Nachbarschaft verpflichtet

Ruinen, die neues Leben gewinnen können

25 Mai 2026, 05:00 Politik

Eine der Resolutionen, die die Delegierten des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) während ihrer Jahrestagung im Oberschlesischen Eichendorff-Kultur- und Begegnungszentrum in Lubowitz verabschiedeten, betraf die dringende Notwendigkeit, die Ruinen des ehemaligen Schlosses der Familie Eichendorff zu retten. Die Verfasser des Dokuments unterstrichen die außergewöhnliche Bedeutung dieses Ortes als Teil des gemeinsamen polnischen, deutschen und europäischen Kulturerbes und appellierten an Politik und Öffentlichkeit, entschlossene Maßnahmen zum Schutz und zur dauerhaften Sicherung der Ruinen zu ergreifen.

Zweifellos ist Lubowitz ein Erinnerungsort von weit überregionaler Bedeutung. Hier wurde Joseph von Eichendorff 1788 geboren – einer der bedeutendsten Dichter der deutschen Romantik, dessen Werk aus der Erfahrung des multikulturellen Grenzraums Oberschlesien hervorging.

Die Autoren der Resolution erinnerten zu Recht daran, dass sowohl das materielle als auch das geistige Erbe Eichendorffs heute ein gemeinsames Gut der europäischen Kultur darstellt.

„Ohne diese Ruinen verliert Lubowitz sein Herz“

Kaum zu widersprechen ist Martin Lippa, dem Vorsitzenden der DFK in der Woiwodschaft Schlesien und Leiter des Oberschlesischen Eichendorff-Kultur- und Begegnungszentrums, der an die dramatische Geschichte dieses Ortes erinnerte: „Das Schloss brannte 1945 nieder. Ende der 1980er Jahre wussten die meisten Menschen hier nicht einmal mehr, dass dort überhaupt noch etwas stand, weil alles völlig überwuchert war.“

Ein vollständiger Wiederaufbau des Schlosses erscheint heute unrealistisch. Es überrascht daher nicht, dass sich die gegenwärtigen Maßnahmen vor allem auf die dauerhafte Sicherung der Ruinen konzentrieren. Wie Martin Lippa betont: „Ohne diese Ruinen verliert Lubowitz sein Herz.“

Die Ruine von Schloss Lubowitz (Eichendorff-Ruine) in Lubowitz.
Foto: M. Oliveira

Die Resolution richtet den Blick jedoch nicht nur auf das Schloss selbst, sondern auch auf dessen Umgebung: den Park, den berühmten „Hasenpfad“, die von Eichendorff beschriebenen Landschaften rund um den Zachariasberg sowie weitere mit dem Dichter verbundene Erinnerungsorte. Die Autoren des Dokuments betonen, dass die Verantwortung für den Erhalt dieses Erbes nicht allein auf lokalen Institutionen lasten könne. Das Oberschlesische Eichendorff-Kultur- und Begegnungszentrum bemüht sich seit Jahren um die Bewahrung dieses Ortes, doch das Ausmaß der notwendigen Maßnahmen übersteigt seine finanziellen und organisatorischen Möglichkeiten bei weitem.

Es stellt sich daher eine grundsätzliche Frage: Warum standen vergleichbare Orte über so lange Zeit kaum im Fokus der Erinnerungskultur und von Revitalisierungsprogrammen? Gerade in Niederschlesien und anderen Regionen Polens gibt es doch Beispiele erfolgreicher Wiederbelebung historischer Ruinen, die noch vor wenigen Jahrzehnten als hoffnungslos verloren galten.

Goschütz: Die dauerhafte Ruine als neues Zentrum des Lebens

Besonders interessant ist das Beispiel Goschütz (heute Goszcz). In dieser kleinen niederschlesischen Ortschaft entstand einst eine der eindrucksvollsten barock-rokokohaften Residenzen der Region. Das Schloss der Familie von Reichenbach, das Mitte des 18. Jahrhunderts nach Vorbildern französischer Residenzen wie Versailles oder Vaux-le-Vicomte errichtet wurde, gehörte zu den bedeutendsten Schloss- und Parkanlagen Schlesiens. Zum Ensemble gehörten nicht nur das Schloss selbst, sondern auch Nebengebäude, Reitbahn, Stallungen, Orangerie, Hofkirche und ein weitläufiger Landschaftspark.

Nach den Kriegszerstörungen und einem Brand im Jahr 1947 blieb die Anlage jahrzehntelang verlassen und dem weiteren Verfall preisgegeben. Noch vor wenigen Jahren schien eine Rettung ausgeschlossen. Inzwischen hat jedoch die Gemeinde Twardogóra (dt. Festenberg) mit Hilfe europäischer und norwegischer Fördermittel ein konsequentes Programm zur Sicherung der Ruinen und ihrer kulturellen Wiederbelebung begonnen.

Die Beispiele Goschütz und Trachenberg zeigen, dass die Rettung von Ruinen nicht zwangsläufig eine kostspielige vollständige Rekonstruktion bedeuten muss.

Die ehemalige Reitbahn und die Stallungen wurden restauriert und dienen heute als Ausstellungs- und Theaterflächen. In den gesicherten und für Besucher zugänglichen Ruinen finden Konzerte, Workshops, Künstlerpleinairs und Bildungsprojekte statt. Besonders bemerkenswert ist, dass man sich bewusst gegen eine vollständige Rekonstruktion des Schlosses entschied und stattdessen die Form einer sogenannten „dauerhaften Ruine“ bewahrte.

Durch moderne Lösungen – Illuminationen, Aussichtsplattformen oder Projekte mit virtueller Realität – gewann der Ort neues Leben, wurde zu einem Zentrum lokaler Aktivitäten und zugleich zu einem Anziehungspunkt für Besucher.

Trachenberg: Die Ruine als Teil der Kulturlandschaft

Einen ähnlichen Weg ging Trachenberg (heute Żmigród). Das dortige Schloss der bedeutenden Familie von Hatzfeldt blickte auf eine noch spektakulärere Geschichte zurück. Seine Ursprünge reichen bis ins Mittelalter zurück, und im 19. Jahrhundert gehörte die Residenz zu den wichtigsten Adelssitzen Schlesiens. Im Jahr 1813 wurde das Schloss für einige Tage sogar zu einem politischen Zentrum Europas: Dort berieten Zar Alexander I., der preußische König Friedrich Wilhelm III. und der schwedische Kronprinz Karl Johann ihre Strategie gegen Napoleon vor der Völkerschlacht bei Leipzig.

Auch das Schloss in Trachenberg brannte 1945 nieder und blieb jahrzehntelang eine Ruine. Noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts schien sein Schicksal besiegelt. Dank europäischer Fördermittel konnten jedoch umfangreiche Sicherungs- und Revitalisierungsmaßnahmen durchgeführt werden. Die erhaltene Fassade wurde restauriert, Aussichtsplattformen entstanden, der Park wurde neu gestaltet, und der ehemalige Wehrturm wandelte sich zu einem Kulturzentrum mit Ausstellungs- und Konferenzräumen.

Die Schlossruine in Trachenberg ist heute Teil einer lebendigen Kultur- und Bildungslandschaft.
Foto: Sławomir Milejski/Wikimedia Commons

Heute bilden die Schlossruinen, der Park und die dazugehörige Infrastruktur einen wichtigen Ort kultureller, pädagogischer und touristischer Aktivitäten. Auch hier verzichtete man bewusst auf einen vollständigen Wiederaufbau und entschied sich stattdessen dafür, die Ruinen als Zeugnis der Geschichte und als Teil der regionalen Kulturlandschaft zu erhalten.

Lubowitz braucht eine neue Vision

Die Beispiele Goschütz und Trachenberg zeigen, dass die Rettung von Ruinen nicht zwangsläufig eine kostspielige vollständige Rekonstruktion bedeuten muss. Oft wichtiger ist die Entwicklung eines tragfähigen Nutzungskonzepts: die Sicherung der erhaltenen historischen Substanz, die Öffnung des Ortes für die Öffentlichkeit sowie die Verbindung des historischen Erbes mit kulturellen, pädagogischen und touristischen Funktionen.

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Vielleicht könnte gerade ein solcher Weg auch für Lubowitz zur Inspiration werden. Die Autoren der Resolution appellieren an europäische Institutionen, an die Regierungen Polens und Deutschlands sowie an die kommunalen Verwaltungen, finanzielle Unterstützungsmechanismen zu schaffen und ein langfristiges Schutzprogramm für diesen Ort zu entwickeln. Zugleich betonen sie die Notwendigkeit, das Oberschlesische Eichendorff-Kultur- und Begegnungszentrum als Raum des Dialogs und der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit weiter zu stärken.

Die Ruinen des Eichendorff-Schlosses müssen nicht bloß ein Symbol des Verlustes und des Untergangs der alten Welt bleiben – eine nur am Rande wahrgenommene „Erinnerung“ an den Krieg. Sie können zu einem Ort neuen Lebens und einer neuen Erzählung über die Geschichte Oberschlesiens werden – einer Grenzregion, deren kulturelles Erbe noch immer darauf wartet, umfassender entdeckt und erzählt zu werden.

Über den Autor

Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universität Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universität Bochum tätig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau; in den Jahren 2024/2025 war er Beauftragter des polnischen Außenministers für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und frühen 21. Jahrhundert.
Für unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelmäßig die politische Kolumne „Nachbarschaft verpflichtet“, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.

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