Auf dem Sankt Annaberg wurde für alle Gefallenen gebetet

Erinnerung über Grenzen hinweg

4 Juli 2026, 05:00 Geschichte

Vertreter der deutschen Minderheit haben der Gefallenen beider Seiten der Kämpfe während des Dritten Schlesischen Aufstands gedacht. Bereits zum sechsten Mal legten sie Blumen nieder und zündeten Kerzen sowohl an den Gräbern der deutschen Verteidiger des Sankt Annabergs als auch der Aufständischen und Kadetten an. Für die Verstorbenen beteten die Teilnehmenden der Gedenkfeier sowohl auf Polnisch als auch auf Deutsch.

Die deutsche Minderheit gedachte der Opfer beider Konfliktseiten

An der Gedenkfeier auf dem Sankt Annaberg nahmen u. a. der Senator der Woiwodschaft Schlesien Henryk Siedlaczek, der VdG-Vorsitzende Rafał Bartek, der langjährige frühere Vorsitzende Bernard Gaida, der ehemalige Abgeordnete Helmut Paisdzior sowie Joanna Hassa teil. Auch Vertreter der Minderheit und der Selbstverwaltung waren anwesend. Unter ihnen befanden sich Edyta Gola, der Bürgermeister von Leschnitz Łukasz Jastrzembski sowie der Gemeindevorsteher von Reinschdorf Tomasz Kandziora.

Die Feierlichkeiten begannen mit einer heiligen Messe. Auf dem Foto Leschnitzer Bürgermeister Łukasz Jastrzembski. Foto: K. Ogiolda

– Im Alltag beschäftigt sich kaum jemand mit der Erinnerung an die Ereignisse von 1921 – sagte Tomasz Kandziora gegenüber Neues Wochenblatt.pl. – Manchmal erinnern große Politik und polnisch-deutsche Streitigkeiten daran. Doch in jeder lokalen Gemeinschaft in Schlesien, auch in der Gemeinde Reinschdorf, gab es Opfer der Ereignisse von 1921. Es gab Menschen, die später auch Verfolgung erlitten. Auf beiden Seiten. Alle verdienen Erinnerung – ohne über die damaligen Rechtfertigungen zu urteilen.

Erinnerung und Versöhnung

Die Vertreter der deutschen Minderheiten legten Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Foto: K. Ogiolda

– Ich danke Ihnen herzlich, dass wir gemeinsam die Opfer beider Seiten der Ereignisse vor über hundert Jahren ehren und ihrer gedenken. Das ist wichtig. Die Geschichte dieser Ereignisse wurde in letzter Zeit u. a. von Professor Ryszard Kaczmarek hervorragend aufgearbeitet – sagte der VdG-Vorsitzende Rafał Bartek auf dem Friedhof am Sankt Annaberg. – Wir wissen heute deutlich mehr über diese Ereignisse vor 105 Jahren als noch vor zehn, zwanzig oder vierzig Jahren. Dennoch dominieren weiterhin Formen des Gedenkens, die dieses neue Wissen nicht berücksichtigen. Wir wollen – auch im Jahr des 35. Jubiläums des deutsch-polnischen Vertrags „Über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit“ – an der Versöhnung arbeiten. Umso mehr, als es Populisten gibt, die Gräben zwischen Nationen und Staaten vertiefen. Seit sechs Jahren kümmern wir uns um die Erinnerung und darum, dass unsere Kränze und Kerzen der Opfer beider Seiten gedenken. Unsere Veranstaltung erinnert stets an den Tag, an dem – am 5. Juli – die Kämpfe in Schlesien im Jahr 1921 endeten.

„Seit sechs Jahren kümmern wir uns um die Erinnerung und darum, dass unsere Kränze und Kerzen der Opfer beider Seiten gedenken.“
— Rafał Bartek

Vor dem zweisprachigen Gebet sprach der Senator Henryk Siedlaczek.

– Ich bin mit diesem Ort sehr verbunden. Wir gedenken hier heute menschlicher Dramen – sagte er. – Der Dramen derer, die auf beiden Seiten des Konflikts standen. Das dürfen wir nicht vergessen. Es soll eine Lektion, eine Lehre und ein Gebet sein, damit solche Friedhöfe nie wieder entstehen. Eine Erinnerung daran, dass wir alle das Recht haben, an diesem Ort, den uns der liebe Gott gegeben hat, zu leben und zu sterben.

Gebet und Reflexion

Der neue Minderheitenseelsorger, Prof. Pfarrer Andrzej Anderwald, zelebrierte die Messe in deutscher Sprache. Foto: K. Ogiolda

Dem gemeinsamen Gebet stand der Seelsorger der nationalen Minderheiten, Prof. Pfarrer Andrzej Anderwald, vor. Bereits zuvor zelebrierte er die Messe in deutscher Sprache in der Basilika auf dem Sankt Annaberg. Auch die Predigt hielt er auf Deutsch. Zum Abschluss sprach er auf Polnisch:

– Heute ist das Fest des Apostels Thomas. Er wird manchmal als der Ungläubige bezeichnet. Für uns Christen – und auch für mich persönlich – ist er jedoch jemand, der über einen kritischen Verstand verfügt und den Glauben im Licht der Vernunft stärken möchte. Denn der Glaube ist, wie der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt, ein Akt der Vernunft. (…) Wir versammeln uns, um der Opfer des Dritten Schlesischen Aufstands zu gedenken, aber auch um das 35-jährige Jubiläum des Vertrags zu würdigen. Der heilige Thomas fordert uns auf, kritisch auf unsere Vielfalt zu blicken, die unsere Identität prägt und in den Herzen und Köpfen der Menschen dieser Region verankert ist. Er fordert uns auch auf, eine ehrliche historische Erinnerung von politischen Bildern der Vergangenheit zu unterscheiden. Diese sind weiterhin lebendig und schmerzen sowie spalten oft.

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