Am zweiten Sonntag im Juli zog zum zwanzigsten Mal der Autonomiemarsch durch die Straßen von Kattowitz, dessen Hauptorganisator die Bewegung für die Autonomie Schlesiens ist. Am Marsch nehmen Vertreter vieler schlesischer Regionalorganisationen sowie ausländische Gäste teil. Oftmals sind auch einzelne Mitglieder der lokalen deutschen Minderheit beim Marsch zugegen, und häufig werden auch wir als Gäste eingeladen, um als Vertreter des Vereins an der Veranstaltung teilzunehmen.
Ein paar Mal habe ich auf Einladung der Organisatoren daran teilgenommen und betont, dass die Deutsch-Schlesier eine bedeutende und wahrnehmbare nationale Gruppe in der Region darstellen.
Der Marsch findet zeitlich an einem Samstag um den 15. Juli herum statt, denn er soll an den Jahrestag der Verabschiedung des Organischen Statuts der Woiwodschaft Schlesien am 15. Juli 1920 erinnern. Dieses Statut trat 1922 in Kraft und wurde 1945 durch ein Dekret von Bierut aufgehoben. Damals wurden der Schlesische Sejm aufgelöst, sein Vermögen übernommen und ein zentrales Verwaltungssystem eingeführt.
„Eine einzige deutsche Fahne reichte aus, um statt eines Gesprächs über die schlesische Identität einen weiteren Streit über Symbole und Emotionen zu entfachen.“
Viele Jahre lang war das symbolische Motto des Marsches „Autonomie 2020“, eingeführt zur Erinnerung an den Jahrestag seiner Verabschiedung, aber auch zur Festlegung des Ziels, das in der Ausweitung der Formen der Dezentralisierung und regionalen Selbstverwaltung, nicht nur in Schlesien, bestehen sollte.
Von der Autonomie zur Identität
Während der letzten Märsche konzentrierte man sich darauf, die nationale Eigenständigkeit der autochthonen Bevölkerung zu betonen, indem man die Anerkennung der schlesischen Nationalität, die Anerkennung der schlesischen Sprache und die flächendeckende Einführung von Regionalkunde in den Schulen forderte.
Die letzten beiden Märsche entwickelten sich zu einer Veranstaltung mit Volksfestcharakter in Form eines Picknicks, bei dem sich die Teilnehmer mit ihren Familien, oft auch mit Kindern, bei Musik und Bewirtung treffen.
Der Marsch bewegte sich in einem Meer aus gold-blauen schlesischen Flaggen und den Farben auf der Kleidung vieler Teilnehmer durch die Straßen von Kattowitz. Es gab auch Menschen in Volkstrachten. Es wehten Flaggen anderer europäischer autonomer Regionen.
Es gab auch eine deutsche Fahne. Eine. Es kam vor, dass es bei früheren Märschen mehr solcher Flaggen gab. Sie riefen damals nicht solche Emotionen hervor.
Diesmal jedoch konzentrierte sich der Angriff nationalistischer und rechtsextremer Kreise auf diese eine Flagge.
In den Internetforen kochte es geradezu über vor einer Welle oft unflätiger, einseitiger Kommentare. Eine Welle von Hass und Verachtung ergoss sich, es erschienen Beiträge, die keinen Bezug zu den Fakten hatten, aber darauf abzielten, eine negative Bewertung des Marschverlaufs hervorzurufen und seine Teilnehmer zu kritisieren.
In den Kommentaren erschienen Aufrufe, mit der deutschen Option abzurechnen, Andeutungen über weitere Vertreibungen und sogar die Eröffnung von Lagern für Separatisten und ethnische Splittergruppen.

Foto: Bewegung für die Autonomie Schlesiens Myslowitz/Facebook
Bereits nach dem Marsch im letzten Jahr bezog sich Dr. Jerzy Gorzelik auf die Äußerungen von Kommentatoren, die behaupteten, vorsichtig ausgedrückt, die Anwesenheit der deutschen Fahne beim Marsch in Schlesien sei ein Skandal. Wie er feststellte, ist in Schlesien die deutsche Minderheit präsent, in Deutschland gibt es Kreise der Vertriebenen aus Schlesien, und außerdem sei dies eine der Flaggen der Europäischen Union.
Aber diejenigen, die der Deutschlandfahne feindlich gesinnt sind, sind doch auch der EU feindlich gesinnt und würden sie gerne verlassen.
Zwischen Dialog und Konfrontation
Internetbeiträge und Beschimpfungen in den Foren sind jedoch nicht alles. Auf der Marschroute erschien eine kleine Gruppe von Gegendemonstranten, ausgestattet mit Bannern, auf denen Slogans zu lesen waren wie: „Tod den Feinden des Vaterlandes“, „Polnisches Schlesien“, und es waren auch vorbereitete Galgen zu sehen.
Um einen Moment auf dem Ring in Kattowitz zu stehen, kamen sie angeblich aus der Gegend von Wieliczka und Tarnów angereist. Ein kurioses Banner trug den Slogan: „An den Bäumen statt Blättern werden Kommunisten hängen“. Sicherlich muss sein Autor über beträchtliche Kenntnisse bezüglich der Verdienste der Kommunisten verfügen, z. B. im Lager Zgoda. Aber dann hätte sein Platz eigentlich unter den Marschteilnehmern sein sollen und nicht beim Gegenprotest.
Dazu fotografierten sie akribisch und ostentativ die Marschierenden, zu einem nur ihnen bekannten Zweck.
Diese Umstände wurden natürlich von Politikern der extremen Rechten für ihre politischen Zwecke genutzt, wie es bereits in der Vergangenheit geschehen war.
Auf ihren Profilen erschienen Beiträge voller Empörung über die durchgeführte Veranstaltung und mit Andeutungen über angebliche Versuche, Schlesien abzutrennen, wobei sie gleichzeitig völlige Unkenntnis über die Geschichte und Identität dieses multikulturellen Gebietes des heutigen Polen offenbarten.
In den Beiträgen, die sich auf den Marsch beziehen, erscheinen auch solche, die das Recht auf die Verwendung der regionalen Sprache in Schlesien negieren. Bekanntlich ist die Anerkennung des Schlesischen als Regionalsprache im heutigen Schlesien für viele Organisationen und Personen, die in diese Aktivitäten eingebunden sind, zur Priorität geworden. Seit Jahrzehnten wird auch die Frage der Nationalität und Ethnizität aufgeworfen.
Es finden viele Debatten und Konferenzen statt. Derzeit wird die Angelegenheit auf die internationale Bühne gebracht, mit dem Bestreben, die schlesische Sprache in die Liste des immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes aufzunehmen. Solche Bemühungen werden seit Jahren im Rahmen von Diskussionen, Appellen und wissenschaftlichen Treffen unternommen. Nie in Form von Konflikt oder Aggression.
Die jüngsten Ereignisse könnten jedoch darauf hindeuten, dass extreme Kreise eine Verschärfung der Situation und eine Konfliktverschärfung in der Gesellschaft anstreben werden. Wir beobachten immer häufiger Aktionen, die darauf abzielen, den sozialen Frieden zu erschüttern.
Galgen auf Bannern sind aussagekräftig. Paramilitärische Gruppen in Pseudouniformen ebenfalls. Es wird versucht, Diplomatie und Dialog durch Gewalt zu ersetzen.
Man darf dem nicht tatenlos zusehen. Man muss reagieren, aber auch von den Behörden eine Reaktion einfordern, solange diese Behörden noch Einfluss auf die öffentliche Sicherheit haben.