Seit einigen Tagen brodelt es in Deutschland wegen eines weiteren Rettungsplans, der die Rentabilität von Volkswagen verbessern soll. Die Situation ist nicht einfach, obwohl in den letzten drei Jahren eine bedeutende Neuorganisation in allen Marken und Gesellschaften des mächtigen Konzerns aus Wolfsburg durchgeführt wurde. Nach Ansicht der Volkswagen-Führung sind die trotz der erzielten Fortschritte bislang geplanten Kostensenkungen im Rahmen der vereinbarten Programme im gegenwärtigen wirtschaftlichen und geopolitischen Umfeld nicht ausreichend. Daher muss das Geschäftsmodell des Konzerns grundlegend geändert und es müssen dauerhafte Verbesserungen vorgenommen werden.
Die nächste Transformationsphase sieht eine erhebliche Vereinfachung des Angebots vor, sowohl in Bezug auf die Anzahl der Modelle als auch auf die Ausstattungsvarianten. Die Modellpalette wird auf die profitabelsten Marktsegmente konzentriert und möglicherweise um die Hälfte reduziert. Die Angebotskomplexität, d. h. die Anzahl der Ausstattungsoptionen, soll um bis zu 75 Prozent sinken. Dies wird es ermöglichen, die Investitionen auf Schlüsseltechnologien und Produkte zu konzentrieren. Außerdem sollen Investitionen ausschließlich auf Produkte und Technologien gelenkt werden, die für die Kunden am attraktivsten sind und der Gruppe den größtmöglichen Gewinn bringen. Die Strategie spricht von der Konzentration auf den Sektor „automotive core“.
Deutlich weniger Autos
Der Volkswagen-Konzern passt seit Längerem seine Produktionskapazitäten an die sinkende Nachfrage und den wachsenden Wettbewerb an. Ziel ist es, dass die Gruppe künftig 9 Millionen Fahrzeuge pro Jahr produziert – deutlich weniger als vor der Pandemie, als man eine Produktion von bis zu 12 Millionen Autos jährlich anstrebte. Bereits jetzt wurden die Kapazitäten auf 10 Millionen Fahrzeuge begrenzt, und weitere Kürzungen sollen Fabriken in China und Europa betreffen.
Volkswagen ist der größte europäische Autohersteller, und es gab eine Zeit, in der der Konzern aus Wolfsburg sogar der größte Autohersteller der Welt war.
Bisher wurden keine Einzelheiten zu den zu schließenden Werken bekannt gegeben. Inoffiziell ist von vier Fabriken in Deutschland die Rede. Laut der Nachrichtenagentur Reuters könnten im Zuge des Umbaus bis zu 100.000 Menschen ihre Arbeit verlieren – doppelt so viele wie ursprünglich angenommen. Die Lage bei den Arbeitnehmern und Gewerkschaften wird zunehmend angespannter. Erinnert sei an dieser Stelle daran, dass Volkswagen der größte europäische Autohersteller ist, und es gab eine Zeit, in der der Konzern aus Wolfsburg sogar der größte Autohersteller der Welt war.
Fast 90 Jahre Geschichte
Das Unternehmen wurde 1937 gegründet, sodass im nächsten Jahr das 90-jährige Bestehen gefeiert wird: „Wir machen die Volkswagen Gruppe schneller, widerstandsfähiger und wettbewerbsfähiger – durch geringere Komplexität, fokussierte Technologien, noch stärkere Abstimmung von Produkten, Entwicklungsstrategie und Produktion auf die regionalen Märkte, den Abbau von Überkapazitäten, ein bereinigtes Beteiligungsportfolio und deutlich schlankere Strukturen. So schaffen wir die Voraussetzungen für nachhaltigen Erfolg in einem immer anspruchsvolleren Umfeld“, fasste Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen Gruppe, nach der Vorstellung des Zukunftsplans zusammen.

Altes Heizkraftwerk, Wolfsburg VW Fabrik
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Nicht jeder glaubt jedoch an solche Versicherungen. Die „Süddeutsche Zeitung“ bewertet beispielsweise, dass die Sparpläne, die die Konzernführung dem Aufsichtsrat vorgelegt habe, radikal seien und die zuvor kursierenden Szenarien sogar extrem.
Realitätsfern
Die „Süddeutsche Zeitung“ erinnert auch daran, dass von bis zu 100.000 gefährdeten Arbeitsplätzen die Rede war, und fragt zugleich, wie es zu einer solchen Situation kommen konnte. Ökonomen sind der Meinung, dass – entgegen dem, was manche jetzt andeuten – nicht nur inkompetente, überbezahlte und realitätsferne Manager schuld seien.

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Sie betonen außerdem, dass Volkswagen das Aufkommen der Elektroautos durchaus vorausgesehen und Maßnahmen ergriffen habe, um wettbewerbsfähig zu bleiben – schließlich verkaufte der Konzern im vergangenen Jahr fast eine Million Elektroautos. Das entsprach etwa jedem zehnten verkauften Fahrzeug.
Fehler, den Kurs nicht zu ändern
Das reicht jedoch nicht aus, um der Konkurrenz wirklich standzuhalten, und die „Süddeutsche Zeitung“ kommentiert die entstandene Situation wie folgt: „Der Konzern feierte lange Zeit enorme Erfolge mit Verbrennungsmotoren. Absurderweise galt das insbesondere für die Zeit, in der man bereits den Kurs hätte ändern müssen – vor allem in China, wo es heute die mit Abstand größten Probleme gibt. Diese Erfolge verhinderten jedoch, dass sich neue Lösungen entfalten konnten. Während der Volkswagen-Konzern hohe Gewinne erzielte, war er nicht darauf vorbereitet, dass die Konkurrenz im Bereich der Elektrofahrzeuge rasch eigenes Terrain eroberte. Heute sehen wir die Folgen.“ Dabei ist zu bedenken, dass der Wolfsburger Konzern schon oft in ernsten Schwierigkeiten steckte – ich erinnere an dieser Stelle nur an den Abgasskandal – und fast immer wieder auf die sprichwörtlichen vier Pfoten fiel. Hoffen wir, dass es diesmal ähnlich sein wird.