Nein zu russischem Gas, Ja zu einem stärkeren Europa

IV. Deutsch-Polnisches Wirtschaftsforum in Warschau

3 November 2026, 05:00 Wirtschaft

„Deutschland exportiert heute mehr nach Polen als nach China, und die polnische Wirtschaft wächst doppelt so schnell wie der EU-Durchschnitt“, betonte die Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, Katherina Reiche, in Warschau. Beim IV. Deutsch-Polnischen Wirtschaftsforum kamen jedoch auch schwierigere Themen zur Sprache. Der polnische Minister für Finanzen und Wirtschaft, Andrzej Domański, erinnerte daran, welche Lehren aus den bisherigen Wirtschaftsbeziehungen zu Russland gezogen werden müssen. Die deutsche Ministerin erklärte ihrerseits, dass eine Rückkehr zu russischen Gasimporten nicht infrage komme.

Deutschland bleibt Polens wichtigster Handelspartner, während Polen im vergangenen Jahr der fünftwichtigste Handelspartner Deutschlands war. Das Ausmaß der wirtschaftlichen Verflechtungen und die Perspektiven für eine weitere Zusammenarbeit standen im Mittelpunkt des IV. Deutsch-Polnischen Wirtschaftsforums, das am 26. Oktober in Warschau stattfand. An der Veranstaltung nahmen mehr als 350 Vertreter aus Wirtschaft, Verwaltung und Wirtschaftsorganisationen teil.

Eröffnet wurde das Forum von der Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, Katherina Reiche, und dem polnischen Minister für Finanzen und Wirtschaft, Andrzej Domański. Das Treffen fand im 35. Jahr nach der Unterzeichnung des Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschland statt.

„Man sollte nichts kaufen, was in Putins Kriegskasse fließt – auch kein russisches Gas.“
– Katherina Reiche

Polen als Beispiel für wirtschaftlichen Erfolg

Katherina Reiche hob die dynamische Entwicklung der polnischen Wirtschaft hervor. Seit dem Beitritt Polens zur Europäischen Union wächst die Wirtschaft des Landes jährlich um 3,8 Prozent und damit doppelt so schnell wie der EU-Durchschnitt. 1990 erreichte die polnische Wirtschaftsleistung 38 Prozent des EU-Durchschnitts, heute sind es bereits 85 Prozent. „Polen gehört inzwischen zu den zwanzig größten Volkswirtschaften der Welt“, betonte die Ministerin.

Wie sie unterstrich, kommt die Entwicklung Polens auch Deutschland zugute. Immer mehr polnische Unternehmen investieren jenseits der Oder und schaffen dort Arbeitsplätze. Gleichzeitig sind deutsche Unternehmen seit Jahren stark auf dem polnischen Markt vertreten. Nach den von Reiche angeführten Zahlen beschäftigen mehr als 1.600 deutsche Unternehmen in Polen fast eine halbe Million Menschen.

Der Wert des deutsch-polnischen Warenhandels überschritt 2025 erstmals die Marke von 180 Milliarden Euro. Seit dem Jahr 2000 hat sich das Handelsvolumen mehr als versiebenfacht. „Deutschland exportiert heute mehr nach Polen als nach China“, erklärte Reiche.

Die bisherige Zusammenarbeit zeige ihrer Ansicht nach, wie die europäische Industrie in der Praxis funktionieren sollte: durch gemeinsames Handeln und grenzüberschreitende Produktion. „Unser Ziel ist ein Europa, das die Stärken seiner Partner verbindet und Unternehmen bessere Bedingungen bietet, um zu investieren, neue Technologien zu entwickeln und gemeinsam auf den Weltmärkten erfolgreich zu sein“, sagte die deutsche Ministerin.

Europa muss wirtschaftliche Naivität überwinden

Andrzej Domański betonte, dass beide Länder vor dem Hintergrund besonderer geopolitischer, strategischer und technologischer Herausforderungen zusammenkämen. Eine starke europäische Wirtschaft sei die Voraussetzung dafür, diesen Herausforderungen wirksam zu begegnen. Der polnische Minister verwies auf die Notwendigkeit, das Wirtschaftswachstum zu beschleunigen, unnötige Bürokratie abzubauen, wettbewerbsfähige Energiemärkte zu schaffen und verantwortungsvoll mit neuen Technologien umzugehen.

Zudem erinnerte er an die Worte Katherina Reiches aus dem Vorjahr: „Brüssel braucht mehr Warschau.“ Heute brauche Brüssel vor allem eine stärkere wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschland sowie eine gemeinsame, starke Stimme zur Verteidigung der europäischen Industrie.

Katherina Reiche betonte, Deutschland dürfe keine falschen Signale aussenden, da die geopolitische Lage weiterhin angespannt sei und Russland nach wie vor Krieg gegen die Ukraine führe.
Foto: Deutsche Botschaft Warschau / Dominik Butzmann

Keine Rückkehr zu russischem Gas

Eines der wichtigsten politischen Themen des Treffens war die Energiesicherheit und das Verhältnis zu Russland. Domański wies darauf hin, dass Energierohstoffe als Instrument geopolitischen Drucks eingesetzt werden. An die deutschen Partner gerichtet, betonte er, Europa müsse aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre Lehren ziehen.

„Unter keinen Umständen und in keinem Szenario darf es eine Rückkehr zu Business as usual mit Russland geben. Dem wird Polen niemals zustimmen“, erklärte der polnische Minister. Dabei gehe es vor allem darum, sich nicht erneut von russischen Rohstoffen, insbesondere von russischem Gas, abhängig zu machen. Europa werde erst dann sicher sein, wenn es sich von instabilen externen Lieferanten unabhängig gemacht habe.

Auch Katherina Reiche nahm zu diesem Thema Stellung. Sie betonte, Deutschland dürfe keine falschen Signale aussenden, denn die geopolitische Lage sei weiterhin angespannt und Russland führe nach wie vor Krieg gegen die Ukraine. „Man sollte nichts kaufen, was in Putins Kriegskasse fließt – auch kein russisches Gas. Das wollte ich im Namen meines Landes ganz klar erklären“, sagte die deutsche Ministerin.

Reiche unterstrich außerdem, dass Polen und Deutschland gemeinsam handeln sollten – nicht gegeneinander und auch nicht nebeneinander. „Wir sollten gemeinsam arbeiten, wachsen und investieren“, fasste sie zusammen.

Von Technologie bis zum Schutz kritischer Infrastruktur

Das Forum umfasste auch Diskussionen über die Zukunft der europäischen Industrie und Technologie. Zu den angesprochenen Themen gehörten die Entwicklung von Halbleitern, künstlicher Intelligenz und Weltraumtechnologien, der Schutz kritischer Infrastruktur sowie die Widerstandsfähigkeit der Lieferketten. Die Teilnehmer diskutierten außerdem über erneuerbare Energien, Offshore-Windenergie, grenzüberschreitende Stromverbindungen und Energiespeicherung.

Besondere Aufmerksamkeit galt dem Schutz von Häfen, Eisenbahnen, IT-Systemen, Unterseekabeln und Kommunikationsnetzen. Dabei wurde betont, dass die Sicherheit der Infrastruktur nicht allein von technischen Schutzmaßnahmen abhängt, sondern auch von der Vorbereitung der Mitarbeiter, funktionierenden Verfahren und dem Informationsaustausch zwischen Unternehmen und Betreibern.

Ein wichtiges Thema war zudem die Unterstützung der Ukraine und die Folgen der russischen Aggression für die Sicherheit Europas. Die Erfahrungen aus dem Krieg zeigen, dass die Widerstandsfähigkeit einer Volkswirtschaft nicht nur von ihrem industriellen Potenzial abhängt, sondern auch von stabilen Lieferketten und der Fähigkeit, auf Krisen zu reagieren.

Katherina Reiche im Gespräch mit Andrzej Domański (rechts) und Botschafter Miguel Berger (links).
Foto: Deutsche Botschaft Warschau / Dominik Butzmann

Zusammenarbeit im Rahmen der Friends of Industry

In Warschau fand außerdem die 9. Konferenz der Friends of Industry statt, einer Plattform für den Austausch zwischen den für Industrie zuständigen europäischen Ministerinnen und Ministern. Die Initiative hatte Katherina Reiche 2025 mit einem Treffen in Berlin wiederbelebt. Gastgeber der diesjährigen Konferenz war Polen.

Die Konferenz stand unter dem Leitmotiv „European Industry amid Geopolitical Challenges: Safeguarding and Strengthening Competitiveness and European Resilience“ („Die europäische Industrie angesichts geopolitischer Herausforderungen: Wettbewerbsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit Europas schützen und stärken“). Ziel war es, die Diskussion über notwendige Maßnahmen zur Stärkung der europäischen Industrie und der wirtschaftlichen Sicherheit voranzubringen.

Polen und Deutschland sprechen sich gemeinsam gegen eine Rückkehr zu russischen Gasimporten aus.
Foto: Deutsche Botschaft Warschau / Dominik Butzmann

Das IV. Deutsch-Polnische Wirtschaftsforum wurde von der Polnischen Agentur für Investitionen und Handel (PAIH) und der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer (AHK Polen) organisiert. Unterstützt wurde es vom polnischen Ministerium für Entwicklung und Technologie, dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sowie dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft.

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