Jagd nach den Memoiren eines Gauleiters

Wusste Erich Koch was mit dem Bernsteinzimmer passierte?

25 Juli 2026, 16:30 Geschichte

Als der alte Mann am 12. November 1986 nach 36 Jahren Haft in polnischen Gefängnissen starb, war er eine vergessene Person. Zwar gab es in einigen deutschen Zeitungen kleine Nachrufe, doch mit dem Namen Erich Koch konnten viele Deutsche nichts mehr anfangen. Dabei war er während des Dritten Reiches einer der schlimmsten Nazis gewesen. Er wurde für den Tod von weit mehr als einer Million Menschen verantwortlich gemacht – darunter Juden, Polen, Ukrainer und Ostpreußen.

Wäre damals bekannt gewesen, dass der 90-Jährige möglicherweise ein sensationelles Erbe hinterlassen hat, hätte sein Tod zweifellos mehr Aufsehen erregt. Denn offenbar hatte Koch, der Adolf Hitlers Vertrauen genoss und mit dessen Sekretär Martin Bormann befreundet war, schon in den 70er-Jahren im Gefängnis in Barczewo/Wartenburg seine Memoiren geschrieben. Doch sie blieben nach seinem Tod unauffindbar – und sind bis heute verschwunden.

Brutal gegen die Bevölkerung

1959, als Koch in Warschau vor Gericht gestellt wurde, kannte in Polen und der Ukraine jedes Kind seinen Namen, und zwei Millionen Ostpreußen verbanden die dramatische und verlustreiche Flucht vor der Roten Armee nach Westen mit ihm. Der Gerichtssaal war zum Bersten gefüllt, zahlreiche Journalisten aus vielen Ländern waren eigens angereist, als das Wojewodschaftsgericht am 9. März das Urteil sprach. In diesem Prozess wurde ihm der Tod von mindestens 300 000 Menschen vorgeworfen – Polen und Juden, die zwischen 1939 und 1944 ermordet worden waren.

Zu dieser Zeit war das Gebiet der Stadt Ciechanów als Zichenau nach der deutschen Besetzung an Ostpreußen angegliedert, wo Koch seit 1928 Gauleiter war. Das Gebiet Białystok kam ebenfalls unter seine Kontrolle. Koch beutete sein neues Herrschaftsgebiet rücksichtslos aus und ging brutal gegen die einheimische Bevölkerung vor. Zwar konnte ihm das Gericht keine direkte Beteiligung an Mordaktionen der SS nachweisen, jedoch hatte es keine Zweifel daran, dass er als Vorgesetzter des regionalen SS-Chefs die Verantwortung trug. Das Urteil konnte daher in den Augen der Richter nur auf Tod lauten.

Erich Koch
Quelle: Wikipedia

Dabei waren Kochs Verbrechen in Polen nur der kleinere Teil dessen, was ihm eigentlich zur Last gelegt wurde. Denn als „Reichskommissar der Ukraine“ wurde er zusätzlich für den Tod von mindestens einer Million Ukrainer und Juden verantwortlich gemacht. Er galt als Hitlers größter Territorialherr, sein Herrschaftsgebiet reichte von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Diese Verbrechen fielen allerdings nicht in die Zuständigkeit des polnischen Gerichts. Stalin wollte ihn zur allgemeinen Verwunderung aber nicht haben, als er 1949 nach vierjährigem Untertauchen in Schleswig-Holstein von der britischen Militärpolizei gefasst wurde. Vehement forderten dagegen ehemalige Ostpreußen wie die „Zeit“-Journalistin Marion Gräfin Dönhoff, die Koch aus ihrer alten Heimat her persönlich kannte, seine Verurteilung in der gerade gegründeten Bundesrepublik. Er sei „einer der großen politischen Schergen des Dritten Reiches und zeitweise neben Hitler einer der wichtigsten Männer in der NSDAP“ gewesen, schrieb sie.

„Erich Koch galt als Hitlers größter Territorialherr, sein Herrschaftsgebiet reichte von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.“

Den Ostpreußen war Koch verhasst, weil er ihnen im Winter 1945 verboten hatte, rechtzeitig vor der heranrückenden Roten Armee nach Westen zu flüchten. In der Folge starben tausende Menschen, als sie bei Eiseskälte schließlich völlig überstürzt und unvorbereitet fliehen mussten. Koch war auch einer der Befürworter des „Volkssturms“, zu dem in den letzten Wochen vor Kriegsende noch etliche Jugendliche und alte Männer verpflichtet wurden. Anfang 1950 wurde er aber trotz des Appells Dönhoffs nach Polen ausgeliefert, denn anders als die sowjetische hatte die polnische Regierung einen Auslieferungsantrag gestellt. Warschau stellte ihn dann fast neun Jahre später endlich vor Gericht.

Zu krank zum Sterben?

Das Todesurteil wurde allerdings nicht vollstreckt. Koch kam eine Absurdität des polnischen Strafrechts zugute, nach dem schwer erkrankte Verurteilte nicht hingerichtet werden durften. Wahrscheinlich gab es aber noch einen anderen Grund: Erich Koch hatte sich im Krieg eine große Sammlung von Kunstgegenständen zusammengeraubt. Darunter war auch das berühmte Bernsteinzimmer aus Leningrad (Sankt Petersburg), das er nach Königsberg schaffen und dort im Schloss ausstellen ließ. Er hatte die Holzkisten, in die es aus Sicherheitsgründen lange vor dem Kriegsende wieder verpackt worden war, als einer der Letzten gesehen. Wahrscheinlich hatte er auch den Befehl gegeben, sie an einen Ort zu schaffen, wo sie der Roten Armee nicht in die Hände fielen. Angeblich machte er den Polen immer wieder Hoffnungen, ihnen das Versteck zu zeigen, wenn sie ihn freiließen. Auch der Staatssicherheitsdienst der DDR (Stasi) forschte danach und befragte Koch im Gefängnis. 13 dicke Aktenbände füllten die Aufzeichnungen über die ergebnislose Suche.

Koch verschwand nach der Aussetzung des Todesurteils im Prominentengefängnis von Barczewo (dem ehemaligen Wartenburg). Einer der größten deutschen Kriegsverbrecher geriet im Laufe seiner jahrzehntelangen Haft hinter dem Eisernen Vorhang in Polen hierzulande fast völlig in Vergessenheit. Willy Brandt hätte ihn bei seinem berühmten Besuch 1971 in Warschau theoretisch mitnehmen können. Doch die deutsche Delegation war nicht nur völlig verblüfft, dass Koch überhaupt noch lebte – sie verzichtete auch gerne auf seine Rückführung. In Deutschland hätte Koch vermutlich auf freien Fuß gesetzt werden müssen, so die Sorge.

Erich Koch in der Strafvollzugsanstalt Wartenburg. November 1986.
Foto: PAP/PAI Morek

Allerdings gab es in Bonn auch noch andere Befürchtungen. Denn Koch hatte während des Dritten Reiches ein eng gesponnenes Netz von Kontakten in der Partei und wusste so einiges über die Vergangenheit von Politikern, Militärs oder Juristen. So war Konrad Adenauers Vertriebenenminister Theodor Oberländer einige Zeit sein direkter Untergebener gewesen. Hätte er geplaudert, wäre das womöglich in Zeiten des Kalten Krieges zwischen Ost und West unangenehm geworden. Solange er weit weg in Polen im Gefängnis saß, galt er als ungefährlich. Wahrscheinlich dachte Koch allerdings gar nicht daran, all sein Wissen mit ins Grab zu nehmen. Da er im Gefängnis deutsche Zeitungen lesen konnte, war er über die veröffentlichten Erinnerungen von NS-Größen wie Albert Speer und Baldur von Schirach oder dem einstigen Chef des Generalstabes der Wehrmacht, Franz von Halder, informiert. Vielleicht hat er sie sogar gelesen. Zunächst hatte er offenbar geplant, nach seiner Haftentlassung, auf die er bis zu seinem Tod hoffte, seine Memoiren zu verfassen. 1972 schrieb er einem ehemaligen Vertrauten aus seiner Zeit als ostpreußischer Gauleiter: „Ewig schade wäre es, wenn ich alles mit ins Grab nehmen müsste. Ich denke, wir verstehen uns!“ Die Veröffentlichung seines Wissens und seiner Kenntnisse werde wie eine Atombombe einschlagen, war er sich sicher. „Weder Halder, Speer noch Schirach wissen Wirkliches.“

Memoiren wertvoller als die von Albert Speer

Dann änderte er seine Meinung und begann offenbar doch im Gefängnis mit der Arbeit. Im Dezember 1974 schrieb er an Verwandte in Wuppertal, er werde noch entscheiden, „wer das Recht erhält, meine Memoiren – die mehr wert sind als die von Speer oder Schirach – zu veröffentlichen“. Ein Verwandter aus Westdeutschland, der als Abwesenheitspfleger für ihn tätig war und Koch im Gefängnis besuchte, berichtete, eine Art Tagebuch in Kochs Zelle gesehen zu haben. Doch was es auch immer war: Nach dessen Tod 1986 blieb es verschwunden. Die polnischen Behörden gaben gegenüber den Anwälten der in der Schweiz lebenden Erbin Kochs nur an, dass in seiner Zelle neben Bargeld „Mobilien“ gefunden worden seien, ohne eine weitere Erklärung hinzuzufügen. Versuche der Anwälte der Frau und der deutschen Botschaft, an den Nachlass zu gelangen, schlugen fehl. Dass er, wenn es ihn denn gab, sowohl einen großen historischen als auch materiellen Wert besaß, war ihnen wohl klar. Gerüchte, nach denen ein Gefängniswärter das Manuskript beiseitegeschafft habe, haben sich bislang nicht bestätigt.

Das Bernsteinzimmer. Angeblich wusste Koch, was damit passiert ist.
Quelle: Wikipedia

Was auch immer in dem verschollenen Manuskript über andere Nazi-Größen wie Heinrich Himmler oder Hermann Göring, mit denen Koch ständig zu tun hatte, steht – die Geschichte müsste im Falle seiner Entdeckung nicht neu geschrieben werden. Interessante Details aus dem Innenleben des „Tausendjährigen Reiches“ könnte es aber sicher bergen.

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