Wer heute durch Gogolin spaziert und an der Krapkowicka-Straße vorbeikommt, ahnt kaum, dass sich hinter einer unscheinbaren Hausnummer einst eine der lebendigsten Vereinsgeschichten der Region verbarg. Es ist die Geschichte eines Schmieds, eines Kalkfabrikanten und einer Leidenschaft, die vor über hundert Jahren Männer aus Gogolin regelmäßig auf den Sattel brachte.
Am Anfang steht Thomas Stannek, ein Mann, der ursprünglich aus Karlsruhe bei Namslau – dem heutigen Pokój bei Namysłów – stammte. Von Beruf war er Unternehmer und Handwerker, doch seine wahre Leidenschaft galt dem Radsport. Neben seiner täglichen Arbeit nahm er an verschiedenen Fahrradrennen teil, darunter auch am legendären Sechstagerennen, das bis heute in Berlin ausgetragen wird.

Bahnhof in Gogolin. Postkarte aus dem Jahr 1915.
Quelle: Wiener Werkstätte Postkarten
Genau dort, auf einer dieser Rennbahnen, sollte sich 1909 sein Leben entscheidend ändern. Er lernte Viktor Madelung kennen, den Besitzer zahlreicher Kalköfen in Gogolin. Madelung erzählte ihm von seiner Heimatstadt: von der boomenden Kalkindustrie und davon, dass er dringend einen Schmied brauchte. Die Einladung überzeugte Stannek, und er folgte ihr nach Gogolin.
Neubeginn an der Hauptstraße
In Gogolin angekommen, ließ Stannek keine Zeit verstreichen. Er eröffnete eine eigene Werkstatt, kaufte ein Haus, gründete ein Geschäft und errichtete sogar eine Tankstelle – alles direkt an der Hauptstraße, die durch den Ort führte. In seiner Manufaktur fertigte er Fahrräder unter der eigenen Marke „Theodosia“, die heute nicht mehr existiert. Im Laden verkaufte er neben seinen eigenen Rädern auch Modelle anderer, damals renommierter Marken wie „Gritzner“.
Um Stannek und sein Geschäft herum bildete sich mit der Zeit eine Gruppe Gleichgesinnter, die den Grundstein für den Radfahrerverein „Adler“ legte. Der Verein wuchs, und zeitweise zählte er sogar fünfzig Mitglieder – Männer, die sich für den damals noch jungen Fahrradsport begeisterten. Heute, wo praktisch jeder ein Fahrrad besitzt und mühelos fahren kann, ist kaum vorstellbar, dass dies zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts noch ein Luxus war, den sich vor allem wohlhabende Bürger leisten konnten.
Sonntägliches Ritual und eigene Bierkrüge
Das gesellschaftliche Herzstück des Vereins war das traditionelle sonntägliche Biertrinken. Bei diesen regelmäßigen Treffen ging es keineswegs nur ums Vergnügen: Man plante die nächsten Ausflüge, tauschte sich aus und machte nebenbei auch Geschäfte. Ein besonderes Detail verrät viel über den Zusammenhalt der Gruppe – jedes Mitglied besaß seinen eigenen Bierkrug mit dem Vereinslogo, und auf der Unterseite des Deckels war jeweils der eigene Name eingraviert. So war sichergestellt, dass jeder stets aus seinem persönlichen Krug trank.
Was von jener Zeit heute noch existiert, sind vereinzelte Sammlerstücke – die Bierkrüge und Fahrradglocken der ehemaligen Mitglieder, die längst über private Sammlungen verstreut sind.
Ausflüge in die weite Umgebung
Der Radfahrerverein „Adler“ war für seine ausgedehnten Touren bekannt, die die Mitglieder sowohl in die nähere Umgebung als auch in weiter entfernte Gegenden führten. Einer der längsten und anspruchsvollsten Ausflüge führte die Gruppe über eine Strecke von rund hundert Kilometern nach Zobten am Berge, dem heutigen Sobótka, in Niederschlesien.

Thomas Stannek.
Quelle: Panorama Ziemi Gogolińskiej
Für die damalige Zeit war eine solche Distanz eine echte Herausforderung. Die Fahrräder waren technisch bei Weitem nicht so ausgereift wie heutige Modelle, weshalb jede längere Tour mit erheblicher körperlicher Anstrengung verbunden war – so schildert es Walter Stannek, der Enkel des Vereinsgründers, wenn er von den Erzählungen seiner Familie berichtet.
Gerade wegen dieser Strapazen war die Gruppe nie ganz auf sich allein gestellt. Wilhelm Schupa, ein Bäcker, der im selben Gebäude wie Stannek seine Backstube betrieb, sowie Maria Stannek, die Frau des Vereinsgründers, begleiteten die Radfahrer mit dem Auto. Sie fuhren stets hinter der Gruppe her, bereit einzugreifen, falls unterwegs etwas passieren sollte. Im Fahrzeug führten sie den gesamten Proviant mit sich, dazu einen Verbandskasten und Werkzeug – eine frühe Form der Versorgungslogistik, die zeigt, wie ernst man solche Unternehmungen nahm.
Das Ende einer Ära
Der Verein blieb bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges aktiv. Mit Kriegsbeginn endete jedoch diese Phase des geselligen Radsports in Gogolin. Von der einst so lebendigen Vereinsstruktur blieb danach nur noch der Laden von Thomas Stannek in der Krapkowicka-Straße 1 bestehen.
Was von jener Zeit heute noch existiert, sind vereinzelte Sammlerstücke – die Bierkrüge und Fahrradglocken der ehemaligen Mitglieder, die längst über private Sammlungen verstreut sind. Der Ort, an dem einst der Fahrradladen stand und Räder unter eigener Marke gefertigt wurden, beherbergt heute eine Fleischerei. Von der Geschichte des Radfahrervereins „Adler“ zeugt an dieser Stelle nichts mehr sichtbar – und doch lebt sie weiter, in den Erinnerungen der Nachkommen und in den wenigen Objekten, die die Zeit überdauert haben.