Wort zum Sonntag von Pfarrer Dr. habil. Peter Tarlinski

14 Juni 2026, 05:00 Kirche

11. Sonntag im Jahreskreis
1. Lesung: Ex 19,2–6a
2. Lesung: Röm 5,6–11
Evangelium: Mt 9,36 – 10,8

Wir lieben den Frühling nicht nur deshalb, weil die Natur zum Leben erwacht, die Tage länger werden und Blumen sowie Bäume in bunten Farben erblühen. Uns fasziniert auch das Grün, das sich von seiner zarten, hellen Frische allmählich in eine reife und satte Fülle verwandelt. Es könnte kaum anders sein. Bereits auf den ersten Seiten der Heiligen Schrift lesen wir im Buch Genesis (Gen 1,11) vom Schöpfungswillen Gottes: „Die Erde lasse junges Grün hervorsprießen.“ Es ist eine der ersten Offenbarungen seiner schöpferischen Macht. Obwohl die Farbe Grün in der Bibel nicht besonders hervorgehoben wird, ist sie doch unaufdringlich gegenwärtig und weist auf Wesentliches hin – auf Dinge, die für das Leben von großer Bedeutung sind.

Das Grün mit den Augen der Bibel

Das Grün spricht unter anderem von der Fürsorge Gottes für den Menschen:

„Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er stillt mein Verlangen“ (Ps 23,1–3).

Grüne Weiden sind im Land Israel keine Selbstverständlichkeit. Wenn Wiesen grün werden, dann deshalb, weil Gott ihnen Regen und Tau geschenkt hat. Alles, was grün ist, steht für Leben, für die kommende Ernte, für Sicherheit und ausreichende Nahrung – und damit auch für Zeiten des Friedens. Wenn der Psalmist vom Baum spricht, der an Wasserbächen gepflanzt ist und dessen Blätter nicht verwelken, dann denkt er an den gerechten Menschen. Ein Mensch, der in der Gerechtigkeit lebt, bleibt standhaft im Glauben, bewahrt seine geistliche Lebenskraft, steht unter Gottes Segen und vergeht nicht. Das grüne Gras wächst schnell, doch ebenso rasch verdorrt es wieder. Deshalb ist der Mensch berufen, aus tieferen Wurzeln zu leben: beständig, geistlich stark und unerschütterlich zu sein und Frucht zu bringen zu seiner Zeit. Als Jesus die Brote vermehrte, ließen sich die vielen Menschen auf dem grünen Gras nieder. Christus sorgt als der Gute Hirte für seine Herde. Er schenkt ihr neue Nahrung und kündigt zugleich die messianische Zeit an – das große Fest Gottes, die Fülle des Lebens und die Freude des ewigen Mahles.

Das Grün vor der Ernte

Auch das heutige Evangelium spricht nicht ausdrücklich vom Grün. Und doch stehen im Hintergrund grüne Weiden, Felder mit aufgehendem Saatgut und die stille Erwartung der kommenden Ernte. Christus verwendet das Bild der Ernte. Er sagt: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter.“

Diese Ernte sind die Menschen, die der Evangelist Matthäus beschreibt als „Schafe, die keinen Hirten haben“. Es sind Menschen, die müde und erschöpft sind, belastet und orientierungslos, ihrer Kraft beraubt und ohne Führung. Menschen, die leiden, verwundet wurden, niedergeworfen und sich selbst überlassen sind. Als Jesus die vielen Menschen sah, wurde sein Herz tief bewegt. Er blieb nicht gleichgültig. Mitleid ergriff ihn. Er litt mit ihnen und suchte einen Ausweg aus ihrer Not.

Seine Antwort überrascht. Er beklagt nicht die Größe der Ernte und auch nicht die Not der Menschen. Stattdessen sagt er: „Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden.“

Das Himmelreich – das Volk, das wiedergefunden wurde

Diese gequälten und verlassenen Menschen müssen gesammelt und zusammengeführt werden, so wie man zur Zeit der Ernte die Früchte in die Scheune bringt. Der barmherzige Blick Christi führt zur Berufung der Jünger und zu ihrer Aussendung, damit sie eine neue Gemeinschaft bilden und verkünden: „Das Himmelreich ist nahe.“ Das bedeutet: Gott ist unter den Menschen. Er ist ihnen nahe. Gott handelt, um den Menschen zu retten und ihn aus all seiner Not, Verlorenheit und Orientierungslosigkeit herauszuführen. Jetzt tut er dies in der Person Jesu, des Messias.

Wer zu diesem Reich gehören will, muss sich von seiner bisherigen, von Gott entfernten Denk- und Lebensweise abwenden und sein Vertrauen Christus schenken. Er ist der göttliche Hirte des neuen Israel, das zum Himmelreich berufen ist – jenem Reich, das Jesus gestiftet hat.

„Man bleibt nicht beim Grün stehen, sondern wächst durch das Grün hindurch zur Gemeinschaft mit Christus.“

Damit dieses Reich wachsen kann, müssen Menschen gesammelt, zusammengeführt und geeint werden. Man muss sie erreichen, ansprechen und in die Gemeinschaft Gottes rufen. Das ist die Sendung der Apostel und nach ihnen der Bischöfe, Priester und Diakone, der Missionare, der Ordensfrauen und Ordensmänner, der gläubigen Laien, der Eltern und Paten, der Verwandten, der früheren Generationen, der Katecheten, Lehrer und Erzieher – all jener, die selbst umgekehrt sind und ihren Platz bei Gott und in der Gemeinschaft der Kirche gefunden haben.

Das Grün wird zur Erfüllung

Das Grün ist ein Geschenk Gottes. In allem, was grün ist, wohnt Leben. Was grün wächst, reift heran und wird schließlich zur Nahrung für Menschen und Tiere.

Der geistliche Mensch gleicht dem Grün, das nicht verwelkt. Er bleibt lebendig. Von Gottes Geist erfüllt und im Glauben treu, baut er am Himmelreich mit – an jenem geschützten Raum, der den grünen Weiden gleicht, auf denen die Schafe unter den wachsamen Augen des guten Hirten sicher ruhen.

Wenn man von einem Menschen sagt, er sei „noch grün“, meint man oft seine Unreife. Doch in Wahrheit befindet er sich auf einem Weg des Wachstums. Er ist unterwegs zur Reife und zur Erfüllung. Wie eine Pflanze, die nicht verwelkt und nicht aufhört zu wachsen, strebt er beharrlich seinem Ziel entgegen.

So wird das Grün zum Zeichen einer Hoffnung, die ihrer Vollendung entgegengeht. Man bleibt nicht beim Grün stehen, sondern wächst durch das Grün hindurch zur Gemeinschaft mit Christus. In dieser Gemeinschaft entsteht zusammen mit anderen das, was Leben schenkt und Sicherheit gibt: die Kirche, das Himmelreich Gottes – schon jetzt auf Erden gegenwärtig und einst in seiner ewigen Fülle vollendet.

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