Gespräch mit Senatorin Halina Bieda

„Man muss hier und jetzt leben und die Zukunft aufbauen“

17 September 2026, 11:30 Geschichte , Politik

Mit Halina Bieda, Senatorin der Republik Polen, sprach Andrea Polanski über das 35-jährige Bestehen des Deutsch-Polnischen Vertrags über gute Nachbarschaft, das kulturelle Erbe und die Restitution von Kulturgütern.

Im Jahr 2026 jährt sich die Unterzeichnung des Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschland zum 35. Mal. Wie bewerten Sie diesen Zeitraum aus der Perspektive der Zusammenarbeit im Bereich Kultur und Schutz des kulturellen Erbes? Was betrachten Sie als ihre größten Errungenschaften?

Ich freue mich, dass der Vertrag überhaupt unterzeichnet wurde. Ich erinnere mich an die positiven Emotionen, als in Kreisau die Geste von Premierminister Mazowiecki und Bundeskanzler Kohl erfolgte. Vor allem hat sich unsere Haltung gegenüber dem deutschen Erbe verändert. Vor dem Zweiten Weltkrieg lag ein Teil der heutigen Republik Polen innerhalb der Grenzen des deutschen Staates, und viele Zeugnisse jener Geschichte wurden später gerade deshalb verborgen, weil sie deutsch waren. Heute messen wir dem größere Bedeutung bei, dass es einfach kulturelles Erbe ist, um das wir uns im Rahmen der europäischen Gemeinschaft kümmern sollten, unabhängig davon, wer es geschaffen hat.

Halina Bieda betont die Notwendigkeit größerer finanzieller Unterstützung für den Schutz, die Revitalisierung und die Erneuerung von Denkmälern.
Foto: FB/Halina Bieda – Senatorin der Republik Polen

Was die Restitution selbst betrifft: Ich war positiv überrascht und gerührt, als die deutsche Seite Polen während des diesjährigen Deutsch-Polnischen Forums zwei weitere Kulturgüter übergab. Das Wiederauffinden dessen, was während des Krieges aus Polen verschleppt wurde, und die Rückkehr dieser Gegenstände in die Museen halte ich für sehr wertvoll.

Gibt es noch konkrete Errungenschaften, die Sie nennen möchten?

Hervorzuheben ist sicherlich die Tätigkeit der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, insbesondere die organisierten Konferenzen, Seminare und der Jugendaustausch. Die Möglichkeit, gegenseitig die Orte kennenzulernen, an denen junge Polen und Deutsche leben, fördert den Aufbau neuer Freundschaften und einer gemeinsamen Zukunft. Ein wichtiges Element dieses Austauschs ist der Besuch deutscher Jugendlicher im ehemaligen KZ Auschwitz. Das ist eine Zeit des Nachdenkens und der Reflexion über die schwierigen Ereignisse unserer gemeinsamen Geschichte, aber auch eine Gelegenheit, die Beziehungen zu würdigen, die uns heute verbinden.

Während des diesjährigen Deutsch-Polnischen Forums in Berlin wurden Polen weitere Kulturgüter übergeben, wie Sie bereits erwähnten, darunter der Ring von Sigismund I. dem Alten, ein Fragment der Handschrift von „Gaude Mater Polonia“ sowie Vorkriegs-Eisenbahnexponate. Es waren weitere Rückgaben nach wichtigen Restitutionen Ende 2025. Können wir vom Beginn einer neuen Etappe im Restitutionsprozess sprechen? Können wir erwarten, dass in Zukunft weitere wertvolle Objekte nach Polen zurückkehren?

So würde ich es erwarten, aber damit überhaupt etwas geschieht, müssen Brücken und Beziehungen aufgebaut werden. Wenn sich beide Seiten wie an der Maginot-Linie verschanzen, ist es kaum zu erwarten, dass sie einander etwas übergeben. Das ist die Arbeit von Diplomaten, Beamten, Ministern, aber auch von Nichtregierungsorganisationen und der Gesellschaft. Soweit ich weiß, hat das Ministerium weitere Rückführungen von Kulturgütern nach Polen angekündigt.

„Die Geschichte ist wichtig, man darf sie nicht vergessen, aber man darf auch nicht nachtragend sein. Das ist geschehen, das sind Fakten, man muss darüber sprechen, aber heute befinden wir uns in einer anderen Realität, und man muss hier und jetzt leben und die Zukunft aufbauen.“

In Polen ist das deutsche kulturelle Erbe nach wie vor mitunter ein kontroverses Thema, besonders wenn es mit der schwierigen Geschichte des 20. Jahrhunderts verbunden ist. Sind diese Kontroversen Ihrer Meinung nach berechtigt? Wie sollten wir heute über das deutsche Erbe sprechen, ohne dabei weder seinen kulturellen Wert noch den schwierigen historischen Kontext auszublenden?

Der Kontext ist wichtig. Ich verwende meist folgenden Vergleich: Es ist ein wenig wie Autofahren. Man muss vorwärtsfahren und von Zeit zu Zeit in den Rückspiegel schauen, aber man kann nicht fahren, indem man ausschließlich in den Rückspiegel blickt. Die Geschichte ist wichtig, man darf sie nicht vergessen, aber man darf auch nicht nachtragend sein. Das ist geschehen, das sind Fakten, man muss darüber sprechen, aber heute befinden wir uns in einer anderen Realität, und man muss hier und jetzt leben und die Zukunft aufbauen.

Und können die Polen dieses Gleichgewicht finden, können sie sich von der nachtragenden Haltung lösen, die häufiger auf der rechten Seite der politischen Bühne auftritt? Was kann die Politik tun, um diese Wunde der Vergangenheit nicht zu vertiefen?

Es gibt einen Teil der Menschen, die das verstehen, und einen Teil, der entweder nicht versteht oder vorgibt, nicht zu verstehen. Mir ist der Satz aus der Erklärung von Robert Schuman nahe, dass ein gemeinsames Europa nicht sofort entstehen wird, sondern durch konkrete Handlungen. Das modellhafte Beispiel einer solchen Geste bleibt bis heute der Brief der polnischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe von 1965. Es gibt auch Kontroversen, wie im Fall der Ausstellung in Danzig über Soldaten, die in die Wehrmacht eingezogen wurden. Zehn Jahre früher rief eine ähnliche Ausstellung in Schlesien nicht so große Emotionen hervor. Diese Emotionen werden manchmal absichtlich angefacht, und die Aufgabe derer, die anders denken, ist es zu zeigen, dass dies nur spaltet und zu Konflikten führt.

Ein gutes Beispiel ist das Amphitheater auf dem St. Annaberg, das in den 1930er Jahren im Rahmen der nationalsozialistischen Erinnerungspolitik entstand. Wie sollte man Ihrer Meinung nach heute mit solchen Orten umgehen? Bewahren als Denkmäler oder interpretieren durch das Prisma ihres historischen Kontexts?

Dass wir das Schloss in Moschen, das Schloss Fürstenstein oder das Schloss in Pleß haben, bedeutet nicht, dass sie vom Himmel gefallen sind – jemand hat in ihnen gewohnt, jemand hat sie gebaut, sie haben ihre Geschichte. Es ist wahr, dass ein Teil der Menschen, die sie bauten, oder ihre Nachkommen später grausame Taten begingen. Ich bin jedoch der Meinung, dass man das trennen muss: schlechtes Verhalten kritisieren, aber man kann schwerlich sagen, dass das Schloss in Pleß schrecklich ist, weil die Nachkommen der Familie in etwas verwickelt waren. Das Objekt selbst ist schön und wurde zu einem schönen Zweck erbaut. Dass sich später einige so verhielten, wie sie sich verhielten, was eindeutig verurteilt werden muss, ist eine separate Angelegenheit. Hier ist eine Unterscheidung nötig: Schlechte Dinge sind geschehen, und man muss sie brandmarken und sich an sie erinnern, aber es gibt auch schöne Dinge, die es gut ist zu zeigen.

Foto: FB/Halina Bieda – Senatorin der Republik Polen

Kann die gemeinsame Sorge um das polnische und deutsche kulturelle Erbe zu einem noch wichtigeren Raum der Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern werden?

Ich denke ja. Jeder Bereich ist wichtig, und hier haben wir zusätzlich den Schutz dessen, was einst entstanden ist und sich nicht wiederholen wird, weil die Menschen, die es geschaffen haben, nicht mehr unter den Lebenden weilen. Das ist unser gemeinsames europäisches Erbe.

Welche Maßnahmen würden Sie in den kommenden Jahren gerne sehen, und was wünschen Sie sich in diesem Bereich am meisten?

Sicherlich würden größere finanzielle Mittel helfen, die heute für Revitalisierungen und die Erneuerung von Denkmälern unzureichend sind. In Oberschlesien haben wir vor allem das postindustrielle Erbe. Ein Beispiel ist meine Heimatstadt Beuthen, wo die Revitalisierung des ehemaligen Heizkraftwerks in Schomberg läuft, das von Georg und Emil Zillmann entworfen und „unsere Industriekathedrale“ genannt wurde. Es wurde von einem privaten Unternehmer gekauft, der das Objekt für andere Funktionen anpassen wird; nichtsdestotrotz wird es gerettet. Ähnlich ist es beim Schacht Krystyna, wo die Revitalisierung beginnt. Es wird nie gelingen, alles zu retten, aber was restauriert werden konnte, muss man zeigen und auf dieses Erbe stolz sein.

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