Auf literarischen Umwegen

Dorothea Brüning: eine (un)gewöhnliche Herstory der Beuthener Oberbürgermeistergattin

2 Oktober 2026, 17:00 Geschichte

Das Leben von Dorothea Brüning zeigt, wie viele weibliche Biografien noch immer im Schatten männlicher Leistungen verborgen bleiben.

Das Bedürfnis nach Herstory

Lou Andreas-Salomé zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert – eine kompromisslose Intellektuelle, die unbeirrt auf die Unabhängigkeit des weiblichen Ichs setzte. Dennoch verkündet das Plakat zu ihrer filmischen Biografie lautstark, dass Friedrich Nietzsche sie verehrte, Rainer Maria Rilke sie liebte und Sigmund Freud sie bewunderte. Als ob es dieser Verankerung unter männlichen Berühmtheiten bedürfte, um die Geschichte einer Frau zu erzählen, die ebenso außergewöhnlich war wie diese Männer, nur weniger bekannt.

Sicher ist: Frauen waren, sind und werden Teil von Geschichte, Literatur und Kultur sein, auch wenn das Erinnern an ihre Rolle und das Schreiben darüber noch immer Grundlagenarbeit bleibt.

Dabei könnte man meinen, die Herstory – eine Geschichtsschreibung, die die Perspektive und Erfahrung von Frauen berücksichtigt (engl. herstory bedeutet wörtlich „ihre Geschichte“) – sei heute selbstverständlich, etwas, das man nicht eigens suchen oder einfordern müsste. Es gibt Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit und sprachwissenschaftliche Empfehlungen, die uns nahelegen, wie wir sprechen und schreiben sollen, um nicht zu diskriminieren. Und dennoch verfallen wir immer wieder in alte Denkmuster und geschlechterbezogene Stereotype.

Sicher ist: Frauen waren, sind und werden Teil von Geschichte, Literatur und Kultur sein, auch wenn das Erinnern an ihre Rolle und das Schreiben darüber noch immer Grundlagenarbeit bleibt.

Dorothea Brüning.
Quelle: Privatarchiv

Im Schatten des Ehemanns

Auch Dorothea Brüning (1865–1950), die Protagonistin dieses Artikels, war bislang eher Teil einer männlich dominierten Geschichtsschreibung als einer weiblichen Herstory. Bis heute ist sie vor allem als Ehefrau des Beuthener Oberbürgermeisters Georg Brüning bekannt. Über ihn wurde bereits viel geschrieben. Wir wissen etwa, dass er sich um Beuthen außerordentlich verdient gemacht hat – um einen etwas pathetischen Vergleich zu bemühen: Ähnlich wie Kasimir der Große fand er ein „hölzernes“ Beuthen vor und hinterließ ein „steinernes“.

Seine Verdienste nimmt ihm niemand: Elektrifizierung, Kanalisation, gepflasterte Straßen – ein wahrer zivilisatorischer Sprung. Brüning ist heute zu Recht Ehrenbürger der Stadt, hat seinen eigenen Platz und sogar eine eigene Bank. Auf dieser sitzt er im Stadtzentrum, vor der Jugendstilvilla, die er mit seiner Familie bewohnte. Die Stadt rühmt sich, er habe die Villa als Geschenk dankbarer Bürger erhalten, die sich so für seine gewissenhafte Arbeit erkenntlich zeigen wollten. Eine Tafel mit dem Foto von Brüning und seiner Gattin vor ihrem ehemaligen Haus bekräftigt diese Darstellung.

Dorothea und Georg Brüning auf der Informationstafel in Beuthen.
Quelle: Privatarchiv

Herstorische Fragezeichen

Doch die biografischen Aufzeichnungen Dorothea Brünings und die Autobiografie ihres Enkels Georg Kaiser erzählen eine andere Geschichte. Dorothea berichtet, dass sie mit ihrem Mann zunächst in eine Dienstwohnung am Markt und später in ein größeres Quartier an der Piekarska-Straße zog – doch nirgends erwähnt sie, dass Grundstück, Entwurf oder Bau der Villa von der Stadt finanziert worden wären.

Die Oberbürgermeistergattin widmet diesem Ereignis kaum Aufmerksamkeit; sie vermerkt lediglich, dass das Ehepaar ein Grundstück im Stadtzentrum an der heutigen Aleja Legionów erwarb und dort das weitere Familienleben seinen Lauf nahm. Auch in „Zwischen Sand und Lehm“, der autobiografischen Erzählung Georg Kaisers, findet sich kein Hinweis auf ein Geschenk dankbarer Bürger. Stattdessen ist vom Garten der Familie die Rede, den Dorothea mit großer Sorgfalt pflegte, von den Anfängen ihrer Bekanntschaft mit dem späteren Oberbürgermeister und vom Ankommen in der „Stadt im Osten“, von der beide zuvor nie gehört hatten.

Literatur – insbesondere Erinnerungsprosa – kann Archivarbeit zwar nicht ersetzen, doch sie kann Perspektiven sichtbar machen, die in offiziellen Darstellungen bislang übersehen wurden.

Die Villa der Familie Brüning an der Aleja Legionów in Beuthen.
Quelle: Privatarchiv

„Meine Mutter hat zehn Vereine und ein schwarzes Kleid.“

Die Brünings kamen aus Westfalen nach Beuthen. Als Dorothea Köhne sich mit dem vierzehn Jahre älteren Gerichtsassessor verlobte, war sie sechzehn Jahre alt und Vollwaise; ihre ältere Schwester sorgte für sie. Die Jugendliche wählte diese – unter drei älteren Geschwistern – wegen ihrer pragmatischen Lebenshaltung zur „zweiten Mutter“. Eine Wahl, die viel über Dorotheas Charakter verrät: Sie war zielstrebig, sich ihrer Wünsche bewusst und unbeugsam, sobald jemand versuchte, sie „umzumodeln“.

Die spätere Oberbürgermeistergattin war ein Landkind – ihr Bedürfnis nach Natur und der Respekt vor allen Lebewesen begleiteten sie ein Leben lang. Pragmatismus, harte Arbeit und katholischer Glaube bildeten die drei Säulen ihrer Lebensphilosophie, die sie auch in Beuthen praktizierte.

Von Beginn an galt ihre Sorge den hygienischen Bedingungen der Stadt. Der Mangel an Kanalisation führte dazu, dass Krankheiten wie Typhus und Scharlach sich rasch ausbreiteten und vor allem Kinder trafen. Die Brünings hatten zwölf Kinder – doch nur zwei überlebten ihre Eltern. Krankheiten, Unfälle und die Wirren des Krieges belasteten die Familie schwer.

Vielleicht kompensierte Dorothea den Verlust weiterer Kinder, die oft kurz hintereinander starben, durch ihr karitatives Engagement, besonders für die Jüngsten. Bezeichnend ist der erste Satz eines Schulaufsatzes ihrer jüngsten Tochter Dorothea: „Meine Mutter hat zehn Vereine und ein schwarzes Kleid.“

Ihre soziale Tätigkeit hatte auch eine pädagogische Dimension: Sie lud Kinder in ihren Garten ein, brachte ihnen bei, wie man Pflanzen pflegt und Gemüse anbaut, und vermittelte ihnen so Respekt vor der eigenen und der Arbeit anderer. Bedürftige, die in ihre Küche kamen, mussten eine symbolische Gebühr entrichten; Dorothea glaubte nämlich, dies helfe ihnen, ihre Würde zu bewahren. Auf ihre Initiative entstand in Beuthen zudem ein Laden, der heutigen Second-Hand-Geschäften ähnelte und gebrauchte Dinge weiterverkaufte.

Informationstafel an der Villa der Brünings.
Quelle: Privatarchiv

„Fuchs vor dem Bau“

Trotz ihres Engagements für die Beuthener Gemeinschaft widmete sie ihre größte Aufmerksamkeit ihrer Familie und wurde – wie sie in ihren Erinnerungen humorvoll schrieb – zum „Fuchs vor dem Bau“. Diese Haltung schützte die Familie vor Besuchen lästiger Gäste, denen der gutmütige Brüning sich kaum entziehen konnte, besonders wenn die Stimmung bei geselligen Treffen allzu ausgelassen wurde.

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Gewöhnliche Herstory?

In vieler Hinsicht entsprach Dorothea Brünings Lebensweg dem jener Frauen, die im damaligen Preußen eine ähnliche gesellschaftliche Stellung innehatten – Ehefrauen von Bürgermeistern oder Landräten, Ehefrauen wohlhabender Kaufleute, Mütter zahlreicher Kinder und Hausfrauen. Man denke nur an Friederike Troplowitz aus Gleiwitz, Julia Friedlaender aus Oppeln oder Margarethe Grünfeld aus Kattowitz. Ihre Mitgliedschaft in Hilfsorganisationen, darunter im damals besonders populären Vaterländischen Frauenverein, war ebenfalls stark durch gesellschaftliche Erwartungen geprägt.

Und dennoch nannte eine Beuthener Zeitung sie in einem Geburtstagsgruß „Mutter der Stadt“. War diese Bezeichnung übertrieben?

Beim Schreiben nutzte ich das Buch „Zwischen Sand und Lehm“ von Georg Kaiser sowie bislang unveröffentlichte Erinnerungen Dorothea Brünings, die mir dank der Freundlichkeit des Kultur- und Sportreferats des Beuthener Rathauses zur Verfügung gestellt wurden.

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