Zehn Jahre nach seiner offiziellen Gründung steht das Forschungszentrum der Deutschen Minderheit (FZDM) vor der Frage nach seiner Zukunft. Während der Debatte „Quo vadis, FZDM?“, die am 21. Mai 2026 in der Öffentlichen Woiwodschaftsbibliothek in Oppeln stattfand, zogen Experten, Wissenschaftler und Vertreter der deutschen Minderheit Bilanz über die bisherigen Errungenschaften und formulierten Ziele für die kommenden Jahrzehnte.
Die schwierige Geburt einer Idee
Die Geschichte des Forschungszentrums der Deutschen Minderheit ist keine einfache Erfolgsgeschichte, sondern ein Zeugnis von Entschlossenheit. Obwohl die Notwendigkeit der Gründung einer solchen Einrichtung bereits 2011 während des deutsch-polnischen Runden Tisches formuliert wurde, war der Weg von einem Eintrag in einem Dokument bis hin zu einer tatsächlich funktionierenden Institution lang und schwierig.
Rafał Bartek, Vorsitzender des Verbandes der Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) und einer der Initiatoren der Gründung des Zentrums, erinnert sich an diese Zeit als einen Kampf um Eigenständigkeit: „Im Rückblick war das eine schmerzhafte Geburt. Im Dokument wurde festgehalten, dass die deutsche Minderheit eine solche Einrichtung braucht, und die Regierungen beider Länder stimmten zu, dass sie als eine gewisse ‚Einheit‘ entstehen sollte – so wurde es formuliert, obwohl wir es von Anfang an als etwas viel Größeres verstanden haben. In den ersten Jahren passierte eigentlich nichts, weil wir auf dem Standpunkt standen, dass es eine unabhängige Organisation sein muss, die die Tätigkeit der Minderheit um Archivierung und wissenschaftliche Forschung ergänzt – Bereiche, die zuvor kaum erschlossen waren.“

Dr. Michał Matheja, Leiter des Forschungszentrum der deutschen Minderheit.
Foto: Stefani Koprek Golomb
Das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit stellte einen Antrag auf Finanzierung, und tatsächlich flossen Mittel von polnischer Seite. Als sich im Rahmen dieser Aktivitäten zeigte, wie groß der Bedarf und der Arbeitsaufwand waren, wurde bereits ein Jahr später, 2016, ein eigenständiger Verein gegründet.
„In den ersten Jahren existierte er jedoch hauptsächlich auf dem Papier – natürlich entstanden Berichte, es fanden Treffen und Gespräche statt. Der Durchbruch kam 2021, als die deutsche Seite beschloss, diese neue Einrichtung zu unterstützen, damit sie völlig eigenständig werden konnte. Diese doppelte Finanzierung funktioniert bis heute, wobei der Großteil der Mittel von deutscher Seite stammt. Hinzu kommen polnische Zuschüsse, was eigentlich nicht ganz den ursprünglichen Annahmen entspricht, denn die Gründung dieser Einrichtung war eine Verpflichtung des polnischen Staates“, erinnert sich Rafał Bartek und fügt hinzu: „Das, was wir dank dieses Zentrums erreicht haben, ist ausschließlich positiv zu bewerten.“

Quo vadis, FZDM?.
Foto: Stefani Koprek Golomb
Von „alten Papieren“ zu seriöser Wissenschaft
Der Hauptverdienst des Zentrums, so wurde während der Debatte betont, ist die Veränderung der Wahrnehmung des eigenen Erbes durch die Mitglieder der Minderheit selbst. Vor der Gründung des FZDM verfielen viele wertvolle Dokumente in den örtlichen Deutschen Freundschaftskreisen (DFK), da sie als wenig bedeutend angesehen wurden.
Wie Prof. Dr. Adriana Dawid von der Universität Oppeln anmerkte: „Diese Anfänge waren einerseits von Unsicherheit, andererseits von enormem Enthusiasmus geprägt. Wir mussten ein Arbeitsmodell entwickeln und darüber nachdenken, wie wir die Aufgaben zwischen Historikern, Politikwissenschaftlern und Soziologen aufteilen. Es ist uns gelungen, eine Grundlage dafür zu schaffen, die Geschichte der deutschen Minderheit auf seriöse und wissenschaftliche Weise, ohne Mythen oder Verzerrungen, zu erzählen. Das ist der Hauptverdienst des Zentrums – das erarbeitete Modell hat sich als äußerst professionell und wertvoll erwiesen.“
„Das Zentrum muss sich mutiger aktuellen Themen zuwenden: Wie ist der Zustand der deutschen Minderheit heute? Wie verändert sie sich? Wie ist der Status der deutschen Sprache in der Region? Das sind Bereiche, die niemand sonst in Polen oder Deutschland so systematisch erforscht.“
Rafał Bartek
Das Zentrum wurde zur „letzten Chance“ für viele mündliche Überlieferungen. Dank der Forschungsarbeit gelang es, die Geschichten der „Gründerväter“ der deutschen Minderheit aus den 1990er Jahren festzuhalten, aber auch die jener Menschen, die bereits in den 1980er Jahren aktiv waren und zur Auswanderung gezwungen wurden. Ohne das Engagement des FZDM wären diese Zeugnisse mit der älteren Generation unwiederbringlich verloren gegangen.

Rafał Bartek.
Foto: Stefani Koprek Golomb
Bleibender Wert – Herausforderungen der Archivarbeit
Die Frage der Bewahrung des historischen Gedächtnisses war eines der wichtigsten Themen der Debatte. Dr. Magdalena Wiśniewska-Drewniak von der Nikolaus-Kopernikus-Universität in Toruń wies auf die Besonderheit sozialer Archive hin, die das Zentrum verwaltet.
„Wir, die Menschen, die sich beruflich mit Archiven beschäftigen, nennen diese Perspektive eine langfristige Perspektive – wir sprechen von dauerhafter Aufbewahrung. Unsere Aufgabe besteht darin, den Dokumenten einen möglichst langfristigen Schutz zu bieten. Das ist schwierig, wenn Initiativen von Jahr zu Jahr finanziert werden, aber ich ermutige dazu, über das Erbe in einer Perspektive von 50 oder 100 Jahren nachzudenken“, appellierte die Forscherin. Zugleich verwies sie auf die Notwendigkeit, eine Strategie zur Risikobewertung zu entwickeln, die die Bestände des Zentrums sowohl vor zufälligen Gefahren als auch vor personellen oder reputationsbezogenen Risiken schützt.

Prof. Dr. Adriana Dawid plädiert für eine „Veränderung der Vermittlungsform“.
Foto: Stefani Koprek Golomb
Quo vadis? Neue Horizonte und Popularisierung
Welche Zukunft erwartet das FZDM nach dem ersten Jahrzehnt? Die Teilnehmer der Debatte waren sich einig: Das Zentrum muss stärker über die akademischen Kreise hinauswirken. Obwohl die wissenschaftliche Grundlage unerlässlich ist, wird der Schlüssel zur weiteren Entwicklung darin liegen, ein breiteres und jüngeres Publikum zu erreichen.
Prof. Dr. Adriana Dawid plädiert für eine „Veränderung der Vermittlungsform“: „Wir sollten uns nicht ausschließlich auf streng wissenschaftliche Sprache konzentrieren, auch wenn sie notwendig ist. Ebenso wichtig sind populärwissenschaftliche Elemente. Die Form sollte attraktiver werden – nicht nur wissenschaftliche Bücher, sondern auch leichter zugängliche Publikationen. Die Minderheit sollte durch Interaktion selbst zum Mitgestalter dieser Erzählung werden.“
Rafał Bartek sieht für das Zentrum auch neue Forschungsfelder, die über die reine Geschichtsforschung hinausgehen.
„Das Zentrum muss sich mutiger aktuellen Themen zuwenden: Wie ist der Zustand der deutschen Minderheit heute? Wie verändert sie sich? Wie ist der Status der deutschen Sprache in der Region? Das sind Bereiche, die niemand sonst in Polen oder Deutschland so systematisch erforscht“, betonte der Vorsitzende des VdG.
Ein weiteres Schlüsselziel für die kommenden Jahre ist eine engere Zusammenarbeit mit Hochschulen. Das Zentrum hat das Potenzial, die wichtigste Quellenbasis für Studierende zu werden, die Bachelor-, Master- oder Doktorarbeiten verfassen. Dadurch könnte die Thematik der deutschen Minderheit noch stärker im gesamtpolnischen und europäischen wissenschaftlichen Diskurs verankert werden.
Manuela Leibig