Sigmund Freud bemerkte einmal, der Mensch werde sein Leben lang von Schuldgefühlen begleitet. Ob wir dem zustimmen oder nicht – die Literatur liefert uns unzählige Beispiele dafür. Und mittendrin der große Nobelpreisträger Thomas Mann. Groß jedoch nicht nur, weil er ein Virtuose des Wortes war, sondern auch, weil sein Blick auf die Wirklichkeit frei von Moralisieren und eindeutigen Urteilen blieb. Stattdessen eröffnet er eine Fülle von Perspektiven, kulturellen Anspielungen und Symbolen, die den Leser mit offenen Fragen zurücklassen.
Der Pakt mit dem Teufel
Das Thema Schuld ist für Thomas Mann ein zentrales Motiv – sei es im Konflikt des genialen Individuums mit sich selbst, mit seinem Körper oder mit der Gesellschaft, sei es im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Verstrickung seiner Landsleute. Mann entfaltet dieses Motiv sowohl in epischen Erzählungen wie den Buddenbrooks (1901), die das Schicksal mehrerer Generationen umfassen, als auch im kleineren Format der kunstvoll verdichteten und zugleich dramatisch zugespitzten Novelle – etwa in Tonio Kröger (1903).
Am eindrücklichsten und bildkräftigsten tritt die Schuld im Motiv des Teufelspakts hervor, wobei Mann den Teufel bezeichnenderweise als Menschen zeichnet, nur eben mit einem Makel. Gemeint ist der Dozent Schleppfuß, der in Halle Theologie, genauer gesagt Dämonologie, lehrt – eine Figur aus der Welt des Romans Doktor Faustus (1947). Schleppfuß hinkt, wie sein Name verrät – denn wie ließe sich der Teufel besser erkennen als an einem deformierten Bein oder einem Pferdehuf.
„Nicht der Teufel verstrickt den Menschen in Schuld – bei Thomas Mann bleibt der Mensch selbst das Maß aller Dinge.“
Obwohl der Roman ein hochernstes Thema verhandelt – Doktor Faustus gilt gemeinhin als Manns Auseinandersetzung mit den höllischen Mächten des Faschismus, denen die unglückseligen Deutschen ihre Seele verschrieben –, schmuggelt der Autor seine Botschaft in typisch mannscher Manier ein: nicht ohne Ironie.
Ironie als Waffe?
Schleppfuß bedient sich dabei mit unverkennbarer Lust der Ironie, wenn er in seinen Vorlesungen beweisen will, dass das Böse die Voraussetzung des Guten sei. Sehr zum Erstaunen des ebenfalls ironisch distanzierten Erzählers notieren die Studenten diese Thesen eifrig in ihre Hefte. Ob Ironie tatsächlich ein Mittel ist, die Mächte der Hölle zu zähmen, bleibt fraglich. Sicher aber schafft sie Distanz, bricht das Pathos eines schweren Themas auf, führt ein Moment der Ambivalenz ein, das eindeutige Schwarz-Weiß-Deutungen unterläuft.

Anton Kaulbach: Faust und Mephisto
Quelle: Wikipedia
Denn hat ein genialer Geist das Recht, dorthin vorzudringen, wo gewöhnliche Sterbliche Halt machen müssen? Ist es den Preis wert, dem Teufel die eigene Seele zu überlassen, um die verborgensten Geheimnisse der Welt zu ergründen? Oder genügt als Lohn vielleicht schon die Macht? Mann beantwortet diese Fragen nicht – doch wir können ahnen, dass für ihn stets der Mensch im Mittelpunkt steht. Mit all seiner Unschuld und all seiner Schuld ist er, nicht der Teufel, für Mann das Maß aller Dinge.
Die ausgesprochene Schuld
Am deutlichsten klingt dieses Motiv in Manns letztem großen Werk an, dem Roman Der Erwählte (1951). Schuld umschlingt hier den Protagonisten und seine Familie auf die wohl schmerzlichste und zugleich am stärksten tabuisierte Weise, die man sich vorstellen kann. Gregorius ist das Kind eines inzestuösen Geschwisterpaares, dessen Schuld er weiterträgt, indem er seine eigene Mutter heiratet und mit ihr Kinder zeugt.
Die Lösung dieses scheinbar unlösbaren Knotens wird dennoch möglich – durch die Offenlegung der Wahrheit über seine Schuld und Herkunft. Genauer gesagt: indem sie ausgesprochen wird. In der Schlussszene beichtet die Mutter ihrem Sohn und Ehemann in einer Person, und dieser – inzwischen Papst – gesteht auch ihr seine Wahrheit und erteilt die Absolution.
Mann enthält sich jedoch jeder moralischen Wertung und greift statt zur christlichen Logik von Schuld und Buße zu einem dezidiert psychoanalytischen Ansatz: Als die Mutter ihren Sohn bittet, ihr eine Buße aufzuerlegen, weist er sie darauf hin, dass sie sich diese bereits selbst auferlegt habe, indem sie ihre Schuld detailliert und reumütig ausgesprochen hat. Die Macht des ausgesprochenen Wortes besitzt für Mann also zentrale Bedeutung – selbst wenn eine solche Form der Sühne im Verhältnis zur Schuld unzureichend erscheinen mag.

Buchcover des Romans Der Erwählte.
Quelle: H.-P. Haack/Wikimedia Commons
Der Autor verschiebt bewusst Grenzen und bringt den Leser aus dem Gleichgewicht – und den Gipfel der Unverschämtheit bildet der Eingriff des ironisierenden Erzählers, der, als er von Gregorius’ späterem Leben berichtet, einen talentierten Maler erwähnt, der in Rom eine steile Karriere macht. Der Erzähler kann sich nicht verkneifen, anzumerken, dieser Maler sei zwar begabt gewesen, habe seinen Aufstieg allerdings nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass er in die Familie des Papstes eingeheiratet habe …
Mann und Hilscher
Diese Jonglage mit Ernst und Humor kann irritieren. Aber genau das ist Thomas Mann: ein großer Schriftsteller und zugleich ein Mensch mit all seinen Schwächen und Verfehlungen – weder makellos noch besonders verwerflich. Das erkannte auch einer seiner Biografen, der in Schwiebus, dem heutigen Świebodzin, geborene Romancier und Lyriker Eberhard Hilscher. In einem Kapitel seines bekanntesten Romans (Die Weltzeituhr, 1983) lässt Hilscher Mann sogar als fiktive Figur auftreten und zeigt ihn im häuslichen Umfeld, scheinbar vertieft in die Arbeit. Doch nur scheinbar. Der Nobelpreisträger tut nämlich so, als arbeite er, um ein Gespräch mit seiner Familie zu vermeiden, die ihm im Moment gründlich auf die Nerven geht. Heißt das, er verhält sich unmoralisch oder lädt Schuld auf sich? Ist dieser kleine Schwindel überhaupt der Rede wert? Verliert der große Schriftsteller dadurch etwas von seiner Größe? Der Hochstapler Thomas Mann wird uns darauf keine eindeutige Antwort geben – dennoch lohnt es sich, in seinen Büchern danach zu suchen.