Sommererinnerungen aus Reichenstein

Im Schatten des alten Apfelbaums

18 Juli 2026, 05:00 Kolumne

„Über Rosen lässt sich dichten, in Äpfel muss man beißen“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe im Faust. Treffender lässt sich der Zauber des Hochsommers kaum beschreiben. Vor allem dann nicht, wenn auf den alten Apfelbäumen die ersten Klaräpfel – im Schlesischen liebevoll Augustäpfel genannt – heranreifen. Ihre zarte Schale, das mürbe Fruchtfleisch und die erfrischende Säure kündigen seit Generationen den Beginn der sommerlichen Obstzeit an.

In unserem Garten steht ein ganz besonderer Baum – uralt, aber noch immer erstaunlich ertragreich. Er begrüßt mich zu jeder Jahreszeit, sobald ich das Gartentor öffne. Anfang Juli pflücken wir nach und nach die grün-goldenen Früchte. Die reifsten wandern direkt in die Küche, die übrigen dürfen noch geduldig in der Sommersonne nachreifen. Genau auf diese frühen Äpfel warteten die Menschen früher Jahr für Jahr voller Ungeduld.

So schrieb die Gleiwitzer Tageszeitung „Der Oberschlesische Wanderer“ im Jahr 1943: „Es geht nichts über den Augustapfel! Mit Sehnsucht wird er erwartet und mit Wonne graben sich die Zähne in sein mürbes und saftiges Fleisch und kostet die Zunge den Wohlgeschmack der milden, durch den Zuckergehalt gebändigten Säure. […]. Überraschend früh hat es in diesem Jahr den Augustapfel gegeben. Diese frühen Äpfel sind immer zum Frischverzehr bestimmt. Ansprüche an ihre Haltbarkeit werden nicht gestellt.“

In dieser Saison haben die Klaräpfel reichlich Regen und Feuchtigkeit bekommen, weshalb die Früchte besonders groß ausfallen.
Foto: MirellaST
Quelle: Pixabay

Noch früher, am 21. Juli 1934, informierte das „Sohrauer Stadtblatt“ die Einwohner über den Verkauf der Augustäpfel, also der frühen Sommerapfelsorten, zu „mäßigen Preisen“. Daran lässt sich erkennen, welch besonderes Ereignis das Erscheinen der ersten Äpfel der Saison einst war. Heute würden wir sie schlicht Klaräpfel nennen – eine Sorte, die man in Supermärkten allerdings fast vergeblich sucht. Aus ihnen lässt sich nahezu alles zaubern: aromatisches Apfelmus, nach Zimt duftender Kuchen, erfrischendes Kompott, feines Gelee, hausgemachtes Apfelbrot oder Marmelade. Früher dienten Klaräpfel außerdem als Beilage zu Fleischgerichten oder als Füllung für Pfannkuchen. Besonders harmonisch schmecken zarte Käseklöße mit leicht säuerlichem Apfelmus, etwas zerlassener Butter und Zimt. Mehr braucht es nicht. Gerade solche einfachen Gerichte verkörpern die sommerliche Hausmannskost – saisonal, sparsam und eng mit dem verbunden, was gerade im Obstgarten reif wird.

„Heute genügt – genau wie vor fast hundert Jahren – ein frisch vom Baum gepflückter Apfel, ein schnell gekochtes Mus und ein Platz im Schatten eines alten Apfelbaums, um den Geschmack des Sommers zu erleben.“

Der erste Geschmack des Sommers

Die Geschichte zeigt, dass Klaräpfel seit jeher als Sinnbild des Sommerbeginns galten. Heute genügt – genau wie vor fast hundert Jahren – ein frisch vom Baum gepflückter Apfel, ein schnell gekochtes Mus und ein Platz im Schatten eines alten Apfelbaums, um den Geschmack des Sommers zu erleben. Vielleicht kehren dabei auch Erinnerungen an die Kindheit zurück und an jene Köstlichkeiten, die unsere Großmütter mit wenigen Zutaten auf den Tisch zauberten – einfach, nahrhaft und voller Duft. Solche Rezepte veröffentlichte bereits 1915 die „Kattowitzer Zeitung“ in ihrer Rubrik „Aus dem oberschlesischen Industriebezirk – Wochenspeisezettel (für 4 Personen)“:

Buttermilchpfannkuchen

Zutaten: 250 g Buchweizenmehl, ¾ Liter Buttermilch oder saure Milch, Salz nach Geschmack, ½ Teelöffel Backpulver

Zubereitung:
Alle Zutaten sorgfältig verrühren. Anschließend in heißem Fett kleine Puffer oder Plinsen backen. Mit Zucker und Zimt bestreuen.

Mein Tipp: Gibt man zwei Eier und zwei geriebene Klaräpfel in den Teig, kann das Buchweizenmehl problemlos durch jedes andere Mehl ersetzt werden. So entsteht ein köstliches Abendessen.

Apfelflinsen schmecken einfach köstlich und bringen Menschen auf die schönste Weise gemein-sam an einen Tisch.
Foto: Małgorzata Janik

Käseklöße mit Apfelmus

Zutaten: 750 g Quark, 75 g Kartoffelmehl, 75 g Buchweizenmehl, 4 gekochte und geriebene Kartoffeln, 1 Ei, ¾ Teelöffel Salz, 75 g Zucker, 1 Esslöffel Rosinen

Zubereitung:
Alle Zutaten gründlich vermengen. Mit angefeuchteten Händen runde Klöße formen und in siedendem Salzwasser gar ziehen lassen. Anschließend mit goldbrauner Butter übergießen. Das Kochwasser wird zu einer Suppe verkocht.

Die Käseklöße mit warmem Apfelmus servieren.

Erinnerungen zwischen Apfelbaum und Kindheit

Vor wenigen Tagen entwickelte sich in den schlesischen sozialen Medien eine lebhafte Diskussion über das Rezept für „Apfelflinsen“ – luftige Apfelküchlein, die einst eine aus Reichenstein stammende Großmutter für ihre Enkelin gebacken hatte. Dieses kleine Städtchen mit seiner reichen Geschichte liegt mir besonders am Herzen. Sofort erinnerte ich mich an unseren ersten Aufenthalt im Gasthaus „Złoty Jar“ (früher „Schlackental-Waldschänke“), einem beinahe verwunschenen Ort, an dem die Zeit irgendwo zwischen Vergangenheit und Gegenwart stehen geblieben zu sein scheint. Was wir damals zum Abendbrot oder Frühstück gegessen haben, weiß ich längst nicht mehr. Doch obwohl inzwischen genau zehn Jahre vergangen sind, sehe ich uns noch immer in dem wunderschönen Speisesaal sitzen, der in eine lichtdurchflutete Veranda übergeht und voller historischer Details steckt. Bereits ein Reiseführer für das Riesengebirge und die Grafschaft Glatz aus dem Jahr 1920 beschrieb diesen Ort mit den Worten: „Man kommt an alten Stollen vorüber. Nach 20 Min. auf den Schlackentalplatz mit hübschen Anlagen und guter Gastwirtschaft.“

Speisesaal im Gasthaus „Złoty Jar“, Juli 2016.
Foto: Małgorzata Janik

Liebe Leserinnen und Leser! Ob Pfannkuchen, Käseklöße oder Apfelflinsen nach Großmutters Art – die Entscheidung liegt ganz bei Ihnen. Ich wünsche Ihnen einen genussvollen Sommer!

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