Geschichte der schlesischen Industrialisierung

Die Estakade in Königshütte: Eine Brücke, die verbindet und trennt

9 Juni 2026, 17:00 Geschichte , Kolumne

In der Geschichte Schlesiens waren die ersten Brücken Schlüsselelemente der Handels- und Verteidigungsinfrastruktur. Als älteste gilt die Steinerne Brücke in Glatz, die in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts erbaut wurde. Die älteste Metallbrücke hingegen ist die Brücke bei Striegau aus dem Jahr 1796.

Eine der bekannteren und strategisch wichtigen Brücken Schlesiens war jedoch die Hundsfelder Brücke in Breslau aus dem Jahr 1870. Sie diente den Stadtbewohnern viele Jahre lang.

In den Jahren 1892–1897 wurde im Zuge des Baus des neuen Stadthafens auf der linken (südwestlichen) Seite der Alten Oder ein Stadtkanal angelegt. Dieser wurde damals mit einer Stahlfachwerkbrücke überquert, wodurch die ursprüngliche Hundsfelder Brücke verlängert wurde. Aufgrund der erforderlichen Durchfahrtshöhe und des Alters wurde die alte östliche Hundsfelder Brücke durch eine Betonbogenbrücke ersetzt, die einige Meter flussaufwärts liegt. Die neue Brücke, entworfen von Günther Trauer, wurde 1916 eröffnet und zu Ehren des siegreichen deutschen Generals Paul von Hindenburg „Hindenburgbrücke“ genannt.

„Es entstand ein Problem nicht nur für Königshütte, sondern auch für die umliegenden Städte, denn die Estakade ist Bestandteil der Verkehrsader zwischen Beuthen und Kattowitz.“

Die Entwicklung des Bergbaus und der Hüttenindustrie in Oberschlesien erzwang Veränderungen im Transport von Rohstoffen und Hüttenprodukten. Anfangs setzte man auf den Wassertransport, doch bald machte der zivilisatorische Fortschritt auch den Ausbau des Eisenbahn- und Straßenwesens notwendig. Friedrich Wilhelm Graf von Reden verdanken wir den Bau des Hauptschlüsselerbstollens, der die damalige Königsgrube mit der Luisengrube in Königshütte verband – dies hatte neben der technologischen Bedeutung für die Grubenentwässerung auch große transporttechnische Bedeutung. Der gestiegene Kohleabbau ließ die Transportkapazität des Stollens jedoch bald nicht mehr ausreichen.

Aufgrund der Erschöpfung der oberflächennahen Steinkohleflöze, der Aufgabe der Kohleabnahme durch die Königliche Eisengießerei in Gleiwitz sowie im Zusammenhang mit der Entwicklung des Straßen- und Schienenverkehrs gab man den Kohlentransport auf diesem Weg auf.

An der Stelle des Stollens entstand eine Straße, die Gleiwitz über Hindenburg O.S. mit Königshütte verband.

Kronprinzenstraße und die Geburt der modernen Infrastruktur

Diese Straße wurde zu Ehren des späteren preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. „Kronprinzenstraße“ genannt. Als sie trassiert wurde, bestand das heutige Zabrze (später Hindenburg O.S.) lediglich aus einigen Dörfern, doch mit der Zeit wurde die Straße zur Hauptader der später entstandenen Stadt. Heute ist sie eine der längsten Straßen Polens – etwa 9,5 Kilometer lang. Ende des 19. Jahrhunderts verkehrte auf dieser Straße die erste Pferdebahn.

Doch bevor die erste Straßenbahnlinie entstand, gab es auf dem Gebiet Oberschlesiens bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Schmalspurbahn.

Die ersten Pläne zur Inbetriebnahme von Straßenbahnen in Oberschlesien stammen vom 24. April 1892. An diesem Tag unterzeichneten die Firma Kramer & Co. und der Magistrat von Beuthen einen Vertrag über den Bau der Linie Gleiwitz – Königshütte – Beuthen – Deutsch Piekar. Ursprünglich sollte sie eingleisig mit Ausweichen ausgeführt werden, bei einer Spurweite von 1.000 mm, und es sollten Dampfstraßenbahnen darauf verkehren.

Die ersten Informationen über Elektrifizierungspläne tauchten 1896 auf, ein Jahr später auch über Pläne zum Bau einer elektrifizierten Linie von Beuthen nach Miechowitz. 1898 erhielt die Firma Kramer & Co. die Konzession für den Bau einer elektrischen Bahn Kattowitz Ring – Zawodzie. Im selben Jahr erhielt die Kattowitzer Firma Schikora & Wolff die Konzession für den Bau mehrerer weiterer Linien.

Hindenburg O.-S. – Kronprinzenstrasse Foto: Slaska Biblioteka Cyfrowa

Damit sich die Straßenbahnlinien jedoch ungehindert mit der nahe gelegenen Eisenbahnlinie kreuzen konnten, baute man die erste Brücke im heutigen Chorzów. Sie wurde zur ersten Estakade. Die Brücke trug den Namen „Germaniabrücke“, und in der Nähe, auf dem Platz bei der Post, wurde das Germania-Denkmal errichtet. Dieses Architekturelement aus Königshütte findet sich auf vielen Postkarten aus jener Zeit.

Über viele Jahrzehnte hinweg diente die Brücke als Verbindung zwischen den Städten der Region, als Transportweg für Güter und als Fortbewegungsmittel für die Einwohner nicht nur von Königshütte. Aufgrund ihrer exponierten Lage erfuhr sie zahlreiche Umbauten und Modernisierungen. Auch die hier verlaufende Straßenbahnlinie veränderte sich. Doch in den 1970er Jahren wurde die Strecke über den Ring von Königshütte unzureichend – es bildeten sich Staus, und das Straßensystem, in dem Fußgänger-, Straßen- und Straßenbahnverkehr aufeinandertrafen, war gefährlich.

Es wurde notwendig, eine Lösung zu finden, die im Bau einer Estakade über dem Ring bestand. Dies ermöglichte einerseits, den Durchgangsverkehr aus der Innenstadt herauszuführen, andererseits veränderte es – was bis heute kritisiert wird – infolge von Abrissen die Struktur der Innenstadt.

Die Estakade – eine Brücke, die die Stadt teilte

Nach dieser historischen Einführung ist es nun an der Zeit, zum aktuellen Bericht überzugehen – zu dem, wozu die Brücke geführt hat, beziehungsweise zu ihrem politischen Umfeld: zu einem Problem, das die Stadt, anstatt sie zu verbinden, gespalten hat.

Die Estakade unterlag im Laufe vieler Jahre einem natürlichen Verschleiß und ist renovierungsbedürftig. Bereits früher wurden sowohl laufende als auch umfassende Reparaturen durchgeführt. Eine dieser Reparaturen nutzte man auch für den Umbau des Ringplatzes, der damals zu einem nutzbaren Raum für die Bewohner und zu einem Ort für Veranstaltungen wurde. Unter der Estakade wurden Lokale, Geschäfte und sogar eine Dienststelle einer Abteilung des Stadtamtes untergebracht, was bei den Bürgern auf positive Resonanz stieß.

Bereits vor zehn Jahren entstand aufgrund des ständig steigenden Autoverkehrs in der Innenstadt das Konzept einer Umgehungsstraße, die es ermöglichen sollte, den Durchgangsverkehr zwischen Beuthen und Kattowitz um den Ring von Königshütte herumzuleiten. Aufgrund der hohen Kosten, die sich die Stadt ohne externe Finanzierung nicht leisten konnte, wurde dieses Konzept jedoch fallengelassen. Nach dem Machtwechsel in der Stadt kehrte die Idee einer Umgehungsstraße zurück – oder zumindest die Verlagerung des Verkehrs unter Nutzung der bestehenden Infrastruktur.

Estakada w Chorzowie
Foto: estakada.chorzow.eu

Vor einem Jahr entdeckte man an der Estakade Schäden, die auf ihren schlechten technischen Zustand hinweisen sollten. Der Stadtpräsident ordnete die sofortige Schließung dieser Verbindung an. Gestützt auf ein einziges Gutachten befand man, dass die Estakade die Sicherheit gefährde und aufgrund ihres Zustands eine Baukatastrophe drohe.

Es entstand ein Problem nicht nur für Königshütte, sondern auch für die umliegenden Städte, denn die Estakade ist Bestandteil der Verkehrsader zwischen Beuthen und Kattowitz. Ihre Schließung verlagerte den Verkehr zwischen den Städten auf lokale Straßen, was zu Frustration bei den Bewohnern führte und die Sicherheitsgefahr erhöhte. Die Sperrung des Verkehrs unter der Estakade führte außerdem zu einer Teilung der Stadt in zwei Hälften. Nutzer mussten die Lokale unter der Estakade verlassen, und über Nacht verloren Unternehmer und ihre Angestellten ihre Arbeitsplätze. Der Verkehr in der Innenstadt erstarb. Über der Stadt schwebte die Vision einer Apokalypse. Lediglich die Eisenbahn nahm relativ schnell den Verkehr unter der als gefährdet geltenden Brücke wieder auf.

Was kommt als Nächstes?

Um die Gefahrenwirkung zu verstärken, wurden die jüngsten Baukatastrophen der Carolabrücke in Dresden und der Ponte Morandi in Genua herangezogen, obwohl es sich um völlig andere Konstruktionen handelte.

Das von der Stadtverwaltung in Auftrag gegebene Gutachten ergab, dass die Estakade nicht die erforderliche Tragfähigkeit aufweise und ein Versagen oder eine Katastrophe drohe. Das Dokument erwähnte auch, dass die Estakade aus DDR-Stahl gefertigt worden sei, der mit der Zeit aufgrund spezifischer Korrosion seine Eigenschaften verliere – derselbe Materialtyp wurde beim Bau der Carolabrücke in Dresden verwendet.

Die öffentliche Meinung spaltete sich sofort – ähnlich wie die Stadt – in zwei Lager.

Die Anhänger des Stadtpräsidenten forderten einen möglichst schnellen Abriss der Estakade und die Wiederherstellung der Funktion des Ringplatzes aus der Zeit vor ihrem Bau, ohne zu berücksichtigen, dass dies nicht mehr dieselbe Stadt ist. Infolge der Abrisse und der Funktionsänderung des Ringplatzes haben sich sowohl sein Charakter als auch die ihn umgebende Bebauung verändert.

Die Gegner vermuten hingegen, dass die Schließung der Estakade Teil eines politischen Machtspiels mit der vorherigen Stadtführung sei, die ihrer Ansicht nach durch Vernachlässigung von Renovierungen den heutigen Zustand herbeigeführt habe.

Die Geschichte eines Sockels
Kattowitz

Die Geschichte eines Sockels

Mehr lesen →
Gustav Becker und die Zeit, die Jahrhunderte überdauert hat

Gustav Becker und die Zeit, die Jahrhunderte überdauert hat

Mehr lesen →

Hinzu kommt, dass neue Gutachten die Estakade, wenn auch in eingeschränktem Umfang, für die Nutzung zulassen. All dies entfremdet einen großen Teil der Bewohner vom Stadtpräsidenten und seinem Team.

Man wirft ihm auch vor, dass Königshütte in seiner Wahrnehmung nur aus Ruch Chorzów und dessen heute nicht mehr existierendem Stadion bestehe und dass alle finanziellen Einschränkungen und Sparmaßnahmen auf den Bau eines neuen Stadions ausgerichtet seien, dessen Finanzierung die Stadt auf Jahrzehnte ruinieren könnte.

Es ist daher kaum verwunderlich, dass sich in der Stadt eine Gruppe gebildet hat, die es sich zum Ziel gesetzt hat, ein Referendum zur Abberufung des Stadtpräsidenten herbeizuführen. Die Gruppe sammelte Unterschriften, die bei der zuständigen Institution – der Staatlichen Wahlkommission – eingereicht wurden. Alle warten nun auf die Entscheidung, ob das Abberufungsreferendum stattfinden wird und mit welchem Ergebnis.

Die Frage für die Zukunft lautet daher: Wird diese Aktion – wie die Estakade – die Bewohner dauerhaft spalten, oder wird sie sie, wie eine Brücke, zum Wohle der Stadt verbinden?

Denn Brücken sollten verbinden.

Teilen:
Das Mittelalter – eine faszinierende Zeit!
vorheriger Artikel

Das Mittelalter – eine faszinierende Zeit!

Blumenwiese auf der DFK-Wand
nächster Artikel

Blumenwiese auf der DFK-Wand

Ansichtssache