Wie lässt sich das kulturelle Erbe einer multikulturellen Region verantwortungsvoll bewahren? Mit dieser Frage wollen die Schlesischen Regionalpolitiker eine internationale Debatte anstoßen. Höhepunkt ist der II. Kongress der Schlesischen Regionalpolitiker am 16. September 2026 in Oppeln.
Oberschlesien ist geprägt von einer Geschichte, in der sich unterschiedliche Kulturen und Sprachen über Jahrhunderte hinweg begegnet sind. Diese Vielfalt zeigt sich nicht nur in der Gegenwart, sondern auch im baulichen und kulturellen Erbe der Region. Wer über den Oppelner Rynek geht, begegnet unweigerlich den unterschiedlichen Schichten der Stadtgeschichte.
Doch die Vielfalt des Erbes bringt auch Herausforderungen mit sich: Wie geht eine Region verantwortungsvoll mit historischen Zeugnissen um, wenn diese für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen eine unterschiedliche Bedeutung haben?
Genau diese Debatte wollen die Schlesischen Regionalpolitiker nun auf eine breitere, auch internationale Ebene heben. Bei einem Pressetermin in Oppeln wurde der Kongress vorgestellt.
Zwischen Verfall und Rettung
Rafał Bartek, Vorsitzender des Sejmiks der Woiwodschaft Oppeln sowie Vorsitzender des Verbands der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften (VdG) und der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien (SKGD), verwies dabei auf die unterschiedlichen Erfahrungen in der Region.
„Es gibt Beispiele in Oppeln, aber auch in der ganzen Region Oberschlesiens, wo entweder etwas stark vernachlässigt wurde und zur Ruine verfallen ist, oder eben auch gerettet wurde. Beides gibt es“, sagte Bartek.
Damit beschreibt er ein Spannungsfeld, das die geplante Konferenz prägt: Es geht nicht allein darum, einzelne Denkmäler zu retten. Vielmehr soll darüber diskutiert werden, nach welchen Kriterien das kulturelle Erbe einer multikulturellen Region geschützt, gepflegt und vermittelt werden kann.

Die Schlesischen Regionalpolitiker wollen wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen zum Erhalt des Kulturerbes zusammenbringen.
Foto: Adam Liszka
Denn nach Ansicht der Organisatoren spielt die Herkunft eines historischen Objekts teilweise noch immer eine Rolle bei der Frage, wie mit ihm umgegangen wird.
Als Beispiel nennt Bartek die Diskussion um das Amphitheater auf dem Sankt Annaberg und das dortige Denkmal der schlesischen Aufständischen.
„Bei manchen Diskussionen, wie gerade aktuell auf dem Sankt Annaberg rund um die Frage, ob wir das Amphitheater retten oder wie wir mit dem Denkmal der schlesischen Aufständischen umgehen, sieht man auch, dass es auch heute eine Rolle spielt, woher dieses Erbe kommt. Je nachdem, ob es von der polnischen oder von der deutschen Seite kommt, wird dann an manchen Stellen anders entschieden.“
Sankt Annaberg und Lubowitz als konkrete Beispiele
Die Frage nach dem Umgang mit dem Kulturerbe ist in Oberschlesien keineswegs abstrakt. Zu den aktuellen Beispielen gehören die Denkmal- und Amphitheateranlage auf dem Sankt Annaberg ebenso wie die Ruine des ehemaligen Eichendorff-Anwesens in Lubowitz.
Für die Anlagen auf dem Sankt Annaberg haben die schlesischen Regionalpolitiker bereits an den polnischen Verteidigungsminister appelliert. Über die Initiative haben wir bereits berichtet.
Das ehemalige Anwesen des Schriftstellers Joseph von Eichendorff in Lubowitz ist dagegen bislang noch nicht langfristig gesichert. Auch dieses Beispiel zeigt, vor welchen konkreten Herausforderungen der Erhalt des kulturellen Erbes in der Region steht. Der VdG verabschiedete bei seiner Jahresversammlung eine Resolution zur Zukunft der Eichendorff-Ruine.
Diese Beispiele zeigen, dass die Bewahrung von Kulturerbe nicht allein eine Frage wissenschaftlicher Bewertung ist. Es geht auch um politische Entscheidungen, Zuständigkeiten und nicht zuletzt um die Finanzierung.
Der Kongress soll deshalb einen Raum schaffen, in dem diese Fragen wissenschaftlich fundiert und zugleich mit Blick auf die konkrete Praxis diskutiert werden.
Experten aus Polen und Deutschland
Der II. Kongress der Schlesischen Regionalpolitiker steht unter dem Motto: „Warum und wie lässt sich das Kulturerbe in einer multikulturellen Region auf moderne Weise bewahren?“
In zwei Podiumsdiskussionen sollen Experten aus Polen und Deutschland sowohl grundsätzliche als auch praktische Fragen erörtern.
Im ersten Panel steht die Frage im Mittelpunkt, wie Kulturerbe geschützt werden kann und welche Rolle dabei Wissenschaft und Erinnerungskultur spielen. Zu den Teilnehmern gehört unter anderem der Historiker Prof. Robert Traba vom Institut für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Auch Rafał Bartek wird an dieser Diskussion teilnehmen.

Rafał Bartek, Vorsitzender des Sejmiks der Woiwodschaft Oppeln, des VdG und der SKGD Oppeln. Foto: Adam Liszka
Das zweite Panel richtet den Blick stärker auf die praktische Umsetzung. Dort geht es unter anderem um konkrete Fragen der Denkmalpflege und der Finanzierung. Teilnehmer sind unter anderem Dr. David Skrabania, Direktor des Oberschlesischen Landesmuseums in Ratingen, und Iwona Solisz, Direktorin des Museums des Oppelner Schlesiens in Oppeln. Auch der Woiwodschaftskonservator für Denkmalpflege in Oppeln, Zbigniew Bomersbach, wird an der Diskussion teilnehmen. Die Schlesischen Regionalpolitiker werden durch Łukasz Jastrzembski, Bürgermeister von Leschnitz und Vorsitzender der Schlesischen Regionalpolitiker, vertreten.
Anknüpfung an den deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag
Die Diskussion über den Umgang mit dem kulturellen Erbe knüpft zugleich an das 35-jährige Jubiläum des deutsch-polnischen Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit an.
Der 1991 unterzeichnete Vertrag enthält auch konkrete Bestimmungen zum kulturellen Erbe. In Artikel 28 verpflichten sich Deutschland und Polen zur „Erhaltung und Pflege des europäischen kulturellen Erbes“. Besondere Aufmerksamkeit sollen dabei unter anderem Kulturgüter und Orte erhalten, die auf dem Staatsgebiet der jeweils anderen Seite von historischen Ereignissen sowie kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen und Traditionen der anderen Seite zeugen.
Für Rafał Bartek ist diese Vereinbarung jedoch kein Schlusspunkt. „Auch wir möchten uns auf diese Weise in die Diskussion darüber einbringen, was vor uns liegt, denn es ist nicht so, dass bereits alles geregelt wäre“, erklärte er.
Die Beispiele aus der Region zeigten vielmehr, dass weiterhin Gesprächsbedarf besteht. Bartek formulierte es so: „Es ist ein Thema, das weiterer Diskussion bedarf, das einer Analyse bedarf und vor allem eines Dialogs zwischen den Gemeinschaften, zwischen den Völkern, aber auch zwischen den lokalen Akteuren, die letztendlich darüber entscheiden, ob ein bestimmtes Objekt revitalisiert oder gerettet wird oder ob es weiter verfällt.“
Damit richtet sich der Blick nicht nur auf die deutsch-polnischen Beziehungen auf staatlicher Ebene. Entscheidend seien auch jene Menschen und Institutionen vor Ort, die über die Zukunft konkreter Gebäude, Denkmäler und Erinnerungsorte entscheiden.
Oberschlesisches Landesmuseum als strategischer Partner
Den internationalen Anspruch des Kongresses unterstreicht auch die Wahl des strategischen Partners: das Oberschlesische Landesmuseum in Ratingen.
Die Einrichtung beschäftigt sich seit Jahren mit der Dokumentation, Erforschung und Vermittlung der Geschichte und Kultur Oberschlesiens. Damit bringt sie eine Perspektive aus Deutschland in die Debatte ein, die zugleich eng mit der Region verbunden ist.
„Es ist ein Thema, das weiterer Diskussion bedarf, das einer Analyse bedarf und vor allem eines Dialogs zwischen den Gemeinschaften, zwischen den Völkern, aber auch zwischen den lokalen Akteuren.“
Rafał Bartek, Vorsitzender des Sejmiks der Woiwodschaft Oppeln, des VdG und der SKGD Oppeln
Zum Begleitprogramm des Kongresses gehört die Ausstellung „Das Kreuz im Schatten der Diktatur – Katholische Kirche in Oberschlesien zur Zeit des Nationalsozialismus und Kommunismus“.
Die Ausstellung beschäftigt sich auf 15 Tafeln mit der Verfolgung der katholischen Kirche in Oberschlesien während der Zeit des Nationalsozialismus und des Kommunismus. Erarbeitet wurde sie vom Direktor des Oberschlesischen Landesmuseums, Dr. David Skrabania.
Kann Oberschlesien zum Beispiel für andere Regionen werden?
Die Organisatoren verstehen den Kongress ausdrücklich nicht nur als regionale Veranstaltung. Oberschlesien könnte aufgrund seiner komplexen Geschichte und seines vielfältigen kulturellen Erbes auch für andere europäische Regionen von Interesse sein.

Der Kongress soll darüber diskutieren, wie historische Zeugnisse in einer multikulturellen Region verantwortungsvoll bewahrt werden können.
Foto: Adam Liszka
Ziel der Diskussion ist es daher auch, einen beispielhaften Umgang mit Kulturerbe in einer multikulturellen Region zu entwickeln und Erfahrungen aus Oberschlesien für andere Regionen Europas nutzbar zu machen.
Die zentrale Frage lautet damit nicht nur, wie Oberschlesien mit seiner Vergangenheit umgehen soll. Es geht auch darum, welche Ansätze sich entwickeln lassen, wenn unterschiedliche historische Perspektiven nebeneinander bestehen und gemeinsam betrachtet werden.
Die Schlesischen Regionalpolitiker wollen damit eine internationale Diskussion über Erinnerungskultur, Denkmalpflege und die Verantwortung für das kulturelle Erbe anstoßen.
Teilnahme am Kongress
Der II. Kongress der Schlesischen Regionalpolitiker findet am 16. September 2026 in Oppeln statt. Interessierte können sich über die Internetseite des Kongresses anmelden. Dort finden sich auch weitere Informationen zum Programm und zu den Teilnehmern.