Die Glosse

Stromausfall

13 Juni 2026, 17:00 Kolumne

Die besten Abende meiner Kindheit waren jene, an denen es keinen Strom gab. Die Dunkelheit setzte plötzlich allem Tun ein Ende. Der schlesische Fleiß musste ruhen. Der Stromausfall war wohl die einzige akzeptable Rechtfertigung für dieses dekadente Nichtstun. Es fühlte sich an wie eine ungeplante Feier, etwas, das es in einem ordentlichen schlesischen Haushalt eigentlich nicht geben dürfte.

Das spärliche Licht der Kerzen brachte alle eng zusammen. Wir saßen dann oft in der Küche und lauschten den Geschichten unserer Großmütter, Großväter, Tanten und Onkel. Nicht alle waren sie jugendfrei. Wir versteckten uns unter dem Tisch in der Hoffnung, vergessen zu werden, um so auch die pikantesten bis zum Ende mithören zu können. Stromausfall war der schönste Ausnahmezustand.

Das spärliche Licht der Kerzen brachte alle eng zusammen.
Foto: Claudio Schwarz/Unsplash

Eine dieser Geschichten ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, obwohl sie streng genommen überhaupt nichts Besonderes hat. Und genau das macht sie vielleicht erzählenswert. Stellt euch einfach vor, der Strom wäre ausgefallen. Es geht los:

Zwei alte Jungfern, Schwestern, lebten gemeinsam in einem Haus. Frieda und Trautel waren so arm gewesen, dass sie sich nur ein Fahrrad teilen konnten. Beide waren jedoch äußerst fromm und gingen täglich in die Kirche. Damit das Fahrrad nicht zum Streitobjekt wurde, entwickelten sie ein bemerkenswert effizientes System: Frieda fuhr mit dem Fahrrad voraus, Trautel lief hinterher. Auf halber Strecke wurde das Fahrrad von Frieda am Straßenrand „geparkt“ und der Staffelstab – pardon, das Fahrrad – an Trautel übergeben. Während also Frieda ihren Weg zu Fuß fortsetzte, fuhr Trautel die verbleibende Hälfte der Strecke mit dem Fahrrad zu Ende. So kamen beide schließlich nahezu gleichzeitig in der Kirche an.

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Die Geschichte von Frieda und Trautel und ihrem Fahrrad wäre in Vergessenheit geraten, wäre da nicht der Stromausfall. Schade, dass uns heute so selten solch stille Unterbrechungen geschenkt werden.

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