Gelingt es den Aktivisten der deutschen Minderheit in Ermland und Masuren, die Zweigenerationenlücke in den Organisationen zu schließen? Was tun, um zu überleben und sich weiterzuentwickeln? Über diese und andere Fragen sprachen die Vertreter der deutschen Minderheit während eines Arbeitstreffens.
Das Arbeitstreffen der Vertreter der deutschen Minderheit fand am 25. und 26. April in Sensburg statt – im Anschluss an die Hauptversammlung des Verbands der deutschen Gesellschaften in Ermland und Masuren.
Teilnehmer waren Delegierte der deutschen Gesellschaften aus Bartenstein, Bischofsburg, Lyck, Lötzen, Rastenburg, Heilsberg, Sensburg, Neidenburg, Allenstein, Osterode, Johannisburg und Angerburg. Gastgeber war wie immer Stephan Grigat – Vorsitzender der Landsmannschaft Ostpreußen in Hamburg –, und die Sitzung wurde von Ulf Püstow, dem Beauftragten der Landsmannschaft für Kontakte zu Landsleuten in der Heimat, geleitet. Anwesend waren auch Joanna Hassa – Geschäftsführerin des Verbands der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Oppeln – sowie Dr. Sebastian Klappert vom Bundesministerium des Innern der Bundesrepublik Deutschland.

„Ostpreußen ist die Heimat vieler herausragender deutscher Schriftsteller“, betonte der ifa-Kulturmanager und Literaturwissenschaftler Patrik Valouch.
Foto: Lech Kryszałowicz
Jugend mit Priorität
Dr. Klappert erinnerte daran, dass er Nordpolen bereits einmal besucht habe – 2018 zusammen mit Dr. Bernd Fabritius, dem damaligen Beauftragten der deutschen Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten. Anschließend stellte er die neuen Regeln für die Finanzierung deutscher Organisationen im Ausland vor, insbesondere in Ermland und Masuren.
Seit diesem Jahr werden die Aktivitäten der deutschen Minderheit im Ausland, die Organisationen der Flüchtlinge und Vertriebenen, die Jugendorganisationen sowie das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) vom deutschen Bundesministerium des Innern (BMI) finanziert. Nach Einschätzung der Bundesregierung soll dies eine bessere Mittelvergabe gewährleisten.
Es wird weniger Mittel geben, und sie werden schwerer zugänglich sein. Das BMI wird die beliebten Ausflüge nicht mehr bezuschussen, es sei denn, sie haben den Charakter von Workshops oder Schulungen. Die Unterstützung der Vereinsarbeit soll zwar nicht eingeschränkt werden, allerdings dürfe es sich nicht nur um „Kaffeetrinken“ handeln, sondern um Projekte mit Erfahrungsaustausch, Schulungen oder ähnlichen Aktivitäten. Besonders gefördert werden können Projekte zur Aktivierung der Jugend. Die Ideen dafür sollten jedoch direkt von jungen Menschen kommen, damit sie möglichst zielgerichtet sind.

Ulf Pustow sorgte für einen reibungslosen Ablauf des Treffens.
Foto: Lech Kryszałowicz
Speziell für Nordpolen
Joanna Hassa informierte über die Programme, die der Verband durchführt, und darüber, welche Unterstützung er den deutschen Organisationen bieten kann. Der Verband denke besonders an die Organisationen in Nordpolen und werde ihre Projekte vorrangig behandeln. Es gebe sogar ein spezielles Programm für sie – „Norden-Aktiv“.
Diese Organisationen müssten jedoch mindestens einmal im Jahr eine Veranstaltung für Jugendliche organisieren. Falls ihnen Ideen für solche Projekte fehlen, werde der Verband beratend unterstützen. Alle Programme des Verbands seien auf der Website des VdG verfügbar: www.vdg.pl. Darüber hinaus bietet der VdG Online-Schulungen an. Die nächste findet bereits am 18. Juni statt.
„In der polnischen Gesellschaft gibt es viele Menschen, die sich für die deutsche Sprache, die deutsche Geschichte der Region sowie ihr kulturelles und materielles Erbe interessieren.“
Ulf Püstow, Beauftragter der Landsmannschaft für Kontakte zu Landsleuten in der Heimat
Patrik Valouch – der neue Kulturmanager des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) aus Stuttgart – stellte sich, seine Aufgaben und die Institution vor, die ihn entsandt hat.

Das Treffen bot Gelegenheit für viele informelle Gespräche.
Foto: Lech Kryszałowicz
Zusammenarbeiten und zusammenschließen
Das Treffen bot auch Gelegenheit zum Meinungsaustausch, zur Weitergabe von Erfahrungen und zur Integration. Worüber wurde am meisten diskutiert?
Über die Jugend und die Zukunft. Die Zukunft der deutschen Organisationen im Nordosten Polens sieht nicht gut aus. In den meisten gibt es keine Nachfolger, die sich ehrenamtlich engagieren könnten. Es besteht bereits eine Zweigenerationenlücke zwischen den Aktivisten, die die Organisationen gegründet haben, und der Generation der 20- bis 30-Jährigen, die ihre Arbeit fortsetzen könnte. Es fehlt auch an Kandidaten für Führungsaufgaben. Was ist in einer solchen Situation zu tun?
Ulf Püstow rät den deutschen Gesellschaften zu engerer Zusammenarbeit oder sogar zu Zusammenschlüssen sowie zu einer stärkeren Öffnung gegenüber der polnischen Seite.
„In der polnischen Gesellschaft gibt es viele Menschen, die sich für die deutsche Sprache, die deutsche Geschichte der Region sowie ihr kulturelles und materielles Erbe interessieren“, versicherte er.
Eine solche Zusammenarbeit funktioniert bereits erfolgreich in einigen Organisationen, etwa in Bartenstein und Heilsberg. Vor einigen Jahren führten die Gesellschaften in Rastenburg und Sensburg gemeinsame Aktionen durch. In den letzten Jahren kam es außerdem zu einer Annäherung zwischen dem Verband der deutschen Gesellschaften in Ermland und Masuren und der Allensteiner Gesellschaft der Deutschen Minderheit, die vor vielen Jahren aus dem Verband ausgetreten war, obwohl sie zu dessen Hauptgründern gehörte.
Die Teilnehmer des Treffens widmeten auch viel Zeit den Fragen der Finanzierung der deutschen Organisationen, wobei es sich weitgehend um eine Fortsetzung der Themen handelte, die bereits während der vorherigen Hauptversammlung der Delegierten des VdGEM behandelt worden waren.
Lech Kryszałowicz