Wallfahrt

Wenn in Albendorf die Geschichte lebendig wird

11 August 2026, 18:00 Kirche

Albendorf (Wambierzyce). Es ist ein Ort, der atmet – Geschichte, Glaube und eine tiefe Verbundenheit zur niederschlesischen Heimat. Am Sonntag, dem 9. August 2026, füllte sich die prachtvolle Basilika „Mariä Heimsuchung“ in Albendorf erneut mit Pilgern, die weit mehr als nur ein Gebet im Gepäck hatten. Unter ihnen: Leopold Stempowski und der Chor „Freundschaft“ der Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaft (DSKG) Waldenburg, für die dieser Weg eine Herzensangelegenheit ist.

Eine Brücke über achtzig Jahre

Für Leopold Stempowski ist die Wallfahrt nach Albendorf ein fester Ankerpunkt im Jahr. „Es macht uns erstens eine sehr große Freude, zweitens ist es eine weitere Führung der Geschichte“, erklärt er. Besonders bewegend ist die familiäre Kontinuität: Seine Mutter, Doris Stempowski, ist bereits seit mindestens 70 bis 80 Jahren als Pilgerin dabei. Schon als Kind, noch während der Kriegszeit, kam sie hierher.

Diese Tradition überdauerte den Krieg, die harten Nachkriegsjahre und fand nach 1989 eine neue Form in der Arbeit der deutschen Minderheit. Der Chor der DSKG Waldenburg „Freundschaft“, 1992 gegründet, ist heute die musikalische Seele dieser Wallfahrt. „Wir machen das sehr, sehr gerne“, so Leopold. „Auf diese Messe wird das ganze Jahr über gewartet.“

Musikalische Gebete: Von Mozart bis Reimann

Die musikalische Gestaltung lag in den Händen des Chores „Freundschaft“. Trotz der Abwesenheit ihrer Dirigentin lieferte der Chor eine beeindruckende Leistung ab. Begleitet wurden sie auch von Karolina Świerczek und ihrem Vater Waldemar Świerczek vom DFK Schlesien. Die Vorbereitung war dabei so spontan wie herzlich: „Sie kamen mit dem Bus aus Ratibor, haben hinten in der Kirche schnell die Orgel aufgebaut und wir haben noch einmal alles durchgesungen“, berichtet Stempowski.

Mit Herz und Stimme: Der Chor ‚Freundschaft’ der DSKG Waldenburg bei der musikalischen Gestaltung der Wallfahrtsmesse. Begleitet wurden sie von Waldemar Świerczek (hinten links) vom DFK Schlesien. Foto: VdG

Das Programm war eine sorgfältige Auswahl geistlicher Werke:

  • Eröffnung: „Es blüht der Blumen eine“
  • Höhepunkte: Das „Ave Maria“ von Ignaz Reimann sowie das zeitlose „Dona Nobis Pacem“.
  • Kommunion: Mozarts „Ave Verum“ und das „Ave Maria“ (Gounod/Bach).
  • Abschluss: Das kraftvolle „Jesus, dir lebe ich“.

Besondere Bedeutung kam dem „Dona nobis pacem“ (Gib uns Frieden) zu. Dieser dreistimmige Kanon, dessen Melodie über Generationen mündlich überliefert wurde, ist weit mehr als ein Kirchenlied. Als Ruf nach Frieden war er besonders während der Zeit der deutschen Wiedervereinigung ein wichtiges Symbol und passte perfekt in die feierliche Atmosphäre der Basilika.

Ein Kind der Heimat: Bischof Joachim Reinelt

Die feierliche Messe wurde in Konzelebration von , Pfarrer Daniel Nowak und dem emeritierten Bischof von Dresden-Meißen, Joachim Reinelt, zelebriert.

Feierliche Konzelebration: In der Mitte der emeritierte Bischof von Dresden-Meißen, Joachim Reinelt, der in Niederschlesien geboren wurde, gemeinsam mit Pater Marian Arnd und Pfarrer Daniel Nowak.
Foto: VdG

Für Bischof Reinelt war die Wallfahrt auch eine Rückkehr zu seinen Wurzeln: Er wurde 1936 in Neurode (Nowa Ruda) in Niederschlesien geboren. Nach der Vertreibung 1945 wurde er in Sachsen zu einer wichtigen Stimme der Kirche und später als „Wegbereiter der Freiheit“ im Herbst 1989 mit der Sächsischen Verfassungsmedaille geehrt. Seine Anwesenheit unterstrich die tiefe Verbindung zwischen den Menschen in Sachsen und ihrer schlesischen Ur-Heimat.

Die Wallfahrt 2026 war mehr als ein religiöses Ritual. Sie war ein Fest der Begegnung, bei dem die Gläubigen zeigten, dass Heimat kein Ort der Vergangenheit ist, sondern ein Lied, das man gemeinsam in die Zukunft trägt.

Ignaz Reimann: Der Genius loci von Albendorf

Ein Name fiel an diesem Tag immer wieder: Ignaz Reimann (1820–1885). Er ist der wohl berühmteste Sohn Albendorfs. Direkt gegenüber der Basilika steht sein Geburtshaus, an dem eine Messingtafel an den großen Kirchenmusiker erinnert.

Ein Ort voller Geschichte: Die Pilger in der Basilika Mariä Heimsuchung.
Foto: VdG

Reimann war ein Phänomen seiner Zeit. Bereits mit zehn Jahren vertrat er seinen Lehrer an der Orgel. In seinem späteren Wirken als Kantor in Rengersdorf schuf er über 800 Kompositionen. Sein Ziel war es, „singbare“ Werke zu schaffen, die eine Brücke zwischen der hohen Kunst und der Volkstümlichkeit schlugen.

Oberschlesier pilgerten zum 72. Mal nach Altötting
Heimat im Herzen

Oberschlesier pilgerten zum 72. Mal nach Altötting

Mehr lesen →
Eine Wallfahrt, die Generationen und Nationen verbindet
Nationale und ethnische Minderheiten auf dem St. Annaberg

Eine Wallfahrt, die Generationen und Nationen verbindet

Mehr lesen →

Sein bekanntestes Werk ist die Christkindlmesse (Pastoralmesse in C-Dur), die bis heute weltweit zur Weihnachtszeit erklingt. Dass der Chor „Freundschaft“ sein „Ave Maria“ genau an seinem Geburtsort sang, verlieh der Wallfahrt eine ganz besondere Note. Das Erbe Reimanns wird zudem seit 2002 durch ein eigenes internationales Ignatz-Reimann-Festival in Albendorf gepflegt (Międzynarodowy Festiwal im. Ignaza Reimanna) das Chöre aus Polen, Deutschland und Tschechien vereint.

Teilen:
Musikalisches Treffen mit Liedern, die der deutschen Minderheit am Herzen liegen
vorheriger Artikel

Musikalisches Treffen mit Liedern, die der deutschen Minderheit am Herzen liegen

Sommerfest beim BJDM
nächster Artikel

Sommerfest beim BJDM

Werbung

Ansichtssache

Neues Wochenblatt - Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.