12. Sonntag im Jahreskreis
1. Lesung: Jer 20,10–13
2. Lesung: Röm 5,12–15
Evangelium: Mt 10,26–33
Nach dem katholischen liturgischen Kalender wird am 12. Sonntag im Jahreskreis ein Abschnitt aus dem Evangelium nach Matthäus gelesen. Er enthält die oft wiederholte Aufforderung Jesu: „Fürchtet euch nicht!“ sowie die Mahnung: „Fürchtet euch!“ Wie ist das in der heutigen Welt zu verstehen? Wovor soll man sich nicht fürchten, und wovor man sich in Acht nehmen sollte, weil es wirklich gefährlich ist?
Die Gefahren für die Jünger Jesu
Die Erfahrung von Bedrohung ist uns nicht fremd. Davon zeugt auch der reiche Wortschatz, mit dem wir unsere inneren Zustände angesichts einer drohenden Gefahr ausdrücken. Begriffe wie Angst, Furcht, Besorgnis, Sorge, Unruhe, Bekümmernis, Unsicherheit, Bangigkeit, Entsetzen, Grauen oder Panik beschreiben, was sich in unserem Denken und in unseren Herzen abspielt.
Der Evangelist Matthäus beruhigt und tröstet die Jünger Jesu in der sogenannten Missionsrede mit den Worten: „Fürchtet euch nicht!“ Was bedrohte die Jünger, dass sie voller Sorgen und Unsicherheit waren?
In einer Welt voller Unsicherheit bleibt der Glaube die Kraft, die Angst überwindet und Hoffnung schenkt.
Die Menschen, unter denen die ersten Christen lebten, standen ihnen nicht immer wohlwollend gegenüber. Die Jünger Jesu erfuhren Ablehnung, Anklagen und falsche Urteile, unbegründete Kritik, Spott und Verachtung, Beschimpfungen und Gewalt. Eine große Gefahr für die an Christus Glaubenden waren Verfolgung, Gefängnis, Folter, Martyrium und der Tod. Deshalb richtet sich Jesus an die Verängstigten mit den Worten: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können.“ Es gibt Werte, die man nicht zerstören, beseitigen oder vernichten kann. Dazu gehört das ewige, geistige und unvergängliche Leben. Es beginnt auf Erden und dauert in Ewigkeit an.
Wovor man sich fürchten sollte
Jesus spricht von einer Gefahr, die unumkehrbar ist und die die völlige Vernichtung des Menschen, seiner Seele und seines Leibes bedeutet. Die Einheitsübersetzung gibt die Worte Jesu folgendermaßen wieder: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können. Fürchtet vielmehr den, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann.“
Das im griechischen Text vorkommende Wort psychēn bedeutet Seele und Leben. Es weist darauf hin, dass der Mensch ein geistiges Wesen ist. Dadurch unterscheidet er sich grundlegend von der übrigen Schöpfung. Der Begriff „Hölle“ gibt das griechische Wort Gehenna wieder. Interessanterweise bezieht sich Jesus hier auf das Hinnomtal (Gehinnom), das außerhalb der Stadtgrenzen Jerusalems lag und ursprünglich als Müllhalde diente. Es war auch ein Ort der Verbrennung von Leichen von Verbrechern sowie von Menschen, denen ein reguläres Begräbnis verweigert wurde. Man sollte sich daher vor der völligen Verwerfung, Ausgrenzung, Verlorenheit und Vernichtung angesichts der ewigen Strafe fürchten – ähnlich wie auf der Müllhalde von Gehenna.
Christen heute – ohne Furcht?
Die Worte Jesu sind auch eine Ermutigung für die Christen unserer Zeit und für alle Menschen guten Willens, denn an Gründen zur Sorge um die eigene Sicherheit mangelt es auch heute nicht. In einigen Ländern des Nahen Ostens, Afrikas und Asiens leiden die Anhänger Christi wegen ihres Glaubens. Dort werden Gläubige ihrer grundlegenden Rechte beraubt, gezwungen, ihre Häuser zu verlassen, ins Gefängnis geworfen und sogar getötet.
In vielen westlichen Gesellschaften sehen sich Christen kulturellem Druck, gesellschaftlicher Ausgrenzung oder Versuchen ausgesetzt, ihr Recht auf die öffentliche Ausübung und Bekundung ihres Glaubens einzuschränken. In den Medien werden Fehler, Sünden und Verbrechen einzelner Christen hervorgehoben und öffentlich verbreitet – mit der unterschwelligen Behauptung, alle Christen würden so handeln. Die Zahl derjenigen wächst, die sich über das Christentum äußern, ohne die Bibel, die Geschichte der Kirche, ihre Lehre und ihren Dienst zu kennen, der Tag für Tag ohne großes Aufsehen geleistet wird.
Diese Erfahrungen sind zwar nicht mit dem Martyrium der ersten Christen vergleichbar, verlangen aber ebenfalls Mut und Treue zum Evangelium. Deshalb mahnt Christus: „Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.“
Auch wenn Jesus hier nicht ausdrücklich von der Gehenna spricht, macht er doch deutlich, dass das Leben des Menschen letztlich zwischen Vernichtung und Hölle einerseits sowie Erlösung und Himmel andererseits verläuft. Es lohnt sich, darüber nachzudenken – besser jetzt als zu spät.