Echte Schlesische Happen: Hopfen und Malz, Gott erhalt’s!

2 Mai 2026, 12:00 Geschichte 9

In der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai entzündeten junge Schlesier einst Freudenfeuer. Das Fest wurde von Tänzen, gebratenem Fleisch und Würsten begleitet. Verbreitet war auch der Brauch, vor den Häusern unverheirateter Mädchen einen „Maibaum“ (mundartlich „Mojik“) aufzustellen. Im Laufe der Zeit geriet diese Tradition in Vergessenheit, doch in der historischen Presse finden sich zahlreiche Beschreibungen und Abbildungen dieses Volksbrauchtums.

Maibäume und alte Bräuche

Im Jahr 1927 wird in der illustrierten Beilage der Zeitschrift „Der Oberschlesische Wanderer“ etwa berichtet, dass im Dorf Rudzinitz (heute: Rudziniec) nur ein einziger Maibaum gestellt wurde, der reich verziert und geschnitzt – ähnlich wie in Bayern – war. In manchen schlesischen Orten kannte man zudem den Brauch, einen „Strohmann“ vor das Haus eines Mädchens zu stellen, das als unfreundlich oder faul galt. Der Strohmann oder ein beschädigter Baum war meist mit einem Besen gekrönt. So kommentierte die männliche Dorfjugend öffentlich das Verhalten – ganz ohne moderne soziale Medien, und doch wusste bald die ganze Gegend Bescheid.

Vor zwei Jahren waren wir am 1. Mai in der Slowakei unterwegs und entdeckten entlang der Straße mehrere solcher Maibäume – vor Haustüren ebenso wie im Dorfzentrum. Vor einem Haus standen sogar zwei Exemplare, unterschiedlich hoch. Vielleicht lebten dort zwei junge Frauen, jede mit einem eigenen Verehrer – oder eine hatte gleich zwei. Auf der Rückfahrt am Abend beobachteten wir neugierig, ob die Maibäume noch standen.

Kalenderblatt um 1925, koloriertes Foto.
Foto: Eberhardt

Schlesische Küche – mehr als nur Fleisch

Zurück aber zur heutigen Maizeit in Schlesien: Die Grillsaison beginnt, und es ist selbstverständlich, dass Würste und Fleisch auf den Rost kommen. Doch bei dieser Gelegenheit lohnt es sich, einen verbreiteten Mythos zu hinterfragen – nämlich die vermeintlich geringe Rolle von Gemüse in der schlesischen Küche. Ein Blick in historische Kochbücher und kulinarische Zeitungsartikel zeigt ein anderes Bild: In Speisezetteln wie auch in Hofküchen spielte frisches Gemüse eine wichtige Rolle, besonders im Frühling. In den Rezepten finden sich Chicorée, Rüben, Erbsen, Bohnen, Rosenkohl, Endivien, Spinat, Karotten, Kohl, Blumenkohl, Gurken, Brokkoli, Sauerampfer, Zwiebeln, Radieschen, Lauch, Salat, Rucola oder Kresse. Ob gekocht oder roh – Gemüse war ein fester Bestandteil von Suppen, Vorspeisen, Salaten und Beilagen.

Hopfen war in Schlesien nicht nur Nutzpflanze, sondern auch Symbol für Fruchtbarkeit, Gemeinschaft und festliche Geselligkeit.

An Schlössern und Adelssitzen existierten Orangerien, die nicht nur dekorativen Zwecken dienten: Früchte und auch exotische Gemüsesorten gelangten auf die Tafeln oder wurden an befreundete Höfe weitergegeben. In Klöstern pflegte man Kräuter- und Gemüsegärten, und auf städtischen Märkten waren frische Produkte leicht erhältlich. Die schlesische Alltagsküche beschränkte sich also keineswegs auf Kartoffeln und Kohl. So waren etwa Liegnitz und Umgebung bekannt für den Gurkenanbau und die Verarbeitung von Gemüse. Auch Obst aus vielen Regionen genoss einen ausgezeichneten Ruf. Hinzu kamen die weit verbreiteten Kleingärten, deren Bedeutung wohl ähnlich groß war wie heute – ein Hinweis darauf ist die um 1900 erschienene „Illustrierte Schlesische Monatsschrift für Obst-, Gemüse- und Gartenbau“.

Gemeinsames Feiern im Dorf, koloriertes Foto.
Foto: „Oberschlesien im Bild” 1934, nr 18/ Schlesische Digitale Bibliothek

Hopfen – Delikatesse und Symbol

Bei der Lektüre historischer Zeitungen stieß ich zudem auf eine interessante Notiz über Gleiwitz: Über Jahrhunderte hinweg erzielten die Bürger der Stadt Einnahmen aus dem Hopfenanbau, dem Brauen und dem Bierverkauf. Bier ist zwar das Endprodukt – doch kulinarisch spannend wird es schon früher. Zwischen März und Anfang Mai wächst Hopfen besonders kräftig, und seine jungen Triebe gelten als Delikatesse: zart, leicht nussig im Geschmack, mit feiner Bitterkeit und reich an Vitaminen. Kurz blanchiert, in Butter gebraten oder als Salatzutat entfalten sie ihr volles Aroma. Hopfen war in Schlesien nicht nur Nutzpflanze, sondern auch Symbol für Fruchtbarkeit, Gemeinschaft und festliche Geselligkeit.

Passend zur Tradition schlage ich eine saisonale Beilage zum Grillen vor – ideal zu Fleisch oder Fisch: einen Salat aus marinierten Hopfentrieben. Die Zubereitung ist einfach, das Geheimnis liegt in der Marinade, die Geschmack und Biss unterstreicht.

Junge Hopfentriebe und Lachs – ein harmonisches Duo

Junge Hopfentriebe sind eine Frühlingsdelikatesse und werden oft als „wilder Spargel“ bezeichnet.
Foto: Małgorzata Janik

Zutaten

4 Stücke gegrillter Lachs
250 g junge Hopfentriebe
Wasser, Salz, Zucker
4 EL Rapsöl
1 TL Senf
1 TL Honig
1 TL Zitronensaft

Zubereitung

Die gewaschenen Hopfentriebe etwa 5 Minuten in kochendem Wasser mit Salz und Zucker blanchieren. Inzwischen Rapsöl mit Honig, Senf und Zitronensaft verrühren (nach Belieben mit Pfeffer oder etwas Chili abschmecken). Die blanchierten Triebe abtropfen lassen, in die Marinade geben und ziehen lassen, damit sich die Aromen verbinden.

Den gegrillten Lachs (alternativ auch Lachsforelle) auf einer Platte anrichten, die marinierten Hopfentriebe dazugeben und mit frischem Dill oder Kerbel servieren.

Guten Appetit und eine genussvolle Maizeit!

Małgorzata Janik

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