Am Samstag, den 23. Mai 2026, wurde Kandrzin-Cosel zum Zentrum der Debatte über die Zukunft der deutschen Minderheit in Polen. Die alljährliche Delegiertenversammlung der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien (SKGD) war nicht nur Anlass für die statutarische Bilanz des Jahres 2025, sondern vor allem ein Manifest zur Verteidigung von Identität, Sprache und partnerschaftlichen deutsch-polnischen Beziehungen, die sich – wie betont wurde – an einem gefährlichen Punkt des Stillstands befinden.
Die Beratungen, die traditionell mit dem „Oberschlesienlied“ begannen, fanden in Anwesenheit geladener Gäste statt, darunter die Vizemarschallin der Woiwodschaft Oppeln, Zuzanna Donath-Kasiura, der Vizekonsul der Bundesrepublik Deutschland in Breslau, Thorsten Goehler, sowie der deutsche Konsul in Oppeln, Peter Herr. Ein besonderer Moment war die Verleihung der Auszeichnung „Verdienstorden der Woiwodschaft Oppeln“ an die Gesellschaft, was eine symbolische Anerkennung des Beitrags der Minderheit zur Entwicklung der Region darstellte. Doch trotz des feierlichen Rahmens dominierte in den Reden die Sorge um die kommenden Jahre.
Rafał Bartek: Die deutsch-polnischen Beziehungen sind unsichtbar geworden
Der Vorsitzende der SKGD, Rafał Bartek, zog in seiner Rede eine fundierte Bilanz des Jahres 2025, das im Zeichen des 35-jährigen Jubiläums der Organisation stand. Er zählte die Erfolge auf: bewährte Projekte wie Wettbewerbe, Märchennächte, das Aufstellen von Maibäumen, Herbstfeste, das 10-jährige Bestehen der Miro Deutschen Fußballschulen bis hin zur Umsetzung hunderter Projekte in den DFK-Begegnungsstätten. Trotz dieser enormen Aktivität stellte Bartek eine bittere Diagnose zur aktuellen politischen Lage.
Rafał Bartek: Lasst uns sichtbar und aktiv bleiben, denn jeder von uns trägt zu etwas bei, das sonst verloren gehen könnte.
„Die deutsch-polnischen Beziehungen sind unsichtbar geworden. Sie existieren zwar noch, wurden aber so versteckt, dass sie niemand mehr wahrnimmt. Gleichzeitig wachsen in Polen wieder antideutsche Stimmungen. In Warschau finden Proteste statt, bei denen deutsche Musik abgespielt wird, das Deutschsein ist wieder zur Beleidigung geworden, und all dies geschieht ohne deutliche Reaktion seitens der Regierung“, alarmierte der Vorsitzende. Er wies darauf hin, dass man nach dem Regierungswechsel in Polen eine neue Dynamik erwartet habe, stattdessen aber eine Verstummung der für die deutsche Minderheit zentralen Themen eingetreten sei. Die Abschaffung des Amtes des Beauftragten für deutsch-polnische Beziehungen sowie die fehlenden Vorbereitungen für den Runden Tisch seien Signale, die Bartek als „Rückschritt“ bezeichnete.

Foto: SKGD/S. Koprek-Golomb
Der Vorsitzende unterstrich zudem den wirtschaftlichen Aspekt der Präsenz der Minderheit: „Das, was verloren geht, geht nicht nur für die Minderheit selbst verloren, sondern auch für die polnische Mehrheit und für die gesamte Region. Wir sehen das in der Region Oppeln – wie viele Firmen sich gerade deshalb hier angesiedelt haben und hier Steuern zahlen, weil es hier deutschsprachige Mitarbeiter gibt. Wenn diese fehlen, wird es diese Firmen hier nicht mehr geben.“
Dramatischer Appell zur Rettung der Sprache
Ein zentraler Punkt der Beratungen war die Verabschiedung eines Appells mit dem Titel: „35 Jahre nach dem Vertrag – Appell der SKGD für eine systemische Unterstützung des Deutschunterrichts in Polen“. Dieses Dokument ist eine starke Stimme angesichts des bevorstehenden 35. Jahrestages der Unterzeichnung des Nachbarschaftsvertrages (17. Juni 2026).

Foto: SKGD/S. Koprek-Golomb
Im Appell wird auf das eklatante Missverhältnis zwischen den Vertragsbestimmungen und der Realität hingewiesen. Obwohl der Vertrag von 1991 zusicherte, den Unterricht der Muttersprache oder in der Muttersprache zu ermöglichen, ist bis heute keine einzige öffentliche Bildungseinrichtung mit durchgehend deutscher Unterrichtssprache entstanden. Die im Dokument angeführten Statistiken sind unerbittlich: Während in den Grundschulen fast 60.000 Kinder Deutsch als Minderheitensprache lernen, sind es auf der Ebene der weiterführenden Schulen landesweit nur 153 Schüler, in der Woiwodschaft Oppeln sogar nur 34 Personen.
„Die deutsche Sprache an sich ist für die Minderheit eine existenzielle Frage. Die Lebendigkeit der Minderheit hängt fast immer mit der Sprache zusammen“, betonte Rafał Bartek. Der Appell endet mit der Aufforderung an die Regierung, dringend Lösungen nach europäischem Vorbild („Best Practice“) einzuführen, wie etwa das immersive Lernen, das die polnische Minderheit in Tschechien oder Litauen erfolgreich praktiziert. Allein die Rückkehr zu drei Unterrichtsstunden nach der Zeit der Sprachdiskriminierung in den Jahren 2022–2024 wird als bei weitem unzureichend angesehen.
Sylwia Kus: Aktivierung der DFK-Strukturen als Fundament des Handelns
Über konkrete Pläne für das Jahr 2026 und die Strategie „von unten“ sprach die Delegierte Sylwia Kus. Sie betonte, dass die Organisation unermüdlich an ihrem Arbeitsprogramm arbeite, das präzise in Sektionen für Kinder, Jugendliche, Senioren sowie regionale Zusammenarbeit unterteilt sei.

Foto: SKGD/S. Koprek-Golomb
„Wir werden bewährte Maßnahmen wie die Miro Deutsche Fußballschule oder die Märchennächte fortsetzen, aber unsere Priorität ist die Aktivierung der DFK-Kreise. Auf ihnen basiert unsere gesamte Organisation“, sagte Sylwia Kus. Sie wies auf die Notwendigkeit hin, realistisch auf sinkende Mitgliederzahlen zu reagieren. Lösungen sollen Projekte wie „Niesamodzielni“ (in Zusammenarbeit mit dem Marschallamt) und die nächste Ausgabe des SKGD-Kongresses bieten. „Oft sehen wir vom Vorstand aus nicht alle Probleme, die an der Basis entstehen. Dabei ziehen wir gerade aus diesem Handeln vor Ort die größten Inspirationen“, fügte die Delegierte hinzu und verwies auf die Bedeutung des inneren Dialogs.
Krzysztof Wysdak: Identität ist nicht nur Internet
Während der Versammlung wurden auch die Ergebnisse der Arbeitsgruppen des II. SKGD-Kongresses zusammengefasst. Krzysztof Wysdak, der über die Arbeit einer der Gruppen berichtete, konzentrierte sich auf das Problem der Sichtbarkeit der Minderheit im öffentlichen Raum und die Wege der Identitätsvermittlung an jüngere Generationen.

„Wir haben festgestellt, dass das Internet, WhatsApp oder Facebook allein nicht ausreichen, um die Menschen zu aktivieren und wieder an die deutsche Minderheit zu binden“, bemerkte Wysdak. Er wies darauf hin, dass der Schlüssel zum Erfolg in einem innovativen Umgang mit der Geschichte liegen könnte. „Es ist sehr wichtig, über die lokale Geschichte mit Blick auf die ‚Große Geschichte‘ zu sprechen. Wir haben in unseren Orten Beispiele, die an die Geschichte aus den Lehrbüchern anknüpfen. Diese Verbindung sollten wir stärker zeigen.“ Die Arbeitsgruppe unter seiner Leitung analysierte zudem Fragen der zweisprachigen Ortsschilder und der Präsenz der deutschen Sprache in den sozialen Medien. Sie forderte nicht mehr Projekte, sondern eine Änderung der Methoden und eine „Verschiebung der Akzente“.
Auf dem Weg zu den Wahlen 2027
Die Versammlung in Kandrzin-Cosel war die letzte Sitzung der laufenden Amtszeit. Das Jahr 2027 wird für die SKGD eine Zeit der Wahlen in allen Strukturen sein. Die Organisation mit ihren über 22.000 Mitgliedern geht in diese Phase mit klar definierten Problemen, aber auch mit einem starken Willen zum Handeln.
Trotz der politischen „Stille“ in den deutsch-polnischen Beziehungen, von der Rafał Bartek sprach, beweist die deutsche Minderheit im Oppelner Schlesien, dass sie einer der aktivsten Akteure der Zivilgesellschaft bleibt. Die Umsetzung von über 800 Projekten allein im Jahr 2025 durch rund 300 DFK-Kreise zeigt ein Potenzial, das – wenn es durch eine kluge Bildungspolitik und Diplomatie unterstützt wird – weiterhin die Einzigartigkeit und Stärke der Region ausmachen kann. Wie der Vorsitzende zusammenfasste: „Lasst uns sichtbar und aktiv bleiben, denn jeder von uns trägt zu etwas bei, das sonst verloren gehen könnte.“