70.FUEN-Kongress in Helsinki

Sprache als Prüfstein europäischer Minderheitenpolitik

18 September 2026, 15:30 Politik

Der 70. Kongress der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEN) findet in diesem Jahr in Helsinki statt. Das Schwerpunktthema 2026 lautet Sprache und damit eine Frage, die für viele der über 100 Mitgliedsorganisationen der FUEN existenziell ist.

Finnland als Beispiel für gelebte Zweisprachigkeit

Gastgeberland Finnland liefert dabei selbst ein Beispiel: Obwohl die schwedischsprachige Minderheit nur rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, genießen Finnisch und Schwedisch gleichen offiziellen Status. Finnland zeigt damit, dass zwei Sprachen nebeneinander bestehen können, ohne dass dies den nationalen Zusammenhalt schwächt.

Eröffnet wurde der Kongress von Daniel Sazonov, Bürgermeister von Helsinki, Henrik Wickström, Abgeordneter und Vorsitzender des Folktinget, sowie FUEN-Präsidentin Olivia Schubert. In ihrer Eröffnungsrede griff Schubert ein Bild der nordischen Landschaft auf, um die Lage der europäischen Minderheiten zu beschreiben: „Wer durch die nordische Landschaft reist, erkennt schnell ein charakteristisches Bild: unzählige Inseln, über das Meer verstreut, für sich stehend und doch verbunden durch das Wasser, das sie umgibt. Dieses Bild spiegelt Europas nationale Minderheiten auf perfekte Weise wider. Jede Gemeinschaft verfügt über ihre eigene Sprache, Geschichte und Identität, und doch sind wir durch gemeinsame Werte und Solidarität miteinander verbunden.“ Sie erinnerte zugleich an die Minority-SafePack-Initiative, die mehr als eine Million Menschen mobilisiert und das Thema Minderheitenschutz fest auf der europäischen Agenda verankert habe – auch wenn der politische Prozess nicht zu den erhofften Ergebnissen geführt habe, blieben deren Ziele weiterhin Leitprinzipien der FUEN-Arbeit.

Auch Henrik Wickström betonte in seiner Rede die besondere Symbolik des Tagungsortes: Helsinki sei eine lebendige zweisprachige Hauptstadt, in der Schwedisch und Finnisch Seite an Seite bestehen, was ein Sinnbild für Offenheit und grenzüberschreitende Verständigung darstelle. Der Schutz von Minderheitensprachen sei angesichts von Globalisierung, Digitalisierung und Migration heute wichtiger denn je, so Wickström, denn ohne aktive Unterstützung und rechtlich verankerten Schutz könnten kleinere Sprachen zunehmend ihren Platz in Bildung, öffentlichem Raum und digitaler Welt verlieren.

Minderheitensprachen in der digitalen Welt

Sprache, so der Tenor der Eröffnung, müsse in Schulen, Rathäusern, Krankenhäusern und zunehmend auch im digitalen Raum – etwa bei Spracherkennung und Künstlicher Intelligenz – gelebt werden, nicht nur auf dem Papier existieren. Gerade bei digitalen Anwendungen zeigen sich neue Hürden für Minderheitensprachen, etwa bei Spracherkennungssoftware oder Schreibprogrammen. Die FUEN plädiert daher für eine langfristige europäische Minderheitenstrategie, die nicht von der Größe oder dem Grad der Repräsentation einer Gruppe abhängt.

Die deutsche Minderheit in Polen wird beim Kongress durch Rafał Bartek vertreten, Vorsitzender des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen. Zum diesjährigen Sprachenschwerpunkt sagte er: „Gerade für die deutsche Minderheit, wo die Sprache, das Spracherlernen, das Sprachpflegen viele Jahre verboten war, spielt das natürlich umso eine wichtige Rolle heutzutage, wo sie einfach gefährdet ist, wo die Zukunft dieser Sprache gefährdet ist.“ Er verwies zugleich auf den europäischen Austausch als Chance: Man könne „wirklich nur von anderen Ländern lernen“.

Der Kongress findet ganz zentral beim Hafen von Helsinki statt.
Foto: Andrea Polanski

Ein zentraler Programmpunkt war die erste Podiumsdiskussion zum Thema Sprachplanung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und bei Minderheitensprachen. Auf dem Panel saßen Stanisław Wolny, stellvertretender Direktor von TVP3 Oppeln, Marit af Björkesten, Intendantin des finnischen Rundfunks YLE, Daniela Draštata, Chefredakteurin beim kroatischen Rundfunk HRT, sowie Bogna Koreng, Redakteurin beim MDR. Als positives Beispiel dafür, wie Minderheiten eigene Medienformate gestalten können, wurde das Format „Schlesien Journal“ vorgestellt.

Rafał Bartek ordnete die mediale Aufmerksamkeit für dieses Thema als wichtiges Signal ein: „Die Tatsache, dass dies hier registriert und wahrgenommen wird, ist ein Zeichen dafür, dass man diesen Weg offen und offensiv angehen muss, wenn man im Sinne von Sprachen und Kulturen wirklich etwas gewinnen möchte.“ Besonders begrüßte er, dass die Diskussion nicht beim Status quo stehen blieb, sondern auch die Frage aufwarf, wie junge Menschen erreicht werden können, die zunehmend weder klassisches Radio noch traditionelles Fernsehen nutzen und auch nicht zwangsläufig über YouTube erreichbar sind: „Wie findet man Jugendliche, und wo? Man muss sie mitnehmen und in die Medienlandschaft einbeziehen und dafür begeistern.“

VdG-Vorsitzender Rafał Bartek vertritt die Deutschen aus Polen beim FUEN-Kongress in Helsinki. Foto: Andrea Polanski

Sprache als gesellschaftlicher Mehrwert

Auch die gesellschaftliche Dimension von Mehrsprachigkeit sprach Bartek an. Minderheitensprachen seien kein Vorteil, der nur der jeweiligen Minderheit selbst zugutekomme: „Minderheiten und ihre Sprachen sind ein Mehrwert für die Mehrheitsgesellschaft, in der sie lebt. Ich glaube, dieses Verständnis ist zu wenig ausgeprägt – nicht nur in Polen, auch in anderen Ländern Europas sprechen wir zu wenig darüber. Der erleichterte Zugang zu einer weiteren Sprache durch die Minderheit kann auch eine Bereicherung für die Mehrheitsgesellschaft bedeuten.“

Ein weiteres Podium widmete sich der Sprachplanung im Sozial- und Gesundheitswesen – einem Bereich, in dem sprachliche Barrieren besonders unmittelbare Auswirkungen auf den Alltag der Menschen haben. Bis Sonntag stehen zudem Themen wie „Grenzen im Netz und Marken ohne Grenzen“ auf dem Programm, bei denen es um Geoblocking, den digitalen Binnenmarkt sowie das Spannungsfeld zwischen Verbraucherschutz und Markenmacht geht – inklusive eines Rückblicks darauf, wie sich die Lage seit dem FUEN-Kongress 2025 verändert hat, bei dem ein Fokus auf Geoblocking gelegt wurde. Ergänzt wird das Programm durch Treffen der FUEN-Arbeitsgemeinschaften, Studienbesuche bei Schulen und beim Rundfunk sowie die abschließende FUEN-Delegiertenversammlung.

Der Kongress in Helsinki macht damit deutlich: Sprachpolitik für Minderheiten ist längst keine reine Bewahrungsfrage mehr. Sie betrifft digitale Teilhabe, mediale Sichtbarkeit, junge Generationen und letztlich das Selbstverständnis ganzer Gesellschaften – weit über die jeweilige Minderheit hinaus.

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