Vergessenes Erbe

Schönlinde – die Schönheit der Böhmischen Schweiz

12 Juli 2026, 17:00 Geschichte

Wer dem Trubel der Ostseebäder entfliehen möchte, sollte seinen Urlaub in der Böhmischen Schweiz verbringen. Von Oppeln sind es mit dem Auto kaum mehr als drei Stunden. Dafür erwarten den Besucher sanfte Berge, eine beeindruckende Natur und malerische Städtchen mit einer faszinierenden Geschichte.

Eines davon möchte ich besonders empfehlen: Schönlinde ist nicht nur seinem Namen nach schön. Die kleine Stadt am Rande des Nationalparks Böhmische Schweiz begeistert mit ihrer ruhigen Atmosphäre, ihrer Architektur und ihrer außergewöhnlichen Vergangenheit. Über Jahrhunderte war sie ein bedeutendes Zentrum des Handwerks und der Textilindustrie. Zeugnisse ihres einstigen Wohlstands finden sich bis heute nahezu überall – in historischen Fabrikgebäuden, der Pfarrkirche, auf dem Friedhof und in den Geschichten jener Familien, die den Aufstieg der Stadt ermöglichten.

Ein Spaziergang durch Schönlinde ist eine Reise von den mittelalterlichen Anfängen bis zur Blütezeit der europäischen Textilindustrie.

Vom mittelalterlichen Dorf zur Industriestadt

Die Anfänge Schönlindes reichen bis ins Mittelalter zurück. Vermutlich ließen sich hier zunächst etwa dreißig Siedlerfamilien aus Oberfranken nieder. Einer örtlichen Überlieferung zufolge befand sich unter dem Altar der alten Kirche ein Stein mit der Jahreszahl 1144, was darauf hindeuten könnte, dass bereits im 12. Jahrhundert eine Kirche an diesem Ort stand. Die erste gesicherte urkundliche Erwähnung stammt jedoch aus dem Jahr 1361, als Vaněk von Wartenberg als Besitzer des Ortes genannt wird. Damals gehörte Schönlinde zur Herrschaft Tollenstein und war eines der wenigen Pfarrdörfer der Region.

Blick auf die Pfarrkirche St. Maria Magdalena. Foto: A. Durecka

Seit dem 17. Jahrhundert entwickelte sich der Ort dank des traditionellen Handwerks kontinuierlich weiter. Vor allem die Leinenweberei gewann zunehmend an Bedeutung. 1731 entstand eine Garnmanufaktur, und im selben Jahr verlieh Kaiser Karl VI. Schönlinde das Marktrecht. Damit war ein wichtiger Schritt für die wirtschaftliche Entwicklung der Gemeinde getan.

Auch die Reformation hinterließ ihre Spuren. 1551 galt Schönlinde als vollständig evangelischer Ort. Rund ein Jahrhundert später führte die Gegenreformation zur Rückkehr der Bevölkerung zum katholischen Glauben.

Die Pfarrkirche St. Maria Magdalena – Zeugin vergangener Blüte

Zu den bedeutendsten Bauwerken der Stadt gehört die Pfarrkirche St. Maria Magdalena, die 1754 errichtet wurde. Ihr Inneres wurde mit Skulpturen des Dresdner Hofbildhauers Franz Anton Pettrich geschmückt und zählte einst zu den wertvollsten Kirchenausstattungen der Region.

Wnętrze kościoła św. Marii Magdaleny wymaga dziś pilnie remontu. Foto: A. Durecka

Das Innere der Kirche benötigt dringend einer Renovierung. Foto: A. Durecka

Heute befindet sich die Kirche in einem sanierungsbedürftigen Zustand. Dennoch erfüllt sie weiterhin ihre religiöse Funktion – jeden Sonntag um 10 Uhr wird hier eine heilige Messe gefeiert. Sehenswert ist auch das Lapidarium auf dem Kirchhügel mit zahlreichen kunstvoll erhaltenen Grabdenkmälern. Unweit davon befinden sich die Reste des ehemaligen Kreuzwegs. Obwohl nur Fragmente erhalten geblieben sind, vermittelt dieser Ort noch immer einen Eindruck von der religiösen Tradition früherer Generationen.

Die Familie Dittrich – Textilunternehmer von europäischem Rang

An den einstigen Wohlstand Schönlindes erinnert auch die eindrucksvolle Grabkapelle der Familie Dittrich auf dem örtlichen Friedhof. Die Dittrichs gehörten zu den bedeutendsten Unternehmerdynastien Mitteleuropas im 19. Jahrhundert. Ihre Geschichte ist untrennbar mit der Entwicklung der Textilindustrie sowohl in Böhmen als auch in Polen verbunden.

Die imposante Grabkapelle der Familie Dittrich. Foto: A. Durecka

1849 gründeten Carl August Dittrich und Karl Hielle in Schönlinde das Garnhandelshaus Hielle & Dittrich. Aus dem Unternehmen entstand innerhalb weniger Jahre ein weit verzweigtes Netz von Webereien und Veredelungsbetrieben.

Den entscheidenden Schritt zur internationalen Expansion machte die Firma 1857, als sie die in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratenen Flachsspinnereien in Żyrardów übernahm. Unter der Leitung von Hielle & Dittrich entwickelte sich das Werk zur größten Leinenfabrik Europas. Durch Unternehmerfamilien wie die Dittrichs gewann Schönlinde weit über die Region hinaus an Bedeutung.

Schindler – 170 Jahre Strumpfwirkerei

Ein weiteres bedeutendes Kapitel der Industriegeschichte Schönlindes schrieb Stefan Schindler. Seine traditionelle Strumpfwirkerei besteht seit 1854 – nahezu ohne Unterbrechung bis in die Gegenwart.

Stefan Schindler, Gründer des über 170 Jahre wirkenden Unternehmens. Foto: A. Durecka

Schindler gründete zunächst einen kleinen Betrieb zur Herstellung von Strumpfwaren, der sich im Laufe der Jahre zu einem der wichtigsten Unternehmen seiner Branche entwickelte. Mit dem raschen Wachstum entstand der Bedarf nach einem größeren Fabrikgebäude, dessen Planung dem Architekten Hans Richter übertragen wurde.

Es entstand ein für seine Zeit hochmodernes Stahlbetongebäude mit charakteristischen Fensterbändern, die sogar über die Gebäudeecken verliefen. Die lichtdurchfluteten Räume beeindruckten die Einwohner so sehr, dass sie das vierstöckige Gebäude schlicht „den Glaskasten“ nannten. Bis heute ist die Fabrik nahezu im Originalzustand erhalten geblieben. Zwar wurden einige der historischen Fenster im Inneren verblendet, dennoch gilt das Gebäude weiterhin als herausragendes Beispiel früher Industriearchitektur des 20. Jahrhunderts.

Die Geschichte des Unternehmens verlief jedoch nicht ohne Rückschläge. Während der Weltwirtschaftskrise musste die Firma 1937 Insolvenz anmelden. Nach der Verstaatlichung in der Nachkriegszeit und der Reprivatisierung im Jahr 1994 wurde der Betrieb unter verschiedenen Namen weitergeführt. Seit 2022 trägt er wieder seinen historischen Namen Schindlerova pletárna – Schindlers Strumpfwirkerei.

Die Geschichte der Strumpfwirkerei stellt eine Ausstellung auf dem Martkplatz dar. Foto: A. Durecka

Bis heute werden dort Strumpfwaren hergestellt – Nylonsocken, Kniestrümpfe, Strumpfhosen und Strümpfe. Es handelt sich um die einzige Strumpfwirkerei in Tschechien, die auf eine über 170-jährige, nahezu ununterbrochene Produktionstradition zurückblicken kann. Wissen und handwerkliches Können werden hier seit Generationen weitergegeben.

Auf dem Marktplatz von Schönlinde ist derzeit eine Ausstellung zu sehen, die an Stefan Schindler und die Geschichte seines Unternehmens erinnert.

Eine Stadt, die ihre Vergangenheit bewahrt

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Geschichte Schönlindes grundlegend. Die deutsche Bevölkerung wurde aufgrund der Beneš-Dekrete vertrieben, ihr Eigentum enteignet und die katholischen Kirchen ihrer ursprünglichen Besitzer beraubt. An ihre Stelle traten neue Einwohner – Tschechen aus anderen Landesteilen, Slowaken, Repatrianten und Roma. Bis heute lebt in Schönlinde eine bedeutende Roma-Gemeinschaft.

Trotz dieser bewegten Geschichte hat sich die Stadt ihren besonderen Charakter bewahrt. Heute verbindet Schönlinde die landschaftliche Schönheit der Böhmischen Schweiz mit der Erinnerung an jene Zeit, als sie zu den bedeutendsten Zentren der Textilindustrie Mitteleuropas gehörte. Ein Spaziergang durch die ruhigen Straßen wird hier zu einer Reise durch mehrere Jahrhunderte Geschichte.

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