Zwischen Zitat und Verpflichtung

20 April 2026, 17:00 Politik 118

Was ist vom Hirtenbrief der Bischöfe von 1965 geblieben?

Der Hirtenbrief der polnischen Bischöfe von 1965 gilt als Symbol der Versöhnung – doch sein ursprünglicher Anspruch ist zunehmend aus dem Blick geraten. Im Jahr 2025 blieben die hohen staatlichen Würdenträger den Jubiläumsfeiern weitgehend fern. Was ist von dieser radikalen Idee der Versöhnung geblieben, wenn sie vor allem noch zitiert, aber kaum noch als gemeinsame Praxis verstanden wird?

In der polnischen öffentlichen Debatte gibt es nur wenige Sätze, die so häufig zitiert und so selten durchdacht werden wie die Worte: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“. Der Brief der polnischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe vom 18. November 1965, dessen Hauptautor Bolesław Kominek war, ist zu einem Symbol der Versöhnung geworden.

Das Problem besteht jedoch darin, dass dieses Symbol immer häufiger losgelöst von seinem ursprünglichen Sinn funktioniert – und das Jubiläum seiner Veröffentlichung, das im Jahr 2025 nahezu ausschließlich innerhalb kirchlicher Mauern begangen wurde, hat diese Dissoziation mit besonderer Deutlichkeit sichtbar gemacht.

Der Brief war weder eine höfliche Geste noch moralische Dekoration. Im Jahr 1965, kaum zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges, stellte er einen radikalen Vorschlag dar – den Versuch, eine Sprache der Beziehungen zwischen Nationen zu schaffen, die durch Gewalt, asymmetrische Schuld und mangelnde gegenseitige Anerkennung belastet waren.

Das geringe Interesse der staatlichen Institutionen – sowohl in Polen als auch in Deutschland – am sechzigsten Jahrestag war nicht bloß ein protokollarisches Versäumnis. Es legte ein tiefer liegendes Problem offen: Wir wissen heute nicht recht, wie wir mit diesem Dokument umgehen sollen.

Eine Geste, für die niemand bereit war

Die Reaktionen auf den Brief waren in Polen und in Westdeutschland kühl, nicht selten sogar feindselig – allerdings aus unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlichem Charakter.

In Polen waren die gesellschaftlichen Emotionen authentisch. Zwanzig Jahre nach dem Krieg war die Erinnerung an Besatzung, Verbrechen und Verluste lebendig und unverarbeitet. Ebenso entscheidend war jedoch die Reaktion des kommunistischen Staates: Die Behörden entfesselten eine Kampagne gegen die Kirche und stellten den Brief als Verrat an nationalen Interessen dar. Władysław Gomułka, der noch wenige Jahre zuvor vorsichtig Möglichkeiten einer Normalisierung der Beziehungen zu Bonn sondiert hatte, wies das Schreiben nun demonstrativ scharf zurück. Diese Reaktion zeigte, wie leicht historische Erinnerung zu einem Instrument politischer Mobilisierung werden kann – und wie gefährlich diese Instrumentalisierung ist, wenn sie auf einen Boden trifft, der von unbewältigtem Schmerz geprägt ist.

Das Bild der Reaktionen in Westdeutschland bedarf jedoch einer differenzierteren Betrachtung. Während der offizielle katholische Episkopat damals vorsichtig und zurückhaltend reagierte – seine Antwort vom Dezember 1965 war diplomatisch ausweichend und vermied eine klare Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze – vollzogen sich parallel gesellschaftliche Prozesse, die sich langfristig als wegweisend erwiesen.

Erzbischof Dr. Tadeusz Wojda und Bischof Dr. Georg Bätzing unterzeichneten aus Anlass des 60. Jahrestages des Bischofsbrief eine gemeinsame Erklärung (Archivbild).
Foto: M. Oliveira

Bereits 1965 veröffentlichten deutsche Protestanten im Umfeld der Evangelischen Kirche in Deutschland die sogenannte Ostdenkschrift. Dieses seiner Zeit vorausgreifende Dokument forderte die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als Grundlage für Stabilität in Ost-Mitteleuropa. Einige Jahre später schlugen auch katholische Laien einen ähnlichen Kurs ein: 1968 sprach sich der sogenannte Bensberger Kreis für die Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze aus und unterstützte den von den polnischen Bischöfen angestoßenen Dialog. Dies war ein Zeichen dafür, dass der Impuls zur Versöhnung nicht unbeantwortet blieb – auch wenn die Antwort nicht aus den offiziellen Hierarchien kam, sondern aus Kreisen von Theologen und engagierten Laien.

Diese Entwicklungen lassen sich nicht ohne den breiteren Kontext der gesellschaftlichen Umbrüche in der Bundesrepublik in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre verstehen. Die Generation von 1968 löste eine tiefgreifende Debatte über die Verantwortung für den Nationalsozialismus und seine Verbrechen sowie über die Politik gegenüber Ost-Mitteleuropa aus. In diesem Sinne traf der polnische Brief einen Übergangsmoment: zwischen einer alten Kultur des Schweigens und einer neuen Sprache der Verantwortung, die sich erst herauszubilden begann.

Ein selektiver Erfolg

Aus der Perspektive von sechzig Jahren gilt der Brief als eine der Grundlagen der deutsch-polnischen Versöhnung – und diese Einschätzung ist berechtigt. Das Problem besteht jedoch darin, dass seine Rezeption selektiv war.

Er wurde institutionalisiert: Er fand Eingang in den Kalender der Gedenktage, gab Impulse zur Gründung weiterer Dialogforen und wurde zu einem Bezugspunkt offizieller Reden. Zugleich wurde er symbolisiert: Die Formel „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ wurde Teil des historischen rhetorischen Kanons beider Nationen. Nicht jedoch wurde er vollständig internalisiert – das heißt, er wurde nicht zu einem praktischen Modell dafür, wie man unter Bedingungen ungleicher Erfahrungen über die Vergangenheit streitet.

Dieser Unterschied ist nicht abstrakt. Er zeigt sich deutlich darin, wie die Regierungen in Warschau und Berlin im Jahr 2025 auf das Jubiläum reagierten – oder vielmehr: wie sie es nicht wahrnahmen. Die Gedenkfeiern blieben den Kirchen, Historikern und wenigen gesellschaftlichen Kreisen vorbehalten. Das Jahr 2025 hätte eine Gelegenheit sein können, daran zu erinnern, dass die Grundlagen der deutsch-polnischen Versöhnung mühsam, langwierig und oft gegen offizielle Interessen erarbeitet wurden – und dass dieser Erfolg keineswegs selbstverständlich war. Diese Gelegenheit wurde jedoch verpasst.

Die Frage, ob die staatlichen Institutionen das Jubiläum bewusst ignoriert haben, ist daher falsch gestellt. Treffender ist eine andere: Warum wird ein Dokument, dessen Bedeutung weit über den kirchlichen Raum hinausging, heute als interne Angelegenheit der Episkopate behandelt?

Die Kirche zwischen Erinnerung und Politik

Eine Antwort darauf erfordert einen Blick darauf, wie die katholische Kirche in Polen – jene Institution, die den Brief verfasst und über Jahrzehnte bewahrt hat – heute mit seinem Erbe umgeht.

Äußerungen einzelner Hierarchen zeigen, wie grundlegend sich der Kontext verändert hat. Im Jahr 2022, als in der polnischen öffentlichen Debatte erneut die Frage nach Kriegsreparationen von Deutschland aufkam, erklärte Erzbischof Stanisław Gądecki, „Vergebung widerspricht keineswegs der Suche nach Wahrheit, sondern verlangt sie vielmehr“, und „das begangene Unrecht muss erkannt und – soweit möglich – wiedergutgemacht werden“.

Geschichte kehrt nicht zurück, weil sie vergessen wurde. Sie kehrt zurück, weil sie politisch nützlich ist – weil sie Emotionen mobilisieren und moralische Überlegenheit begründen kann.

Diese Formulierung war – wie die deutsche Publizistin Regina Einig in „Die Tagespost“ treffend bemerkte – so geschickt gewählt, dass „kein deutscher Bischof ihr widersprechen kann“. Der Hierarch griff bewusst auf die Sprache des Briefes zurück, um Reparationsforderungen zu begründen: Zwischen Vergebung und Gerechtigkeit bestehe kein Widerspruch.

Diese Position steht nicht im Widerspruch zum Geist des Briefes von 1965. Ihre theologische Logik ist schwer zu bestreiten. Sie offenbart jedoch etwas Entscheidendes: Die von Kominek und seinen Mitautoren entwickelten Formeln werden heute in aktuelle politische Auseinandersetzungen hineingezogen – nicht, um Gegensätze zu überwinden, sondern um sie zu verstärken.

Ein anderer Ton ist in den Äußerungen von Erzbischof Marek Jędraszewski zu hören, der die deutsch-polnischen Beziehungen in einen breiteren Rahmen kultureller und geopolitischer Konfrontation stellt. In einem Interview erklärte der Krakauer Metropolit, Polen sei ein „natürlicher Führer“ in diesem Teil Europas, und warnte: „Wenn wir nur ‚danke Deutschland‘ sagen, werden wir dieser Führer nicht sein“ (Radio Maryja, 2023). In dieser Perspektive – wohlgemerkt: aus dem Mund eines katholischen Hierarchen – werden die Beziehungen zu Deutschland nicht mehr als Frage historischer Versöhnung verstanden, sondern als Element geopolitischer Konkurrenz.

Noch weiter ging Bischof Wiesław Mering, der im Juli 2025 erklärte, „die Grenzen unseres Landes sind sowohl im Westen als auch im Osten bedroht“, womit er die russische Aggression gegen die Ukraine mit den deutsch-polnischen Beziehungen gleichsetzte – und die Regierung als „politische Gangster“ bezeichnete.

Die Reaktion war beispiellos: Das polnische Außenministerium legte im Vatikan eine offizielle Protestnote (Demarche) ein und erklärte, die Äußerungen des Bischofs „untergraben die guten deutsch-polnischen Beziehungen“ und stünden im Widerspruch zur „historischen Erfahrung der deutsch-polnischen Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg“. In diesem Zusammenhang berief sich das Ministerium ausdrücklich auf den Brief von 1965.

Diese Abfolge offenbart ein kaum zu übersehendes Paradox. Dasselbe Ministerium, das 2025 keine Initiative zum Jubiläum des Briefes ergriff, griff auf seine Autorität zurück, als es ein Argument im Streit mit einem polnischen Bischof benötigte. Der Brief wurde somit nicht als lebendiges Fundament bilateraler Beziehungen erinnert, sondern als Instrument einer situativen Intervention.

Doch die Antwort kam nicht nur von außen. Sie kam auch aus dem Inneren der Kirche – und zwar von einem Ort mit besonderer symbolischer Bedeutung. Der Erzbischof von Breslau, Józef Kupny, Nachfolger Komineks, schrieb auf der Plattform X: „Als Nachfolger von Bolesław Kominek fühle ich mich geradezu verpflichtet, daran zu erinnern, dass von Breslau die außergewöhnliche Flamme der deutsch-polnischen Versöhnung ausgegangen ist. Ich möchte sie fortführen.“

Und er fügte hinzu: „In Breslau bevorzugen wir statt ‚Solange die Welt steht, wird der Deutsche dem Polen kein Bruder sein‘ entschieden: ‚Wir vergeben und bitten um Vergebung‘. Wir begehen gerade das Jahr der Versöhnung. Wie aktuell wird doch der Brief der polnischen Bischöfe an die deutschen, den Kardinal Kominek verfasst hat!“

Die Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Briefes zeigten vor allem eines: die weitgehende Abwesenheit der politischen Institutionen (Archivbild).
Foto: M. Oliveira

Kupny betonte zugleich, Versöhnung bedeute „keinen Verzicht auf die polnische Staatsräson“ – eine Formel, die es ihm erlaubte, den Brief zu verteidigen, ohne sich in die Reparationsdebatte hineinziehen zu lassen.

Der Vergleich der Äußerungen von Mering und Kupny offenbart mehr als nur einen innerkirchlichen Streit über den Ton. Er zeigt zwei unterschiedliche Deutungen dessen, was der Brief ist – und wozu er verpflichtet. Für die einen bleibt er ein historisches Dokument, das je nach Bedarf zitiert oder ignoriert werden kann. Für die anderen ist er eine lebendige Verpflichtung, die unabhängig von politischen Konjunkturen aufrechterhalten werden muss.

Zwischen Geschichte und ihrer Nutzung

Geschichte kehrt nicht zurück, weil sie vergessen wurde. Sie kehrt zurück, weil sie politisch nützlich ist – weil sie Emotionen mobilisieren und moralische Überlegenheit begründen kann. In diesem Sinne ist der Rückgriff auf den Brief paradox: Je häufiger er als Symbol zitiert wird, desto seltener wird seine Logik angewendet.

Diese Logik bestand nämlich nicht darin, Unrecht zu erinnern oder vorzuhalten. Sie bestand in der bewussten Begrenzung seines Monopols bei der Gestaltung der Beziehungen zwischen Nationen. Kominek und seine Mitautoren wussten, dass ihr Text von Menschen gelesen werden würde, die das erlittene Unrecht nicht vergessen hatten – und sie forderten nicht, es zu vergessen. Sie forderten die Schaffung eines Raums, in dem der Schmerz der Vergangenheit die Möglichkeiten der Zukunft nicht vollständig bestimmt.

Je häufiger er als Symbol zitiert wird, desto seltener wird seine Logik angewendet.

Diese Unterscheidung ist auch heute noch aktuell. Debatten über Kriegsreparationen, Spannungen um die Interpretation von Geschichte in Schulbüchern oder Ungleichgewichte bei der institutionellen Erinnerung an die polnischen Opfer der deutschen Besatzung bilden einen Kontext, in dem der Brief als Modell des Denkens dienen könnte – und nicht nur als ritualisiertes Zitat. Es ist kein Zufall, dass gerade in diesen Fragen die Sprache des Dokuments von 1965 besonders häufig auftaucht – und ebenso häufig auf einen seiner Aspekte reduziert wird.

Nicht nur eine kirchliche Angelegenheit

Der Brief der polnischen Bischöfe gehört nicht zu einem abgeschlossenen Kapitel der Versöhnungsgeschichte. Das Schweigen der polnischen und deutschen staatlichen Institutionen im Jahr 2025 war kein Zufall. Das Dokument bleibt unbequem – nicht weil es von Versöhnung spricht, sondern weil es Anforderungen an beide Seiten stellt: die Bereitschaft, Asymmetrien anzuerkennen, die eigene Schuld zu reflektieren und auf das Monopol des eigenen Leidens zu verzichten. Dies war 1965 eine außerordentlich schwierige Aufgabe. Heute – in einem Klima wachsenden historischen Nationalismus auf beiden Seiten der Grenze – ist sie kaum weniger schwierig und kaum weniger notwendig.

Die polnische Diplomatie berief sich im Juli 2025 auf den Brief, um die Äußerungen eines Bischofs zu kritisieren. Im November 2025 berief sie sich nicht auf ihn, um sein Jubiläum zu würdigen. Erzbischof Kupny erinnerte aus Breslau daran, wo die „Flamme der Versöhnung“ ihren Ursprung hatte. Bischof Mering erhielt – unerwartet – eine Antwort aus genau jenem Ort, von dem sechzig Jahre zuvor der Brief an die deutschen Bischöfe ausgegangen war.

Es lohnt sich, zu diesem Dokument zurückzukehren – nicht, um es fragmentarisch zu zitieren, sondern um zu prüfen, wie weit wir uns von seinem Anspruch entfernt haben (Gläubige und Nichtgläubige, Vertreter der staatlichen Institutionen und Bürger) – und welche dieser Distanzen wir bereit sind zu verringern.

Über den Autor

Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universität Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universität Bochum tätig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau; in den Jahren 2024/2025 war er Beauftragter des polnischen Außenministers für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und frühen 21. Jahrhundert.
Für unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelmäßig die politische Kolumne „Nachbarschaft verpflichtet“, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.

Über den Autor
Deutsche Minderheiten in Europa
Poprzedni artykuł

Deutsche Minderheiten in Europa

Die Wahl der neuen Führung des Verbands der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen steht bevor
Następny artykuł

Die Wahl der neuen Führung des Verbands der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen steht bevor