Vor ein paar Wochen war ich in der Gegend von Hirschberg. Es ist schön dort, ich kann die Gegend empfehlen. Nach einigen Kilometern an der frischen Luft bekam ich Lust auf Kultur. Ein sehr starker Impuls, man weiß nicht, woher er kommt. Ich verspürte eine positive Unruhe. Was kann man in einem solchen Fall tun? Der Stimme folgen!
Die Altstadt der Stadt mit dem Hirsch im Wappen lag näher, aber ich entschied mich, die etwa fünfzehn Kilometer bis nach Agnetendorf (Jagniątków) weiterzufahren. Viele Menschen standen an der Buswendeschleife, sie kamen von den Bergen oder von der Familie zurück, und gegenüber befand sich das Museum.
Der Blick auf die Berge war bereits von Bäumen verdeckt. Vor dem Eingang stand eine Skulptur der Hannele ohne Arme, ähnlich der Nike von Samothrake. Sie wurde auf dem Gelände des ehemaligen Badeplatzes gefunden.
Außer uns und der Kartenverkäuferin waren vielleicht noch fünf Personen da. Avenarius‘ Gemälde, Gegenstände aus dem Leben des Dichters, aber nur jene, die an Wänden und Decken befestigt waren. Kopien von Diplomen, darunter auch das Nobelpreisdiplom, Erstausgaben von Werken, etwa ein Dutzend Fotografien, ein Handabguss und eine Totenmaske, ein Hut. Wunderschöne Ansichten, gemalt von Friedrich Iwan und seinen Kollegen.
„Es war der 80. Todestag von Gerhart Hauptmann und … keine Veranstaltung, kein Porträt mit schwarzem Trauerflor am Eingang. Nichts. NICHTS! Eine Kultureinrichtung, die den Hauptgrund ihrer Existenz missachtet.“
Dies ist eines von drei Orten, die für die deutsche Kultur und die deutsch-polnischen Beziehungen wichtig sind und die nach der Unterzeichnung des Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen Polen und der Bundesrepublik Deutschland vor 35 Jahren, dessen Jahrestag wir nun begehen, besonders gepflegt und weiterentwickelt werden sollten.
Neben Agnetendorf und Hauptmann fanden sich auf dieser kurzen Liste das Schloss der Familie von Moltke in Kreisau und unser Lubowitz (Łubowice), der Geburtsort Joseph von Eichendorffs.
Beim Hinausgehen sahen wir die Kartenverkäuferin, die Erdbeeren in einem Körbchen sortierte. Idyllisch, gemächlich. Erst im Auto schaute ich im Internet nach.
Es war der 80. Todestag von Gerhart Hauptmann und … keine Veranstaltung, kein Porträt mit schwarzem Trauerflor am Eingang. Nichts. NICHTS! Eine Kultureinrichtung, die den Hauptgrund ihrer Existenz missachtet.
Nicht weit entfernt lebt Olga Tokarczuk, Nobelpreisträgerin und Berufskollegin. Das Festival „Góry Literatury“ (Literaturberge) ist auch nicht weit. Und null Interesse.
Am 15. August 1844 erschienen in der Presse ausführliche Berichte über den Aufstand der schlesischen Weber in der Gegend von Langenbielau und Peterswaldau (Bielawa und Pieszyce). Menschen, denen trotz harter täglicher Arbeit der ganzen Familien der Lebensunterhalt nicht gelang, sahen in den Aufkäufern ihrer Erzeugnisse die Ursache ihres Unglücks, gingen auf die Straßen, zerstörten die Büros der Großhändler, und in der Folge schickte die Regierung das Militär, um diesen Aufruhr mit Gewalt zu beenden. Es floss Blut, es gab Tote und Verletzte.
Gerhart Hauptmann schrieb in niederschlesischem Deutsch das Stück „De Waber“ („Die Weber“), das später ins Hochdeutsche und in viele andere Sprachen übersetzt wurde. Es ist wohl das berühmteste Werk Hauptmanns und der Grund für die Verleihung des Nobelpreises für Literatur.
Das Stück lebt bis heute und ruft auf vielen Bühnen der Welt Emotionen hervor, vielleicht sogar Katharsis. Zuletzt konnten wir dies erleben: das Schicksal der Weber und das Aufeinandertreffen verschiedener gesellschaftlicher Kräfte in Kattowitz.
Direktor Robert Talarczyk hat etwas angewandt, das bewirkt, dass Menschen ins Theater kommen, die das früher nicht getan hätten. Wie vor einigen Jahrzehnten die Massen zu „Cholonek“ nach Janosch strömten, weil sie sich darin wiederfinden konnten, so sprechen jetzt auf Schlesisch die Arbeiter, während die Direktion, die Priester und die Aufsicht – reines Polnisch sprechen.
Eine einfache Methode, einen alten, fast zweihundert Jahre alten Text auf unsere Zeit zu übertragen; dabei hilft auch die Kleidung der Menschen auf unseren Straßen.
Ich empfehle beide Orte: das Haus des Nobelpreisträgers bei Hirschberg und die „Tkoczy“ am Theater in Kattowitz. Vielleicht ist es an der Zeit, dass das Theater aus Kattowitz in Hirschberg gastiert?