Wenn vor dem Gottesdienst in Maria Hilf die Glocken läuten, hört Martin Ott darin mehr als nur Kirchengeläut. Eine der Glocken ist mit seiner eigenen Familiengeschichte verbunden. Ott ist der Neffe von Pfarrer Adolf Schrenk, der maßgeblich am Wiederaufbau der Kirche bei Zlaté Hory, dem deutschen Zuckmantel, beteiligt war.
„Und ich muss schon sagen, mir tut es sehr gut, wenn ich hier vor dem Gottesdienst das Geläut höre“, erzählt Ott.
Die Geschichte dieses Ortes kennt er vor allem aus den Erzählungen seines Onkels. Besonders die Sprengung der alten Kirche hat ihn beschäftigt. „Wie kommt ein Mensch dazu, wie kommt ein System dazu, die eigentliche Kultur und Religion buchstäblich in die Luft zu sprengen?“, fragt er rückblickend.
Bei der traditionellen Wallfahrt der Nationen kamen am Samstag, dem 19. September, Gläubige aus Polen, Deutschland und Tschechien in Maria Hilf zusammen. Die Messe zelebrierten Bischof Martin David aus dem Bistum Ostrau-Troppau und Bischof Rudolf Pierskała aus Oppeln. Der Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) organisierte eine Busfahrt. Zwei Busse waren voll.
Für Ott ist der Ort eng mit der Geschichte seines Onkels verbunden. Auch in den Jahrzehnten, in denen Reisen über die Grenze schwierig waren, blieb Adolf Schrenk seiner Heimat verbunden. Nach der politischen Wende Ende der 1980er-Jahre entstand schließlich die Möglichkeit, aus dem Schutthaufen wieder eine Kirche zu machen. Ott berichtet, sein Onkel habe dafür rund 800.000 Euro Spenden aus dem deutschen Raum gesammelt.

Gläubige aus Polen, Deutschland und Tschechien beteten und sangen bei der Wallfahrt der Nationen gemeinsam in drei Sprachen.
Foto: Stefani Koprek-Golomb
Dann fehlte noch das Geld für die Glocke. Ott, der seit Jahren Benefizkonzerte zur Weihnachtszeit veranstaltete, versprach seinem Onkel, eine Glocke zu finanzieren.
„Du, pass mal auf, du bestellst eine Glocke und wir bezahlen sie“, habe er ihm gesagt.
Schließlich fanden sich weitere Spender, sodass bei der Glockenweihe vier Glocken vorhanden waren.
Begegnungen, aus denen Brücken werden
Andere Teilnehmer bringen andere Geschichten mit. Bernhard Jungnitz, Vorsitzender des Heimatwerkes schlesischer Katholiken (1959 von den Katholischen Schlesiern aus dem Erzbistum Breslau gegründet), lebt in Holzwickede bei Dortmund. Seine Verbindung zu Schlesien führt über seine Eltern. 1989 besuchte er erstmals deren Heimat. 1995 fasste er den Entschluss, „dort, wo die elterlichen Wurzeln sind“, wieder zu Hause zu sein.
Zur Wallfahrt nach Zuckmantel kommt er nicht zum ersten Mal. Was ihn besonders interessiert, ist die internationale Atmosphäre. In der Predigt ging es auch darum, Brücken zu bauen. Eine solche Brücke erlebte Jungnitz an diesem Tag unmittelbar: Er kam mit einem Mann ins Gespräch, der sich als Bürgermeister von Hindenburg vorstellte.
„Und das ist doch interessant, wenn Menschen, die spontan sich begegnen, miteinander reden, und da ist schon eine Brücke.“

Gemeinsam bei der Wallfahrt der Nationen in Maria Hilf bei Zuckmantel: Geistliche aus Polen, Deutschland und Tschechien kamen zu dem Gottesdienst zusammen.
Foto: Stefani Koprek-Golomb
„Bisschen näher bei Gott“
Auch Wolfgang Chrobok vom DFK-Vorstand im Kreis Ratibor ist seit vielen Jahren mit Maria Hilf verbunden. „Ich bin seit über 20 Jahren hier, jedes Jahr.“
Sein erster Besuch war noch keine große Wallfahrt. Gemeinsam mit seiner Frau suchte er die Kirche, nachdem sie von dem Ort gehört hatten. In der Stadt erfuhren sie, dass Maria Hilf im Wald liegt. Sie suchten und fanden sie. Bei der Heiligen Messe waren damals nur zwei oder drei Personen.
Heute ist der Ort für Chrobok längst vertraut. „Hier sind wir in den Bergen, bisschen näher bei Gott“, sagt er.
Gebetet wurde bei der Wallfahrt unter anderem um Gottes Segen, Gesundheit, inneren Frieden und Frieden zwischen den Völkern. Pfarrer Dr. habil. Andrzej Anderwald, Seelsorger der Nationalen und Ethnischen Minderheiten, nennt diese Anliegen als zentrale Intention des Tages. Eingeschlossen wurden auch die Verstorbenen und jene Menschen, die wegen ihres Alters oder einer Krankheit nicht mehr selbst nach Maria Hilf kommen können.

Zahlreiche Pilger versammelten sich auf dem Kirchenplatz vor Maria Hilf bei Zuckmantel und feierten gemeinsam die Messe der Wallfahrt der Nationen.
Foto: Stefani Koprek-Golomb
So treffen an diesem Ort unterschiedliche persönliche Geschichten aufeinander: die Erinnerung an eine zerstörte und wiederaufgebaute Kirche, familiäre Wurzeln in Schlesien, mehr als zwei Jahrzehnte persönlicher Verbundenheit. Die Wallfahrt lebt dabei nicht nur von ihrer Geschichte, sondern von den Menschen, die jedes Jahr wiederkommen.
Nächster Halt: Trebnitz
Für diejenigen, die diese Form der Begegnung fortsetzen möchten, gibt es bereits die nächste Möglichkeit: Der VdG organisiert auch eine Busfahrt zur Wallfahrt nach Trebnitz zur Heiligen Hedwig am 7. November 2026.
Ein Bus ist bereits voll, für den zweiten Bus wird derzeit eine Liste gesammelt. Interessierte können sich unter +48 77 454 78 78 oder per E-Mail an biuro@vdg.pl melden.