Marlen Sulzer im Interview

Neue Oppelner Konsulin: „Die deutsche Minderheit ist gelebtes Europa.“

18 August 2026, 05:00 Politik

Seit Juli ist Marlen Sulzer deutsche Konsulin in Oppeln. In dieser Funktion ist sie auch Ansprechpartnerin für die deutsche Minderheit in der Region und in Polen. Im Gespräch mit Mauro Oliveira spricht sie über ihre ersten Eindrücke, ihre Aufgaben und darüber, warum Oppeln für sie ein Wunschposten ist.

Frau Konsulin, Sie sind seit Juli in Oppeln. Gibt es etwas, das Sie in den ersten Wochen überrascht hat?

Ich habe mich natürlich vorher informiert: Was ist Oppeln, was ist meine Aufgabe hier? Aber als ich das erste Mal hier war, war ich erst einmal überrascht von der Schönheit dieser Stadt. Die Stadt ist wunderbar gepflegt. Den historischen Bauten sieht man die Geschichte an, aber nicht das Alter.

Sie haben Oppeln als Ihren Wunschposten bezeichnet …

Es ist aus vielerlei Gründen ein Wunschposten. Ich war immer sehr interessiert daran, in Polen zu arbeiten. Mich interessiert aber das Miteinander der deutschen und polnischen Kultur angesichts unserer schwierigen gemeinsamen Geschichte. Nach allem, was ich gehört hatte, hat sich dieses Zusammenleben immer weiter zum Positiven entwickelt. Das wollte ich erleben.

Gab es in den ersten Tagen ein Erlebnis, das Sie besonders bewegt hat?

Als ich herkam, durfte ich zum ersten Mal auch an einer Gedenkfeier teilnehmen, an einer Feier zur Ehrung der Aufständischen in Warschau. Ich war mir aber auch nicht sicher, ob ich mit den Anwesenden ins Gespräch kommen würde. Denn die Rolle, die Deutschland während des Warschauer Aufstandes spielte, ist mir natürlich vollkommen bewusst. Aber meine Sorge war unbegründet: Jeder hat mit mir gesprochen, jeder hat mich willkommen geheißen.

„Die Sprachbarriere hindert uns, noch weiter zusammenzuwachsen. Sie muss weg, sie muss wirklich weg – und daran wollen wir arbeiten.“

Ich hatte die Gelegenheit, mit der 101-jährigen Zeitzeugin Helena Kamerska zu sprechen. Ich habe sie auch gefragt, ob sie eine Botschaft hätte, die ich mit nach Deutschland nehmen könnte. Und Frau Kamerska sagte mir schlicht: „Lernt euch kennen und lernt voneinander. Dann müsst ihr keine Angst haben um die Zukunft.“

Sie haben im Fernsehen bereits Polnisch gesprochen. Wie lange hatten Sie Zeit, sich sprachlich vorzubereiten?

Im Auswärtigen Amt hat uns der Sprachendienst schon nach der Wende 1991 ermuntert, Polnisch zu lernen. Ich hatte mein Büro direkt neben dem Sprachendienst – das war ein großes Glück. So habe ich meine ersten Gehversuche in der polnischen Sprache schon 1991 gemacht.

Sie waren unter anderem in Almaty oder Ankara und zuletzt London eingesetzt. Gibt es eine Station, die Sie besonders geprägt hat?

Was alle Posten gemeinsam hatten und was mich beeindruckt hat, war die Faszination der Menschen für unser Europa. Ganz egal, ob es Kasachstan, die Türkei oder Großbritannien war.

Die Menschen waren immer Europa zugewandt und fasziniert. In manchen Ländern war es auch sehr wichtig, dass es hier Rechtssicherheit gibt.

Und jetzt sind Sie in Polen, das ist mitten in Europa. Was sind hier Ihre Aufgaben?

Zu unseren wichtigsten Aufgaben gehört die konsularische Betreuung der deutschen Minderheit. Wir wollen die kulturelle Förderung der deutschen Minderheit unterstützen. Und wir stehen für Fragen der deutschen Minderheit in allen Bereichen gerne zur Verfügung.

„Europa ist hier, genau hier“: Für Konsulin Marlen Sulzer zeigt sich in Oppeln, wie europäisches Zusammenleben funktionieren kann.
Foto: Deutsches Konsulat Oppeln

Ich habe in meinem Grußwort auf der Webseite auch gesagt, dass wir für Ideen immer ansprechbar sind. Und meine persönliche Aufgabe ist es, so viele Menschen wie möglich hier kennenzulernen, ihre Eindrücke zu sammeln, sie weiterzugeben und damit die Partnerschaft in diesen sich schnell wandelnden Zeiten zu unterstützen.

Sind Sie schon mit Mitgliedern der deutschen Minderheit in Kontakt gekommen?

Ja, ich habe fast jeden Tag Mitglieder der deutschen Minderheit getroffen – auch im Konsulat, wo einige Kollegen mit ihren Familien in der Minderheit verwurzelt sind. Wir sprechen oft darüber, wie es der deutschen Minderheit heute geht und wie es ihr in der Vergangenheit ergangen ist.

Was mir aufgefallen ist, ist, dass die Familien hier sehr geschichtsbewusst sind, dass man in den Generationen sich viel erzählt über die Vergangenheit. Und gleichzeitig sind die jungen Leute sehr zukunftsgewandt. Das gibt es in Deutschland nicht so oft.

Welche Bedeutung hat, aus Ihrer Sicht, die deutsche Minderheit für die Region?

Die deutsche Minderheit ist gelebtes Europa. Ich habe zuvor einmal gesagt, Oppeln ist Europa unter der Lupe. Das ist so. Europa findet nicht nur statt in Paris, in Berlin oder in Warschau. Europa ist hier, genau hier.

Wie wir Europa leben wollen, das entscheiden wir selbst. Oppeln hat einen Weg gefunden, Europa zu leben, indem es die deutsche Minderheit vollständig integriert und fördert. Die deutsche Minderheit wird nicht nur von deutscher Seite, sondern auch von der polnischen Seite gefördert. Das ist ein Muster, ein Muster für Europa.

Dieses Jahr feiern wir auch das 35-jährige Jubiläum des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags. Wo sehen Sie noch ungenutztes Potenzial für die deutsch-polnischen Beziehungen?

Der 35. Jahrestag ist ein Meilenstein. Ich würde mir sehr wünschen, dass wir diesen Meilenstein nutzen, um zunächst zu sehen, was wir alles erreicht haben. Wir haben heute ein anderes Selbstverständnis von unserem Zusammenleben.

In der Zukunft gibt es natürlich die Herausforderungen beider Länder, die uns gemeinsam betreffen. Ich möchte beispielhaft nennen: Verteidigung und Zivilschutz.

Der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag war auch für die deutsche Minderheit in Polen bedeutend. Aus Sicht der Minderheit gibt es aber noch Bereiche, in denen Entwicklungspotenzial besteht – etwa bei der Sprachförderung.

Diese Themen werde ich ansprechen, den Input der Beteiligten sammeln und nach Berlin kommunizieren. Das muss ich aber konkret mit den Beteiligten besprechen. Ich bin hier, um zuzuhören.

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Sprache zu fördern ist wahrscheinlich der wichtigste Pfeiler der deutschen Kulturpolitik. Ich muss Ihnen aber auch sagen, die Deutschen sollen sich anstrengen, Polnisch zu lernen. Da sehe ich mich selbst in der Pflicht, ich sehe uns alle in der Pflicht. Die Sprachbarriere hindert uns, noch weiter zusammenzuwachsen. Sie muss weg, sie muss wirklich weg – und daran wollen wir arbeiten.

Meine Aufgabe ist natürlich die Förderung der deutschen Sprache hier.

Im kulturellen Bereich hat Ihr Vorgänger Peter Herr musikalische Akzente gesetzt, zum Beispiel mit einem Marlene-Dietrich-Konzert, aber auch mit einer Techno-Party, die er in Oppeln veranstaltet hat. Wird es dieses Jahr wieder eine Techno-Party geben?

Warum nicht? Wir wollen uns kulturell breit aufstellen, da wir möglichst viele Menschen hier erreichen wollen.

Marlene Dietrich und ihre Chansons sind natürlich wieder ein ganz anderes Genre. Ich finde das großartig, dass alles hier solchen Anklang findet. Das spricht auch für die Vielfalt, die in Oppeln gelebt wird.

Ich persönlich würde mich sehr freuen, wenn polnische und deutsche Künstler mal zusammen auftreten.

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