Hunderte Gläubige, Vertreter nationaler und ethnischer Minderheiten, Geistliche, Kommunalpolitiker sowie Gäste aus Polen und Deutschland nahmen am vergangenen Sonntag an der traditionellen Wallfahrt der nationalen und ethnischen Minderheiten auf dem St. Annaberg teil. Die diesjährige Wallfahrt stand unter dem Leitwort: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.“
Höhepunkt der Wallfahrt war die feierliche Heilige Messe, die vom Oppelner Bischof Andrzej Czaja zelebriert wurde. In seiner zweisprachigen Predigt erinnerte der Hierarch daran, dass Gott vom Menschen nicht in erster Linie äußere religiöse Gesten, sondern einen lebendigen Glauben und Barmherzigkeit im täglichen Miteinander erwartet.
„Ohne Barmherzigkeit, ohne ein liebendes Herz finden wir kein Wohlgefallen bei Gott. Ohne Barmherzigkeit ist es nicht möglich, das Gebot Jesu von der gegenseitigen Liebe zu verwirklichen“, betonte Bischof Czaja. Er wies darauf hin, dass dort, wo Verständnis, Sensibilität und Mitgefühl fehlen, auch Engagement und das Wachstum von Gemeinschaften verloren gehen.

Die Wallfahrt der nationalen und ethnischen Minderheiten verbindet Generationen und Nationen.
Foto: Anna Durecka
Der Bischof nahm zudem Bezug auf den 35. Jahrestag der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit. Er erinnerte daran, dass dieses Dokument dazu verpflichtet, die gegenseitigen Beziehungen im Geist der Versöhnung, des Respekts und des Friedens zu gestalten, und nationale Minderheiten als natürliche Brücke zwischen den Völkern anerkennt.
Glaube, Sprache und Gemeinschaft
Auch der Vorsitzende des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG), Rafał Bartek, ging auf das Jubiläum des Vertrages ein. Er betonte, dass die Wallfahrt auf den St. Annaberg für die Deutschen in Schlesien weit mehr sei als nur eine religiöse Veranstaltung.
„Ich bin immer hier, seit unvordenklichen Zeiten, eigentlich seit dem ersten Mal. Und ich sitze immer unter demselben Baum. Alle meine Freunde wissen, wo sie mich finden können.“
Rosemarie Kerner
„Sie ist ein Zeugnis dafür, wie eng wir mit unseren Werten, Traditionen und unserer Sprache verbunden sind. Das gemeinsame Gebet in polnischer und deutscher Sprache zeigt, dass die Bestimmungen des Vertrages nicht nur Worte auf Papier sind, sondern gelebte Wirklichkeit“, sagte er.
Wie er hervorhob, liege die Verantwortung für den Erhalt von Sprache, Kultur und Tradition heute vor allem bei den Angehörigen der Minderheit selbst sowie bei der jungen Generation, die dieses Erbe weitertragen müsse.
„Seit Ewigkeit“
Für viele Teilnehmer gehört die Wallfahrt fest zum Jahreskalender. Das zeigt die Geschichte von Rosemarie Kerner, die seit Jahrzehnten auf den St. Annaberg kommt.
„Ich bin immer hier, seit unvordenklichen Zeiten, eigentlich seit dem ersten Mal. Und ich sitze immer unter demselben Baum. Alle meine Freunde wissen, wo sie mich finden können“, sagt sie lachend.
Auf die Frage, was sie an der Wallfahrt besonders schätzt, antwortet sie ohne zu zögern:
„Diese große Gemeinschaft. Die Feierlichkeiten sind wunderschön, und die Predigten geben den Menschen immer eine Orientierung für ihren weiteren Weg.“
Von München auf den St. Annaberg
Seit mehr als zwei Jahrzehnten nimmt auch Norbert Gröner an der Wallfahrt teil. „Ich komme jedes Jahr als Mitglied der Delegation aus München, aber auch aus Nürnberg und Würzburg. Früher kam ein ganzer Bus mit etwa sechzig Personen. Heute sind wir nur noch eine Delegation, weil die Menschen älter werden und nicht jeder eine solche Reise unternehmen kann“, erzählt er.

Pilger aus München reisen seit Jahren regelmäßig zum St. Annaberg. (Im Bild: Botschafter Miguel Berger und Konsul Peter Herr mit Vertretern der Landsmannschaft der Oberschlesier, Kreisgruppe München).
Foto: Anna Durecka
Dennoch werde die Tradition weiter gepflegt. „Die Jüngeren kommen mit Privatautos. Wir haben immer unsere Fahnen und das Pilgerkreuz dabei und nehmen an dieser Messe auf unserem Heiligen Berg teil.“
Der aus Gleiwitz stammende Gröner betont seine enge Verbundenheit mit der Heimat.
„Hier habe ich glückliche Jahre meiner Jugend verbracht. Deshalb komme ich immer wieder gerne zurück.“ Für ihn bedeutet die Wallfahrt weit mehr als gemeinsames Beten. „Wir treffen hier Menschen, beten gemeinsam und geben weiter, was wir selbst erfahren haben. Das gibt Zufriedenheit. Man ist stolz, hier sein zu dürfen.“
Europa lebt von seiner Vielfalt
An den Feierlichkeiten nahm auch der deutsche Botschafter in Polen, Miguel Berger, teil. In seiner Ansprache hob er die Bedeutung des St. Annabergs als Ort der Begegnung verschiedener Kulturen, Sprachen und Nationalitäten hervor.
„Dieser Ort ist weit mehr als ein spirituelles Zentrum Schlesiens. Er ist ein lebendiger Raum der Begegnung verschiedener Nationalitäten, Sprachen und Kulturen“, sagte Berger.

Der St. Annaberg bleibt ein Symbol für Gemeinschaft und Versöhnung.
Foto: Anna Durecka
Besonders betonte der Botschafter die Rolle der Muttersprache für die Identität eines Menschen.
„Sprache ist der Klang des Herzens. Sie ist die Sprache, in der wir fühlen und denken.“
Mit Blick auf das Jubiläum des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages erinnerte er daran, welch langen Weg beide Nationen seit der Nachkriegszeit zurückgelegt haben.
„Heute sind wir Partner, Freunde und Verbündete, die gemeinsam den Herausforderungen unserer Zeit begegnen und die Zukunft Europas mitgestalten.“
Zum Abschluss der Heiligen Messe verabschiedete sich der langjährige Seelsorger der nationalen und ethnischen Minderheiten, Pfarrer Dr. Peter Tarlinski, von den Pilgern. Für seinen fünfzehnjährigen Dienst dankten ihm Bischof Andrzej Czaja sowie VdG-Vorsitzender Rafał Bartek.
Die diesjährige Wallfahrt zeigte erneut, dass der St. Annaberg ein Ort bleibt, an dem Glaube, Erinnerung, Sprache und Kultur zusammenkommen. Für viele Teilnehmer ist sie nicht nur ein jährliches religiöses Ereignis, sondern auch ein wichtiges Zeugnis einer Gemeinschaft, die trotz der vergangenen Jahre ihre Wurzeln bewahrt und Brücken zwischen den Menschen baut.