Glosse: Der obligatorische Gartenrundgang

25 April 2026, 17:00 Kolumne , Kultur 14

Der obligatorische Rundgang durch den Garten mag keine typisch schlesische Tradition sein, in meiner Familie ist er aber eine. Denn jeder Besuch bei Oma, Tante, Mutter und nun auch bei mir begann, endete oder wurde von einem Gartenrundgang unterbrochen. Es war und ist in gewisser Weise auch eine Art Gartenschau.

Ein Gartenrundgang hat keine feste Ordnung und keine Regeln, nach denen er ablaufen müsste. Eine gibt es vielleicht doch: Man folgt der Gastgeberin, die ihrerseits ihrer eigenen Route folgt. Und man zeigt Interesse, stellt Fragen, beteiligt sich. Man bemerkt, dass die Tulpen in diesem Jahr besonders lange blühen, dass die Schnecken – anders als im letzten Jahr – keine Probleme bereiten und dass es viel zu trocken ist und der Regen eine Erlösung für die Pflanzen wäre.

Und man lobt die Gärtnerin. Man sagt, man habe noch nie so schöne Pfingstrosen gesehen, und fragt, wie die Gastgeberin es schafft, dass sie so wachsen. Und man hört ihrer Antwort aufmerksam zu. Man nickt, man bückt sich, um besser zu sehen, man riecht an den Blumen und ist stets begeistert. Oder mitfühlend, wenn man hört, dass Blattläuse den Kirschbaum befallen haben – und einfach nichts dagegen gemacht werden kann. Die Gastgeberin weiß es am besten, sie hat alles versucht.

Der Duft frischer Blumen liegt in der Luft.
Foto: Aaron Blanco/ Unsplash

Als Kind konnte ich den obligatorischen Rundgang durch Omas Garten nicht verstehen. Was gibt es Langweiligeres, als sich Blumen anzuschauen? Jetzt bin ich beleidigt, wenn mein Gast ihn nicht von selbst vorschlägt. Du willst meinen Garten nicht sehen? Wieso habe ich dich nochmal eingeladen? Sind wir wirklich verwandt? Sind wir noch Freunde?!

Ein Gartenrundgang hat keine feste Ordnung und keine Regeln, nach denen er ablaufen müsste. Eine gibt es vielleicht doch: Man folgt der Gastgeberin, die ihrerseits ihrer eigenen Route folgt

Ein Besuch ohne Gartenrundgang fühlt sich einfach nicht vollständig an. Aber vielleicht muss man zu manchen Dingen auch erst ein bisschen „wachsen“, um die kleinen Rituale wirklich schätzen zu lernen.

Anna Durecka

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