Zwischen Grenzen und Gräbern

Allerseelen im tschechischen Thröm (Třebom)

2 November 2026, 17:00 Kirche

Thröm (Třebom) im äußersten Norden des Hultschiner Ländchens ist ein ganz besonderer Ort: Von drei Seiten vom heutigen Polen umschlossen, bildet das kleine Platzdorf einen schmalen Zipfel, der direkt an Nachbarorte wie das in Polen liegende Katscher (Kietrz) grenzt. Hier, wo die Grenze oft nur eine Fußspur entfernt scheint, erzählt der Dorffriedhof stumm von einer bewegten Vergangenheit, von Vertreibung und der bewahrten deutschen Identität.

Das Herzstück unseres Besuchs ist der Friedhof von Thröm, auf dem zahlreiche Grabsteine noch heute deutsche Namen tragen. Wie ist es zu erklären, dass diese Spuren trotz allem überdauert haben?

Verhaltenes Deutsch, verweigerte Heimat

Auskunft gibt die 79-jährige Anna Stanke, die früher in der Sakristei der örtlichen Kirche gearbeitet hat. Sie erinnert sich, dass die Einheimischen, die nach dem Krieg im Ort bleiben durften, sich um zehn, zwanzig verwaiste Gräber vertriebener Nachbarn gekümmert haben. Während andernorts viele deutsche Inschriften radikal entfernt wurden, schafften es die verbliebenen Deutschen in Thröm die Erinnerung aufrecht zu erhalten – oft aus tiefem Mitgefühl mit den Vertriebenen, die in Deutschland sehnsüchtig auf ein Zeichen der Heimat hofften.

Anna Stankes eigene Familie durfte bleiben, weil ihr Vater als Schmied für die bäuerliche Landwirtschaft unverzichtbar war. Doch die Nachkriegszeit war von Misstrauen, Angst und dem Verbot der deutschen Sprache geprägt – selbst das Abhorchen von Fenstern durch Nachbarn gehörte für die verbliebenen Deutschen zum Alltag.

Auf dem Friedhof im Thröm (im Hultschiner Ländchen) zeugen die erhaltenen deutschen Grabinschriften von der bewegten Geschichte und dem Einsatz der Verbliebenen.
Foto: Manuela Leibig

Diese tiefe Verbindung zur alten Heimat zeigt sich auch an Gräbern wie dem der Familie Döhner. Stellvertretend steht hier mindestens einmal im Jahr Edyta Dohner, die wir auf dem Friedhof beim Gebet antreffen. Für sie ist der Besuch der Familiengräber eine Herzensangelegenheit, obwohl die Rückkehr in den Heimatort ihres Vaters – der einst 17 Hektar Land besaß – durch politische Hürden und Enteignungen verwehrt blieb:

„Papa kommt hier aus Thröm. Einst hat er bei Bauarbeiten am Haus seines Cousins in Polen geholfen, hierfür bekam er eine Ausreisemöglichkeit. Da lernte er meine Mutter kennen. Mama durfte nicht in Tschechien leben – keine Erlaubnis bekommen. Und Papa durfte nicht nach Polen auswandern, bevor er seinen Hof nicht aufgegeben hat. Als Kind war ich sehr oft in den Sommerferien zu hier.“

Ein Zeuge der Zeit: Die Kirche St. Georg im neuen Glanz

Mitten im Ort prägt die katholische Pfarrkirche St. Georg – erbaut zwischen 1781 und 1785 – das Bild. Der Friedhof liegt direkt an der Kirche. Das Gotteshaus wird seit Langem mit Unterstützung der Gemeinde renoviert. Erst kürzlich fanden im Chorbereich Bauarbeiten statt, und vor kaum einer Woche wurden im Kirchturm nagelneue Treppen verbaut. Sie sind ein Zeichen dafür, dass das historische Erbe in Thröm auch in der Gegenwart gepflegt wird – als Brücke zwischen Gestern und Heute.

 

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