und Niedersachsen zurück. Das sind etwa tausend Kilometer. Ich bemühe mich, dass es für mich nicht zu belastend und ermüdend ist. Deshalb nutze ich oft die unterwegs verfügbaren Unterkünfte, häufig in der Gegend von Görlitz, sowohl auf der polnischen als auch auf der deutschen Seite der heutigen Staatsgrenze.
Ich versuche, beliebte und touristisch attraktive Orte zu wählen.
An der Grenze auf der polnischen Seite befinden sich viele touristische Objekte an Orten mit großer historischer Bedeutung, die nach vielen Jahren der Zerstörung wieder aufgebaut wurden, oft unter Nutzung europäischer Mittel, wie zum Beispiel das Schloss in Lagow.
Im vergangenen Jahr übernachtete ich zufällig in der nahe gelegenen, urigen Herberge „Zagroda Kołodzieja“. Und hier erlebte ich eine Überraschung, denn das denkmalgeschützte Hotelgebäude wurde aus dem heute nicht mehr existierenden Dorf Weigsdorf bei Reichenau in die Nähe einer Autobahnanschlussstelle versetzt. Dieses Objekt weckte meine Neugier und mein Interesse. Es handelt sich nämlich um ein sogenanntes Umgebindehaus, das in dieser Region sehr verbreitet ist, mit Fachwerkelementen, die mit Holzbögen und Fensterläden verziert sind. Konstruktiv sind Umgebindehäuser in Blockbau-, Fachwerk- und Mauerwerktechnik ausgeführt. Das Herz des Hauses bildet die sogenannte Blockstube – ein Raum aus Holzblockbalken, geschützt durch die sie umgebende Stützenkonstruktion, die das Gewicht der oberen Geschosse aufnimmt.
Architektur verbunden mit Handwerk und Weberei
In diesen Häusern wohnten hauptsächlich Familien von Handwerkern und Webern, und in der gesamten Region entstanden viele Werkstätten. Gerade die Weberei machte dieses Gebiet zu einem wichtigen Zentrum der Textilindustrie.

Seit zwei Jahrzehnten findet jedes Jahr der Tag der offenen Umgebindehäuser statt, ein Fest der ländlichen Holzbaukunst am Dreiländereck Polen, Tschechien und Deutschland.
Foto: Wikipedia
Das Umgebindehaus ist ein Gebäude, das in einen Wohn- und einen Wirtschaftsteil unterteilt ist, meist mit zwei, aber auch mehr Geschossen und einem Satteldach. Der Wohnteil ist aus Holz, während der Wirtschaftsteil, der Stall und die Diele gemauert sind. In der Diele des Gebäudes befinden sich der Hauptkaminzug und die Treppe, die in das Obergeschoss führt. Das Obergeschoss ist meist in Fachwerkkonstruktion gebaut. Der Wohnteil hat Blockwände, die eine Balkendecke tragen.
Die Wände tragen nicht das Gewicht der oberen Geschosse. Dazu dienen die sogenannten Umgebinde (Stützen), und daher stammt der Name des Gebäudes.
Die Entwicklung der Umgebindekonstruktion könnte auf die sich in dieser Region entwickelnde Weberei, aber auch auf andere Handwerksbereiche zurückzuführen sein. Die im Gebäude betriebene Produktion verursachte starke Vibrationen, die zu Schäden am Objekt führen konnten.
Die Weberei hatte einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der Region Lausitz, aber auch eines viel größeren Gebietes.
Lausitzer Leinwand wurde wegen ihrer Festigkeit und gleichmäßigen Bindung geschätzt. Sie wurde daher nach Breslau, Dresden, Leipzig und Frankfurt geliefert. Auf dem Seeweg wurde sie nach Frankreich, in die Niederlande, nach England, Spanien, Portugal, Italien und Skandinavien, aber auch nach Nordamerika und in die Karibik verschickt.
Faktorenhöfe – Zentren des Leinwandhandels
In der Oberlausitz entstanden Sitze von Handelsvermittlern, sogenannte Faktorenhöfe, der damaligen Organisatoren des Leinenhandels.
Der Faktor war der Vermittler zwischen Kaufmann und Unternehmer: Er kaufte rohe Leinwand von den Landwebern auf, vergab das Bleichen, Färben oder Veredeln in Auftrag und verkaufte sie dann auf den in- und ausländischen Märkten.
Die Faktorenhöfe waren meist Gebäude in Umgebindebauweise. Sie waren nicht nur Wohnhäuser, sondern auch Firmensitze – sie vereinten die Funktion von Residenz, Lager und Büro.
Heute sind viele dieser Objekte Baudenkmäler, wie zum Beispiel der Faktorenhof in Eibau.
Umgebindehäuser in verschiedenen Regionen
Bis heute haben sich die meisten Umgebindehäuser im östlichen Teil Sachsens erhalten, wo bisher etwa 6.200 Objekte inventarisiert wurden. In Tschechien gibt es etwa 3.600, während in Polen bisher etwa 400 solcher Häuser erfasst wurden, wobei dies keine vollständige Liste ist. Die größte Ansammlung von Umgebindehäusern in Polen befindet sich in der Gegend von Reichenau (Bogatynia), wo es etwa 200 gibt, von denen 85 in das Denkmalregister eingetragen sind.
Gebäude mit dieser Konstruktionsweise sind auch charakteristisch für die traditionelle Architektur der Vorkarpatenregion (Podkarpacie). Einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung dieser Bauweise in dieser Region hatte zweifellos die Ansiedlung der sogenannten Taubdeutschen.
„Umgebindehäuser sind nicht nur eine einzigartige Architektur, sondern auch ein Zeugnis des Lebens der Menschen, die über Generationen hinweg die Geschichte dieser Region geschrieben haben.“
Solche Objekte befinden sich heute im Freilichtmuseum in Markowa, und ihr Verbreitungsgebiet reichte bis zum Fluss Wiar, an der Grenze zwischen Polen und der Ukraine.
Die deutsche Bevölkerung, die in den Gebieten des Rotrutheniens sowie im südlichen Teil Polens zwischen Łańcut und Przemyśl lebte, wurde erst Ende des 16. Jahrhunderts polonisiert, und in der Vorkarpatenregion überlebte sie bis ins 18. Jahrhundert. Die Gebäude haben, wie man sieht, deutlich länger überdauert.
Eines der bekannteren und charakteristischeren Gebäude in dieser Region ist die sogenannte „Chałupa Szylarów“.
Es ist ein originales Gebäude, das die lokale traditionelle Architektur der Vorkarpatenregion präsentiert. Das auf rechteckigem Grundriss errichtete Holzhaus entstand in Umgebindebauweise. Die Wände wurden aus Balken im Blockverband erstellt. Das Dach stützt sich auf Stützen und ist mit Keramikziegeln gedeckt.
Das Objekt entstand im 19. Jahrhundert, und laut einer notariellen Urkunde aus dem Jahr 1879 war sein Besitzer Jan Szylar. Das Haus selbst existierte bereits 1834.
Gebäude in Umgebindebauweise kamen auch in der Kaschubei vor.
Zagroda Kołodzieja – ein Haus vor dem Vergessen gerettet
Zurück zu dem eingangs erwähnten Gebäude „Zagroda Kołodzieja“: Das gut erhaltene Objekt samt Umgebung wird derzeit für Hotel- und Gastronomiezwecke genutzt, aber nicht nur.
Die Anlage befindet sich in einem Haus, das ein typisches Beispiel für den Umgebindebau ist. Interessant ist die Tatsache, dass die „Zagroda Kołodzieja“ aus Weigsdorf, das mehrere Kilometer vom heutigen Standort entfernt ist, versetzt wurde. Dieses Dorf existiert heute aufgrund des Ausbaus des nahegelegenen Tagebaus nicht mehr.
Der gesamte Prozess des Umzugs wurde auf vielen Fotos und Tafeln dargestellt, die heute als interessante Ausstellung im Außengelände rund um das Gebäude zu sehen sind. Die präzise Montage des versetzten Objekts ermöglicht es, den Aufbau der Wagnerwerkstatt perfekt zu zeigen und die Atmosphäre des Ortes einzufangen.
Der ursprüngliche Eigentümer des Gebäudes war seit 1822 sein Erbauer Walter Stephen. Seine Familie lebte dort bis 1947. Anschließend zogen noch fünf weitere polnische Familien ein.
Das Gebäude hat sein ursprüngliches Aussehen bis heute bewahrt, auch wenn sein Standort geändert wurde. Es ist ein Objekt, wie viele in dieser Region, in Blockbau- und Fachwerkkonstruktion, mit reich verzierten Stützen. Es hat vier Geschosse, ein Mansarddach und ein in dieser Architektur seltenes Türportal. Das Ganze, zusammen mit den Einrichtungselementen und Fensterläden, unterstreicht den Reichtum und die Stellung seines Eigentümers und Erbauers.
Die Verlegung des Gebäudes an den neuen Standort dauerte etwa einen Monat – von Mai bis Juni 2005.
Man kann sagen, dass das Gebäude einen weiteren guten Verwalter gefunden hat, einen Enthusiasten, der es nicht nur rettete, sondern auch einen Ort für Kultur und Tourismus darin schuf.
Ein lebendiges Erbe
In der heutigen „Zagroda Kołodzieja“ finden laut Internet- und Presseberichten Poesieabende, Auftritte von Folkloregruppen, Vorführungen aussterbender Handwerke, Erntedankfeste und Volksfeste statt, aber auch Workshops im Bereich konservatorischer Handwerkskunst, bei denen sich Handwerker weiterbilden können, die mit der Rettung und Pflege von Denkmälern, insbesondere Holzhäusern, befasst sind.
Das Ganze ist ein Übernachtungskomplex mit einem Restaurant, in dem regionale Produkte serviert werden.
Dieses Haus, als Zeuge der Geschichte, erzählt die Geschichte der Menschen, die in Weigsdorf lebten.

Seit zwei Jahrzehnten findet jedes Jahr der Tag der offenen Umgebindehäuser statt, ein Fest der ländlichen Holzbaukunst am Dreiländereck Polen, Tschechien und Deutschland.
Foto: Wikipedia
Seit zwei Jahrzehnten findet jedes Jahr der Tag der offenen Umgebindehäuser statt, ein Fest der ländlichen Holzbaukunst am Dreiländereck Polen, Tschechien und Deutschland, bei dem die von ihren Besitzern gemeldeten „Umgebinde“ bewundert werden können. Die Veranstaltung erfreut sich bei Liebhabern der Oberlausitzer Architektur ungebrochener Beliebtheit.
Heute erleben die Umgebindehäuser ihre Renaissance. Dies geschieht auch dank der Mittel aus ministeriellen Sanierungsprogrammen und Regionalfonds der Woiwodschaft Niederschlesien.
Auf Facebook gibt es die Gruppe „Domy Przysłupowe“ (Umgebindehäuser), die zu einer sehr nützlichen Plattform für den Informationsaustausch geworden ist und auch ein Ort ist, an dem man sich mit fertigen Bauprojekten für neue Häuser und Objekte für kulturelle Zwecke vertraut machen kann.
Wie immer bei solchen Projekten sind eine Idee und eine engagierte Person wichtig. Für die „Zagroda Kołodzieja“ und andere Gebäude in der Region wurde Elżbieta Lech-Gotthardt, die Vizevorsitzende des Vereins DOM KOŁODZIEJA, zu einer solchen treibenden Kraft.
Wie sie sich selbst bezeichnet, ist sie eine sozial engagierte Unternehmerin, der die Bewahrung der kulturellen Ressourcen der Region am Herzen liegt.
Ihr Verein fördert die Vision der Renovierung historischer Objekte und bietet Beratung und Hilfe, auch bei der Beschaffung von Fördermitteln in Form von Sanierungszuschüssen.
Solche Aktivitäten für das historische Erbe der Regionen verdienen Förderung und Anerkennung. Die Tätigkeit des Vereins „Zagroda Kołodzieja“, aber auch anderer Personen, die an der Renovierung und dem Bau von Umgebindehäusern beteiligt sind, entwickelt sich ständig weiter.
Dem Verein sind weitere Erfolge zu wünschen, aber auch die bisherigen Leistungen hervorzuheben.